Die Duisburger Weihnachtsgeschichte 2013

Der Messias ist da, alles wird gut


Dienstag, 24. Dezember 2013. Es begab sich zu jener Zeit, da die Kaiserin der Herzen zum dritten Male dazu auserkoren ward, gütig das auserwählte Volk zu lotsen, das da heimisch gewesen in dem gelobten Land zwischen Rhein und Oder, zwischen Nord-, Ost und Bodensee. Denn außerhalb dieser Grenzen dieses so glücklichen Landes mit seinen arbeitsamen und für ihre Freundlichkeit bekannten Bewohnern gab es im Norden, aber mehr noch im Süden, im Westen, aber mehr noch im Osten andere Länder mit Völkern, die vielleicht nicht ganz so arbeitsam waren, jedenfalls aber voller Neid und Missgunst auf die Auserwählten blickten, denen zum Dank für ihren gottgefälligen Fleiß und ihre aufopferungsvolle Tüchtigkeit vergönnt gewesen ward, mit Freude Milch und Honig fließen sehen zu können und noch die ein oder andere Kleinigkeit beschert zu bekommen, die ihnen zu jener Zeit, da des Erzengel Gabriels Spross Sigmar sich zur Herzenskaiserin Angela gesellt hatte, schon rein dienstgradmäßig zugestanden hatte.  


Es hätte alles so schön sein können, wenn... - ja wenn nicht... - zum Beispiel am westlichen Rande dieses Reiches der Glücklichen - längst zuhauf Fremde eingedrungen wären, die ganz Anderes im Sinne hatten als die hier Angestammten. So geschah es, dass genau dort, wo der Fluss mit dem Namen einer gefährlichen ansteckenden Krankheit, die hauptsächlich den Dickdarm befällt, in den Strom Rhein fließt, eine unschuldige Stadt heimgesucht ward von Fremden, die sich „Roma“ nannten, was in der richtigen Sprache wohl so viel bedeuten sollte wie „Menschen“, obgleich ein Jeder wusste, dass er es hier mit Zigeunern zu schaffen bekommen hatte. Wie konnte Gott nur... - warum wohl hatte er so etwas zugelassen?! Zu jener Zeit, als Angela zum dritten Male – diesmal zusammen mit Sigmar, Sie wissen schon... - bevölkerten schon 120.000 dieser, die man nicht gerufen hatte, das Land. Und 10.000 diese an und für sich wunderschöne, offenbar den Zuständen im Paradies nachempfundene, Stadt an den beiden Flüssen.  


Die ehemals tapferen Bürger begannen, mit ihrem Schicksal, also auch mit Gott, zu hadern. Gerade diejenigen, die links vom großen Strom ihr Heim hatten, fingen gar an zu fluchen, weil doch dort in den drei nebeneinander dereinst errichteten Hochhäusern an die 1000 dieser Fremden angehäuft wurden. „Herr, was sollen wir tun?!“ riefen sie der Verzweiflung nah, sofern sie es überhaupt noch für nötig hielten, mit dem Weltenlenker in Kontakt zu treten. Da hatte der Allmächtige ein Einsehen und schickte einen Götterboten – hernieder auf Erden, sozusagen bis in den Peschen vor die Haustüre. „Fürchtet Euch nicht!“, sprach da der Engel. „Ich möchte das Viertel von der bisherigen Art der Vermietung befreien.“ Es war der gute Branko, der Engel aus dem Hause der Barisics, der da die frohe Botschaft überbrachte. Und alle, ja wirklich alle, sogar die Barone des Flusses mit dem Seuchennamen, haben dem guten Branko geglaubt. Und glauben es ihm auch heute noch. Stark im Glauben. Warum denn auch nicht?!  


Denn dem Barisic sein Branko gehören schließlich die Häuser in dem Viertel, sogar auch die hohen. Wenn der also sagt, dass er „das Viertel von der bisherigen Art der Vermietung befreien“ möchte, dann wird er das ja wohl auch tun. Da fragen wir nicht Warum. Lasset uns beten! Barisic ist ein Guter. Der hält, was er verspricht. Und dass er dies in dieser Sache schon ein paar Mal nicht gemacht, obwohl er genau dies schon ein paar Mal versprochen hatte, ist einzig und allein die Strafe dafür, dass wir gezweifelt hatten. Ihm einfach nicht geglaubt hatten. Klar: dann funktioniert´s auch nicht. Das passiert uns aber diesmal nicht noch mal. Wir glauben Branko. Denn Branko ist ein Engel. Ein Engel der Liebe. Das weiß nun aber wirklich jeder. Götterbote Barisic kümmert sich nämlich hauptsächlich darum, dass inmitten der ganz großen Stadt in ganz großen Häusern die Liebe zwischen den Menschen, insbesondere die zwischen Männlein und Weiblein, auf Teufel komm raus gedeiht. Und das fluppt.  


Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch: das sind keine Problemhäuser! Diese mit den großen blinkenden Lichtern. Die Menschen haben sich lieb, richtig feste lieb, und für die Stadt fällt bei der ganzen Nummer, also bei den ganzen Nummern, ebenfalls ordentlich etwas ab. Das hat Gott gern: Liebhaben und für die Gott-gefälligen etwas Milch und Honig obendrauf. Aber da links vom großen Strom, dieses Problemhaus oder diese Problemhäuser. "Verlustbringer". Rund 800.000 Euro musste er schon draufzahlen, sagt Barisic. Da hätte selbst der gute Branko fast ein kleines bisschen böse werden können. Doch Gott sei Dank gab es Zof, nicht erschrecken: das ist ein Verein, der sorgt aber für das Gegenteil von seinem Namen. Also: kein Zoff; sondern: "Durch Zof sind wir alle schmusiger geworden", sagte Branko Barisic. Und der kennt sich mit sowas bekanntlich bestens aus. Zof hatte nämlich eine Liste von Familien erstellt, die bleiben und sich integrieren wollen.  


Wie bitte?! Sie sehen da jetzt einen Widerspruch? Na, wieso denn? - Ach so, ja Moment mal. Barisic will selbstverständlich „das Viertel von der bisherigen Art der Vermietung befreien“. Das ist doch gar keine Frage. Sehen Sie mal: „In der Beguinenstraße gab es keine Mieter. Die Wohnungen waren besetzt.“ Diese Zigeuner hatten also diese Wohnungen genutzt, ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Deshalb sind die jetzt auch rausgeflogen bzw. die Wohnungen von dieser Nutzungsart befreit. Das ist erstens in sich logisch, schindet aber zweitens auch ziemlichen Eindruck. Nun erzählt man sich allerorten, auch das sogenannte „Problemhaus“ in den Peschen werde bald leerstehen. Ja, warum das denn? Hat Branko Barisic das irgendwann irgendwo gesagt? Ich habe es nirgendwo gelesen. Und selbst wenn er es gesagt hätte... - na und?! Warum sollte er das denn tun? "Die Menschen auf die Straße setzen, das kann ich nicht, allein schon wegen all der kleinen Kinder." Das hat er gesagt! Der Engel.  


Schon gar nicht vor Weihnachten. Hat er auch gesagt, Sankto Branko. Aber die Weihnachtsgeschichte – das muss fairerweise auch einmal gesagt werden! - besteht auch und vor allem gerade daraus, dass ganz arme Leute nicht etwa aufgenommen, sondern abgewiesen werden. Und das ist genau der Aspekt, den diese wundervolle Stadt an der Flussmündung, stark im Auge hat. Genauer gesagt: ihr Direktor. Der heißt Reinhold, der Direktor dieser Stadt, und geht „davon aus, dass die Bewohner auf Grund ihrer hohen Mobilität weiterziehen und die Stadt verlassen“. Da hat er natürlich Recht: was soll man groß planen, gar einen Notfallplan anfertigen, und dann suchen die sich außerhalb Duisburgs anderen Wohnraum?! Diese „hochmobilen Familien“. Da hat er sowas von Recht, der Reinhold, und zwar nicht nur von der Logik, sondern auch von den Paragrafen her. Nur blöd: Recht haben allein genügt nicht, man muss auch Recht bekommen. Vor Gericht, meinte dereinst eine Versicherung. Von der Wirklichkeit, meine ich.  


Eine neue Wohnung muss sich jeder selbst besorgen“, sagt Reinhold, der Direktor, “das ist nicht unsere Aufgabe.“ Das ist irgendwie wahr, irgendwie auch beklemmend, vor allem aber der Kern jeder Hoffnung, weil es so strunzdoof ist. Es ist die Duisburger Weihnachtsgeschichte. Die frohe Botschaft. Es besorgt sich schon jeder selbst eine Wohnung. An die Zehntausend hatten es ja bisher auch geschafft. Fürchtet Euch nicht! Es ist eine Weihnachtsgeschichte für jeden. Sie gibt den tüchtigen Bürgern Hoffnung. Reinhold bekommt das Top-Versprechen: er muss weiter einfach gar nichts tun. Sie verspricht den Nachbarn der Fremden Erlösung. Sie verheißt den für die Flüchtlinge ebenso selbstlos wie radikal Engagierten heiße Kämpfe im neuen Jahr und vielleicht hat sie sogar den Roma selbst mehr als nur ein Gefühl der Ohnmacht zu bieten. Da sind ja auch die einen so, die anderen so. Am meisten – das ist klar – bedeutet diese Geschichte freilich Branko Barisic selbst. Ihm bereitet sie so richtig viel Spaß. Kein Wunder: er hat sie ja schließlich auch erzählt.  


Werner Jurga, 24.12.2013






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