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Den Deutschen geht es gut

Sogar ganz normalen Menschen


Samstag, 21. Dezember 2013. „So ganz normale Menschen gibt es irgendwie gar nicht mehr“, sagte mir neulich eine ganz normale Menschin. Ihr ist dabei schon aufgefallen, dass sie allein mit ihrer Existenz bezeugte, dass die von ihr aufgestellte soziologische These in ihrer Radikalität... - sagen wir mal: die Realität nicht völlig deckungsgleich abbildet. Aber klar: Schelskys „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ gibt es nicht mehr. Es hatte sie auch schon im Nachkriegsdeutschland nicht gegeben. Doch zumindest war es nicht ganz so lächerlich, darüber zu reden. „Nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ - auf was für Ideen man kommen kann, wenn allerorten so ganz normale Menschen zu sehen sind!

Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft“ - so muss man das sagen! Gut, das klingt ein wenig linksradikal; aber so hatte er sie genannt, seine Habilitationsschrift. In dem Jahr, als ich das Licht der Welt erblickt hatte, wurde Ralf Dahrendorf mit dieser Anti-Schelsky-Arbeit Professor für Soziologie. 25 Jahre später wurde der FDP-Politiker Sir Dahrendorf von Queen Elisabeth II. zum Knight Commander of the Order of the British Empire (KBE) erhoben. Jüngeren ist Dahrendorf allenfalls bekannt als Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), für die er sich am Ende seines Lebens engagiert hatte.


All dies war meiner Gesprächspartnerin nicht bekannt, als sie mir ihre Beobachtung – oder war es mehr so ein Gefühl? - mitteilte: „So ganz normale Menschen gibt es irgendwie gar nicht mehr.“ Ich widersprach. „Was ist denn mit Dir“, entgegnete ich, „bist Du etwa nicht ganz normal?!“ Doch, doch, sie natürlich schon. Dass diese Schlaumeier auch immer jedes Wort auf die Goldwaage legen müssen! Ätzend. Und außerdem: selbstverständlich hatte sie nicht ganz Unrecht. „Sozialer Wandel“, wie die Fachleute dieses Phänomen nennen. „Erosion der Mittelschicht“. Aufsteiger und Absteiger, im Ergebnis bleiben in der Mitte immer weniger Leute übrig.

Kurios: je kleiner sie wird, desto mehr wird sie zum Maßstab aller Dinge. Die „Mittelschicht“. Und je mehr sie zum Maßstab aller Dinge wird, desto mehr zählen sich die Leute irgendwie dazu. Die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ überlebt gefühlt. Gleichzeitig ist aber auch das Gefühl nicht totzukriegen, das die normale Menschin so treffend auf den Nenner brachte: „So ganz normale Menschen gibt es irgendwie gar nicht mehr.“ Den Deutschen geht es gut, sagt Frau Merkel. Die Sozialdemokraten können sich kaum damit zurückhalten zu nicken. Allerdings muss der Mindestlohn noch kommen. Dann geht es uns wirklich richtig gut.


Albert Einstein verkündete dereinst, alles sei relativ. Das ist zwar in sich nicht ganz schlüssig; doch irgendwie ist etwas dran. Den Deutschen zum Beispiel geht es relativ gut. Verglichen mit den anderen Europäern, denen es – warum auch immer – nicht ganz so gut geht, geradezu blendend. Über Europa hinaus wollen wir erst gar nicht gucken. Und innerhalb Europas? Tja, was haben wir denn mit den Tschechen zu tun?! Dann schon eher mit den Spaniern. Andererseits muss natürlich auch jeder selbst sehen, wo er bleibt. Denn selbst wenn wir davon ausgehen, dass es den Deutschen relativ gut geht, heißt das ja mehr als nur: „Danke! Es könnte besser sein.“

Es heißt auch, dass es Vielen ziemlich gut, Anderen aber – nicht ganz so Vielen, aber immerhin – gar nicht einmal so gut geht. Etwa den anderthalb Millionen Aufstockern. Oder denen, die nichts aufstocken können, weil nichts zum Aufstocken da ist. Oder denen, die nicht Aufstocken dürfen, weil sie angeblich schon genug verdienen. Die Erzieher, die Kranken- und Altenpfleger, die allesamt unheimlich wichtig sind, was Alle sagen. Die in aller Regel weiblichen Geschlechts sind, weil ein Mann mit diesem mickrigen Einkommen natürlich gar nicht hinkommen kann. Schließlich müsste der ja eine Familie ernähren können. Für eine Hinzuverdienerin aber eine schöne Aufgabe.


Irgendwie geht das schon. Denn den Deutschen geht es relativ gut. Trotzdem machen die Stadtbüchereien zu, und die Schwimmbäder. Auch für die Sportplätze wird es eng. Die Städte können nicht mehr, die Vereine konnten noch nie. Dafür laufen die Fitnesscenter ganz gut, zumindest eine Weile. Nun ließe sich sagen: das ist eben sozialer Wandel. Die Leute wollen frei sein, sich nicht mehr so lange binden. Fitnesscenter statt Sportvereine. Die sind zwar ein Ideechen teurer. Aber Freiheit hat nun einmal ihren Preis. Allerdings keine Sportplätze. Jedenfalls kenne ich keine Muckibude mit angeschlossenem Fußballplatz. Das will ja auch kein Mensch.

Haben Sie sich einmal überlegt, was so etwas kostet?! Ja, so ein Fußballplatz. Die „Unterhaltung“ könnte noch so eben zu stemmen sein. Ist sie nicht, aber egal. Doch allein dieser verschwenderische Flächenverbrauch. Ein Hektar Land – mindestens. Da kriegen Sie aber nicht einmal ein Spielfeld mit Umkleidekabinen, Platz für Zuschauer und Gedöns drauf. So ein Sportverein hat aber mehrere Plätze, heißt also: einige Hektar Land – oft in Top-Lage – wirtschaftlich im Grunde ungenutzt. Welch eine Verschwendung! Und da wundert man sich, dass es in einem reichen Land wie dem unserem, in dem es den Menschen relativ gut geht, immer auch noch Armut gibt!


So ganz normale Menschen können mit diesen Vereinen sowieso nichts mehr anfangen. Die müssen nämlich arbeiten! Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter. Der ganz normale Mensch ist heutzutage nämlich nicht mehr der, den meine Gesprächspartnerin – die von neulich – immer noch im Kopf hat. Der ganz normale Mensch von heute ist dynamisch, flexibel, anpassungsfähig. Ganz egal ob Männlein oder Weiblein: der hat Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen. Vielleicht will er sogar auch noch ein bisschen Spaß in seiner Freizeit haben. Dienstags und donnerstags abends Training, Sonntag morgens Spiel – so läuft das heute nicht mehr!

So etwas will der auch gar nicht mehr. Der will ein freies Leben führen. Will, dass seine organisatorischen Potenziale ausgeschöpft werden. So mit Smartphone und allem Drum und Dran. Der will auf sich stolz sein können. Der will nicht jeden Sonntag damit verplempern, dass er so eine Rasselbande zum Spiel fährt. Der hat keinen Bock darauf, als stellvertretender Kassierer zu versauern. Der will weiterkommen. Wir leben schließlich im Computerzeitalter. Wer auch nur ein ganz kleines Bisschen auf Zack ist, der kann es sich in diesem unserem Lande gutgehen lassen. Ein wenig Anstrengung vorausgesetzt, versteht sich. Denn den Deutschen geht es gut.


Sogar denen, die es auch noch gibt. Den ganz normale Menschen, Modell 20. Jahrhundert. Sei ihnen gegönnt! Er, sagen wir mal, industrieller Facharbeiter. Sie Kassiererin im Supermarkt. Halbtags wegen der beiden Kinder. Oder meinetwegen er Sachbearbeiter bei einer Versicherung, sie Sekretärin im öffentlichen Dienst. Auch hier: sie halbtags wegen der beiden Kinder. Tatsächlich: diese Sorte gibt es noch. Nicht ganz so häufig, wie uns das Werbefernsehen Glauben lassen will. Nicht ganz so häufig, wie man beim Lesen von Wahlkampfbroschüren oder Steuerratgebern meinen sollte. Aber es gibt sie noch, diese ganz normalen Menschen von gestern.

Etwas spießig vielleicht, geht aber niemanden etwas an. Muss ja jeder selber wissen. Wem´s gefällt, bitte sehr! Und das Schönste: selbst diesen Leuten geht es gut. Relativ gut, das ist ja klar. Und doch; ein kleiner Bausparvertrag vorausgesetzt, und es werden Dinge möglich, von denen die Vorgängergenerationen gar nicht zu träumen gewagt hatten. Das Werbefernsehen weiß: im Grunde sind wir alle kleine Spießer. Das ist ja auch okay. Der Haken an der ganzen Sache: sie ist ein klein wenig riskant. Wenn nämlich einer der Beteiligten seinen Job verliert oder die Ehe in die Brüche geht, dann steht man blöd da im Fußballverein. Wie will man auch das dann noch alles machen?!


So ganz normale Menschen gibt es irgendwie gar nicht mehr“, sagte mir neulich eine ganz normale Menschin. Auf was für Ideen man kommen kann, wenn es allerorten nicht mehr so richtig funktioniert! Weil das irgendwie alles so viel geworden ist. Manchmal einfach zu viel für so ganz normale Menschen. Aber was sollen wir klagen?! Uns geht es doch gut. Relativ zumindest. Wenn wir nur mal so an die Griechen und Spanier und, wie sie alle heißen, denken, können wir nur sagen: uns Deutschen geht es gut. Und was im Privatleben so passiert... - Leute! Das geht den Staat aber nun wirklich nichts an. Freiheit, verstehen Sie?! Und Verantwortung, versteht sich.


Werner Jurga, 21.12.2013




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