Heavy-Metal-Musik

Mit niedrigem Blutdruck gegen die Wand laufen


Samstag, 14. Dezember 2013. Die Adventszeit. Weihnachten steht vor der Tür. Friede, Freude, Besinnlichkeit. Geduldiges Warten auf das alljährliche Erscheinen unseres Herrn oder auch nur auf die schöne Zeit im Kreis der Lieben. Weihnachten – das Fest der Liebe. Das Fest des Friedens. Die Weihnachtszeit – eine Zeit der Besinnung. Es sei denn, Sie gehen, wovor allein schon aus medizinischen Gründen nur gewarnt werden kann, in die Stadt. Sie brauchen gar nicht erst einen Weihnachtsmarkt zu besuchen oder ein Kaufhaus zu betreten; es erwischt Sie auch so. Überall und ständig dieses pausenlose Gedudel der sog. Weihnachtsmusik. Das ist nicht nur nervtötend, sondern macht auch krank. Wobei freilich das Eine mit dem Anderen aufs Engste zusammenhängt.  


Man weiß es ja: „Musik wirkt aufs Gemüt, das vegetative Nervensystem, auf den gesamten Körper des Menschen. Sowohl positiv als auch negativ. Musik kann beruhigen, Stress auslösen, Pulsschlag und Atmung verändern.“ Ich war kürzlich in der Stadt, gar nicht einmal allzu lang. Doch ich habe sofort gespürt, wie mein Organismus – wehrlos der Beschallung mit diesem Weihnachtsgedudel ausgesetzt – gelitten hat, versuchte, sich zu wehren, aussichtslos... Die Pulsfrequenz stieg, der Blutdruck raste in die Höhe. Und Bluthochdruck, Hypertonie – ich brauche Ihnen nichts zu erzählen. Die Blutgefäße halten auf die Dauer diesem Druck nicht stand; Arteriosklerose ist die Folge. Die Herzkranzgefäße verengen sich, am Ende steht ein Herzinfarkt. Oder ein Schlaganfall.  


Klar. Bluthochdruck kann aber auch zur Erblindung führen und ist die häufigste Ursache für chronisches Nierenversagen. Mit Bluthochdruck ist also nicht zu spaßen. Deshalb sollte der richtigen Auswahl von Musik höchste Bedeutung zugemessen werden. Die DHL hat jetzt... - nein, natürlich nicht der Paketdienst, sondern die Deutsche Hochdruckliga. Also, die hatte jetzt, vom 12. bis zum 14. Dezember, gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention, in Münster einen wissenschaftlichen Kongress zum Thema „Hypertonie und Prävention“ veranstaltet. Dort hat Hans-Joachim Trappe eine bislang noch unveröffentlichte Pilotstudie zur Wirkung von Musik auf Blutdruck und Herzfrequenz vorgestellt. Pünktlich zur Weihnachtszeit, sozusagen.  


Prof. Dr. Hans-Joachim Trappe
Foto: Ruhr Uni Bochum 

Der Herzspezialist und Internist Prof. Dr. Trappe ist Klinikdirektor an der Ruhr-Universität Bochum und erforscht seit Jahren den Einfluss von Klassik, Rock und Pop auf das Herz-Kreislauf-System. Das wichtigste Ergebnis der Studie: "Heavy Metal kann den Blutdruck senken". Denn „Musik beeinflusst nicht nur die Emotionen des Hörers“, so aponet, das offizielle Gesundheitsportal der deutschen ApothekerInnen, "sondern auch dessen vegetatives Nervensystem. Dadurch wird die Ausschüttung von Stresshormonen gedrosselt, die Atmung beruhigt sich, Blutdruck und Herzfrequenz sinken.“ Seit längerem bekannt ist: „Wer unter Bluthochdruck leidet, sollte Musik von Johann Sebastian Bach hören.“ Folgendes hat sich bislang jedoch noch nicht so richtig herumgesprochen:  


Heavy Metal geht aber auch. Beide Musikrichtungen senken laut einer aktuellen Studie an der Ruhr-Universität Bochum den Blutdruck.“ In einem Interview mit Welt Online erklärt Trappe: „Die Musik von Johann Sebastian Bach hat die günstigsten Effekte auf den Blutdruck und die Herzfrequenz. Bei Mozart, Strauss und auch bei Heavy Metal sinkt der Blutdruck. Die Effekte waren sowohl auf systolischen und diastolischen Blutdruck als auch für die Herzfrequenz eindeutig nachzuweisen. Das ermutigt sehr, diese Ergebnisse nun bei Patienten mit Bluthochdruck anzuwenden.“ Na sicher, Wissenschaft hat für den Menschen da zu sein. Bluthochdruck ist ja keine Petitesse, bei der Umsetzung in den klinischen Alltag ist also keine Zeit zu verlieren.  


Da ich mich, obgleich medizinischer Laie, in dieser Musikrichtung einigermaßen zu Hause fühle, kann ich anbieten, Hypertonie-Betroffenen meine sach- und fachkundige Hilfe anzubieten. Vor Selbstmedikation kann ich hingegen nur warnen. Da gibt es Unproblematisches - „Bei der Musik von ABBA funktioniert es nicht, dort gab es gar keine Effekte“ (Trappe in der „Welt“); allerdings aber auch Hochgefährliches - „Was ich zum Beispiel gar nicht aushalten kann, das ist Volksmusik. Da muss ich abschalten, das kann ich nicht“ (Trappe bei onmeda.de). Und selbstverständlich, so der Professor an gleicher Stelle, “muss man mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein und die genauen Bedingungen von Studien kennen, bevor man Aussagen trifft. Heavy Metal ist nicht gleich Heavy Metal.“ 


Gut, das hätte ich Ihnen auch sagen können. Aber es ist immer gut, die eigene Position von einem Experten bestätigt zu bekommen. „Diese Musik“, nämlich Heavy Metal, “kann auch ganz andere Effekte haben“, warnt Prof. Trappe. Eva-Maria Trappe, immerhin eine Tochter dieser Kapazität, hatte nämlich schon im Jahr zuvor eine erschreckende Beobachtung machen müssen. Der Chefarzt berichtet höchstselbst: „In einer experimentellen Studie von 2012 hat meine Tochter Eva-Maria unter anderem das Verhalten von 36 Schweinen betrachtet. Bei dem Disturbed-Titel (Heavy Metal) liefen die Schweine gegen die Stallwände“. Erbarmen! Dann doch lieber Bach; denn: „Bei Bachs Orchesterstudie spielten sie beruhigt Ball.“  


Werner Jurga, 14.12.2013





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