Samstags in Duisburg, Teil 7
Eine Frage der Schnelligkeit und ein treuer Blick

 

Samstag, 19. November. Samstags in Duisburg ist toll! Begründung: erstens wegen des Samstags, zweitens wegen Duisburg.
Zu 1) Am Samstag hat man mehr Zeit. Zum Beispiel auch zum Zeitunglesen. Und weil das so ist, verkaufen die Zeitungen am Samstag auch deutlich mehr Exemplare als werktags. Bestimmt auch in Duisburg.
Zu 2) Und in den Duisburger Zeitungen steht dann drin, was alles so passiert. In Duisburg, na klar. Nicht nur samstags, auch samstags, aber auch sonst so. Am Samstag hat man nur einfach mehr Zeit, dies so richtig zu genießen. Und sei es beim Zeitunglesen.

Heute ist Samstag, der 19. November. Klaus Johann, der Altmeister des Duisburger Lokaljournalismus, schreibt über das 100-jährige Jubiläum der Duisburger Rattenbekämpfer. „… als die Ratten die Stadt überfielen“ heißt der WAZ-Artikel, der leider nicht auf „der Westen“ online steht (inzwischen doch). Er berichtet über die Firma Keßner, die diesem Gewerbe in vierter Generation nachgeht.
Selbstverständlich habe ich ihn gesucht. Ich meine: diesen Artikel online. Gefunden habe ich diesen hier: „
RATS-SPLITTER“. Komisch. Die splittern doch nicht, die rats, wenn sie verjagtwerden! Mal lesen: „Nach langer Diskussion und mit sechs Gegenstimmen votierte der Gemeinderat …“ – hä?! – „St. Johann mehrheitlich für die Anhebung der Hundesteuer.“ Ach so, „Südwest-Presse“; das sagte auch meine Mama schon immer: „Der Junge kann nicht suchen!“

 

„… als die Ratten die Stadt überfielen“ – was meinen Sie denn wohl, wann das gewesen sein könnte? Duisburg, ja sicher: Duisburg. Nein, nicht vor 100 Jahren! Okay, das hätte ich an Ihrer Stelle auch gedacht. Viel später! Raten Sie noch mal! Nein, auch nicht vor 50 Jahren. Sondern noch später; es ist noch gar nicht so lange her. Okay, ich verrate es Ihnen: vor 49 Jahren, also im November 1962.
„Vier Monate dauerte die `Befreiungs´-Aktion 1962“, berichtet Klaus Johann. Vier Monate sind eine lange Zeit. Einerseits. Andererseits: es kommt immer auf die Umstände an. Vieles - manche sagen sogar: alles – ist relativ. Die Sache müsste man sich schon ein wenig genauer ansehen. Oder haben Sie etwa noch im Kopf, wann 1963 Karneval war?! Aha.

 

Okay, ich sage es Ihnen: es war der 25. Februar 1963. Arme Duisburger! Die hatten damals selbst am Rosenmontag noch die Ratten in der Stadt. Nun ja, das ist jetzt 50 Jahre her. Okay, nur 49, aber trotzdem: das ist doch heute eine ganz andere Zeit. Alles ist schneller geworden. Man mag dies bedauern oder auch nicht, es ist einfach so.
Wobei diese Schnelligkeit der heutigen Zeit unverkennbar auch so ihre Vorteile hat. Überlegen Sie mal: nächstes Jahr fällt der Rosenmontag auf den 20. Februar. Heißt: nächstes Jahr sind wir verdammt früh dran. Heißt also auch: wir Duisburger – eigentlich alle Rheinländer, aber gerade wir Duisburger – müssen zusehen, dass wir bis dahin die Seele, unsere Seelen von den alten Sünden gereinigt haben.

 

Da müssen wir uns aber ganz schön sputen, damit an den drei tollen Tagen wieder ganz unbeschwert die Post abgehen kann. Und so ist auch die Initiative „Neuanfang für Duisburg“, die im Grunde ja genau deshalb gegründet worden ist, dafür, den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland am 12. Februar abzuwählen. Also eine Woche vor dem Karnevalswochenende.
„Je eher Sauerland abgewählt ist, umso besser. Dann können die Duisburger auch schön Karneval feiern“, erklärte Initiativen-Sprecher Theo Steegmann gegenüber der
WAZ. Allerdings müsse es die Möglichkeit der Briefwahl geben, worin jedoch kein Problem zu entdecken ist; denn eine Briefwahl findet ja immer vor dem eigentlichen Wahlgang statt. In diesem Fall also erst recht vor Karneval. Alles paletti.

 

Von Oliver Schmeer – das ist der Chefredakteur der Duisburger WAZ – gab es folglich auch ein „Kompliment an die Initiative“, so die Überschrift seines Kommentars zum „Stadtgespräch“. Kompliment an die Initiative, ja von mir aus. Aber fairerweise muss auch einmal erwähnt werden, dass die Initiative zur Initiative nicht von der Initiative ausging, also die Initiative für einen frühen Abwahltermin, sondern von Duisburgs Christenunion.
Klar: solch Christen ist besonders an schneller Vergebung der Sünden gelegen; solch Christen haben es auch besonders nötig. „Will die CDU schnell Klarheit und ein Ende der Hängepartie …“, hatte
Schmeer vor zwei Tagen gefragt. Blöde Frage; selbstredend will sie. „…  oder steckt da eine Trickserei dahinter, wie man in SPD-Kreisen misstrauisch vermutet?“

 

Boah, diese SPD! Wie durchsichtig. Politischer Gegner. Und wieso „oder“?! Die CDU will schnell Klarheit und deshalb diese Trickserei. Was daran bitteschön ist so schwer zu verstehen?! „Wir haben keine Hintergedanken, versichert CDU-Parteichef Mahlberg. Den treuen Blick hätte man gerne durchs Telefon gesehen“, kommentierte Schmeer.

So, jetzt einmal ernsthaft! Dass der Redaktionsleiter der Duisburger WAZ mit dem Vorsitzenden der Duisburger CDU telefoniert, dagegen ist nichts einzuwenden. Das muss er, das ist sein Job! Dass Mahlberg ihn auf seine unnachahmliche Art im Zweiergespräch anlügt, okay, der muss das vielleicht auch. Schmeer weiß es; Mahlberg weiß, dass Schmeer es weiß. Das ist das Geschäft.
Dass Schmeer aber Mahlbergs „treuen Blick“ dann auch noch „gerne durchs Telefon gesehen“ hätte, Entschuldigung! Halten Sie mich für spießig oder verklemmt oder perversophob: so etwas finde ich nicht normal! Für mich ist sowas krank! Sicher, Ausgrenzung, nein danke! Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ich bin auch sonst ziemlich liberal. Aber es muss auch Grenzen geben! Echt!

 

Haben Sie schon mal Mahlbergs „treuen Blick“ sehen dürfen, wenn der Kamerad rotzfrech lügt?! Ah ja. Dann wissen Sie ja Bescheid.


Werner Jurga, 19.11.2011



Samstags in Duisburg – die Serie

 

Die theoretische Basis, notiert sechs Wochen vor der Loveparade

 

 

Samstags in Duisburg – die Serie

 

Teil 1: Schon ziemlich geil hier

Teil 2: Greuliches Fremdschämen

 

Teil 3: Revolution, Umbuchung und ein Schwelbrand

 

Teil 4: wenn es in der Bude rappelt …

 

Teil 5: Formfehler, Grammatikfehler oder welche Hausnummer?

Teil 6: Hochfeld, der Stadtteil der Solidarität



 

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