Foto: Stadt Mülheim (via der Westen)


Damals in Mülheim

Willy Brandt


Mittwoch, 18. Dezember 2013. Heute wäre Willy Brandt 100 Jahre alt geworden. Doch so alt werden nur die Wenigsten. Brandt ist 1992 gestorben, also 78 Jahre alt geworden. Auch damit ist er älter geworden als seine Generation im Durchschnitt. Wichtiger noch als die Dauer ist aber die Intensität des Lebens. Ob es wichtig ist, was von einem Leben bleibt – wichtig für den, der gelebt hat -, ist eine religiöse Frage. Sie soll uns hier nicht interessieren. Für diejenigen, die weiterhin in diesem Land leben, und auch für diejenigen, die nach Willy Brandt hier leben, ist das, was von ihm geblieben ist, der wichtigste Aspekt. Willy Brandt hat Spuren hinterlassen in Deutschland, tiefe Spuren. Er hat dieses Land, wenn schon nicht geprägt, so doch wie vielleicht kein Anderer mitgeprägt. Willy war der bedeutendste Sozialdemokrat des 20 Jahrhunderts. Zu Recht hat er innerhalb der deutschen Sozialdemokratie gleichsam den Status einer Ikone.  


Es wäre jedoch ein Irrglaube, Menschen als „Heilige“ zu verehren. Menschen machen Fehler, Menschen haben Fehler. Willy Brandt war kein Heiliger, er war ein Mensch. Und darüber hinaus ein Politiker. Menschen, die sich um Heiligkeit bemühen, und solche gibt es bekanntlich, schaffen es bestenfalls zur Scheinheiligkeit, schaffen es aber keinesfalls zum Politiker. Brandt war durch und durch Politiker. Und Brandt war durch und durch Mensch. Ich denke, diese geradezu einmalige Authentizität ist es, die sein Charisma ausmachten. Viele – auch Nicht-Sozialdemokraten – waren (und sind) von Willys „Art“ fasziniert. Wahr ist aber auch, dass Viele ihn gehasst hatten wie keinen anderen Politiker. Allerdings nicht wegen seiner menschlichen Eigenschaften oder seines politischen Stils, sondern wegen der Politik, die er gemacht hatte, für die er stand, die er symbolisierte. Brandt hatte Deutschland erneuert – und übrigens auch die SPD.  


Ich selbst bin Willy Brandt niemals begegnet, doch zweimal hatte ich ihn mit eigenen Augen erlebt. Also sozusagen „live“, ohne dass das Medium Fernsehen dazwischen gewesen wäre. Am häufigsten hatte ich Brandt freilich im Fernsehen gesehen. Zweimal aber – mindestens zweimal, so ganz sicher bin ich da nicht – war ich aber bei seinen Auftritten auf großen Plätzen anwesend. An diese beiden Ereignisse kann ich mich genau erinnern. Einmal hörte und sah ich ihn im Bonner Hofgarten auf der großen Friedensdemonstration am 22. Oktober 1983, einen Monat vor der Zustimmung des Bundestages zur Stationierung der Pershing-2-Raketen. Das erste Mal war aber 18 Jahre zuvor, am 3. September 1965. Ich nehme an, es waren noch Sommerferien in NRW. Ich war noch keine acht Jahre alt, hatte aber dennoch schon die ersten beiden Jahre geschafft. „Kurzschuljahre“ hießen sie, weil in dieser Zeit das Land NRW den Schuljahreswechsel von Ostern in den Sommer verlegt hatte.  


Ich wurde im April 1964 eingeschult, kam im Herbst 1964 in die 2. Klasse, und ab Sommer 1965 ging es in der 3. Klasse wieder „normal“ weiter. An diesem besagten 3. September streunten wir Straßenjungs in der Stadtmitte herum. In Mülheim Stadtmitte. Ich bin ja in Mülheim an der Ruhr geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach dem Abitur hinaus in die große, weite Welt. An den Studienort – nach Duisburg. Wow! Aber das passierte erst gut zehn Jahre später. Am 3. September 1965 waren wir Burschen, wie eigentlich immer, mit dem Fahrrad unterwegs, als uns aufgefallen war, dass die Stadt sich mehr und mehr mit Menschen füllte. Sie kamen ebenfalls auf Fahrrädern, zu Fuß, in Bussen oder Straßenbahnen, und einige auch im Auto. Das war selbst 1965 noch nicht so verbreitet, schon gar nicht bei SPD-Anhängern. Es fuhren gerade mal so etwa 15 Millionen Autos auf deutschen Straßen (2013: 52 Mio. Autos).  


Heute sind viereinhalb mal so viele Karren angemeldet wie 1965. Das waren noch Zeiten! Deshalb war es ja auch kein Problem, dass wir Achtjährigen mit den Rädern allein in der Stadt waren. Freilich hatten wir zunächst nicht die geringste Ahnung, was die Leute alle in der Stadt wollten. Ich schwöre es: wirklich nicht! Das hatte uns damals zwar keine Sau geglaubt, war aber egal. Die Alten hatten keinen großen Ärger gemacht. Wir waren zwar erst etwas später zu Hause, als unter normalen Umständen zu erwarten gewesen wäre. Doch erstens war es noch hell, und zweitens waren wir derart aus dem Häuschen (zu Deutsch: „euphorisiert“), dass die Eltern irgendwie angesteckt waren von dem Spaß, den wir hatten. Wir wohnten alle in einer Straße in dieser Stahlarbeitersiedlung; da war unsere Abwesenheit allgemeines Konferenzthema – auf der Straße, versteht sich. Und unsere leicht verspätete Rückkehr ein allgemeines Happening.  


Zumal: wir hatten ja echt etwas zu erzählen. Wir waren bei Willy Brandt! Der Mülheimer Rathausplatz war, wie Sie auf dem Artikelbild der Stadt Mülheim sehen können, picke packe voll. Brandt war nämlich – seit drei Jahren – SPD-Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat. Er war der erste, der allererste. Kanzlerkandidat – der SPD, versteht sich. Die CDU brauchte nie einen, die stellte nämlich immer den Kanzler. Kanzlerkandidat – das war so eine Idee aus Amerika. Willy Brandt war, wie gesagt, der erste, ausdrücklich als solcher Nominierte. Allerdings schon 1961. Die Wahl hatte er verloren, und 1965 ging es gut zwei Wochen später, am 19. September, dann auch schief. Brandt war ob dieser neuerlichen Niederlage sehr enttäuscht... - obwohl er mit 39,3% einen historischen Rekord für die SPD geschafft hatte. Auch heute können die Genossen bekanntlich von solch einem Ergebnis nur träumen.  


Willy dagegen war im Herbst 1965 so fertig, dass er in Erwägung gezogen hatte, alle Plörren hinzuschmeißen. Auch auf dem Foto vom 3. September sieht Brandt schon ziemlich erschöpft aus. Das ist uns als Kindern freilich nicht aufgefallen. Wir standen am Rande – so war das damals halt – ziemlich weit entfernt von der Bühne, konnten den Redner aber bestens hören. Ich erinnere nur noch: laut. Willy kam mir, alles kam mir sehr laut vor. Ständig auch dieser Applaus. Sie müssen bedenken: es war überhaupt das erste Mal, dass ich auf solch einer Massenveranstaltung zugegen war. Ich fand das einfach nur, wie man heute sagen würde, geil. Und was der alles mitgebracht hatte, der Willy! Klar, die SPD verteilte auch damals schon all so´n Zeug, das heute auf Neudeutsch „Giveaways“ heißt. Auch schon gar nicht schlecht, aber nichts gegen das, was Brandt im Gepäck hatte! Fußbälle, also echte Lederbälle – schon ein Hammer!  


Und, jetzt kommt´s: Trikots. Fußballtrikots! Das musste man sich einfach nur mal vorstellen! Die Trikots waren von Hertha BSC. Logisch, Willy Brandt war der Regierende Bürgermeister von Berlin, also waren die Trikots auch aus Berlin. Das fanden wir eigentlich an sich nicht ganz so toll, weil wir Mülheimer Jungs natürlich für den MSV waren. Sowieso, und dann ist Duisburg gerade – nach der allerersten Bundesliga-Saison – auch noch deutscher Vizemeister geworden. Und Brandt hatte Hertha-Trikots dabei. Egal, besser als in die nackte Hand geschissen; außerdem guckt man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul. Logischerweise bekam nicht jeder einen Lederball oder ein Fußballtrikot. Doch ob Sie es glauben oder nicht: wir hatten tatsächlich sowohl einen Ball als auch ein Trikot abgestaubt. Die beiden Brüder von nebenan hatten schon einen Lederball zu Hause; also bekamen die das Trikot. Und ich den Ball. Endlich hatte auch ich einen Lederball.  


Ich fand den klasse, diesen Willy Brandt. Mit so einem Hertha-Hemd hätte ich sowieso nichts anfangen können. Trotzdem: auch sehr nett vom Brandt, fand ich. Das hatte ich auch zu Hause erzählt. Obwohl ich selbstverständlich wusste, dass bei uns im Haus alle CDU wählen. Ich fand den wirklich klasse. Seine Sprachmelodie und seine Stimme kannte ich schon aus dem Fernsehen. Aber wie der da so losgelegt hatte, vor dem Mülheimer Rathaus... - ich war schon extrem beeindruckt. Nein, ich weiß nicht (mehr), was er damals gesagt hatte. Ehrlich gesagt wusste ich es auch damals nicht. Erwachsene können Fragen stellen... - allerdings: Willy selbst hatte damals erklärt, wie das genau funktioniert mit den Fußballtrikots. Wie man eins bekommen konnte. Das weiß ich noch. So hat halt jede Zielgruppe ihren speziellen Interessenschwerpunkt. Und dass er ganz toll war, der Willy! Obwohl ich bislang zu Hause immer Anderes gehört hatte.  


Werner Jurga, 18.12.2013





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