Nach dem Orkan

Weichenstellung?


Sonntag, 8. Dezember 2013. In der Autobahnausfahrt Mülheim-Styrum soll ein Baum auf die Fahrbahn gefallen sein. Eine Meldung mit einem Nachrichtenwert wie „In Hamburg ist eine Currywurst geplatzt“. In Hamburg aber hätte es eine Störung bei der Zubereitung eines Imbisses nicht in die Nachrichten schaffen können. Denn die Millionenstadt wurde von einer ganzen Reihe schwerer Sturmfluten heimgesucht – mit Wasserständen bis zu vier Metern über dem mittleren Höchststand einer Flut. Weit höher als bei der Katastrophe von 1962, der 340 Menschen zum Opfer fielen. Von „Viel Lärm um nichts“ kann also keine Rede sein. Das Orkantief „Xaver“ war so kräftig und langandauernd wie von den Meteorologen vorhergesagt. Das Warnsystem, der Wetterdienst und der Katastrophenschutz hatten gut funktioniert und damit dafür gesorgt, dass schwerere Schäden vermieden und Menschenleben geschont werden konnten.  


Wer in den letzten Tagen die Berichterstattung verfolgt hat, weiß, dass der Orkan „Xaver“ nicht nur Hamburg und der gesamten deutschen Nordseeküste zu schaffen machte, sondern weiten Teilen Nord- und Westeuropas. Also auch Deutschland, und zwar ganz Deutschland. Wir hier im westlichen Ruhrgebiet und am Niederrhein wissen das nur aus Zeitung, Fernsehen und Internet. Glück gehabt. Doch aus früheren Ereignissen wissen auch wir, dass Herbst- und Winterstürme sehr heftig ausfallen können. Mit dem Klimawandel hat das wenig zu tun; Orkantiefs gab und gibt es hierzulande immer wieder. Die „Polarfronten“ bilden sich jedes Jahr; ihre Ursachen sind die großen Temperaturunterschiede zwischen der Arktis und den Subtropen. Zumal die globale Erwärmung seit Beginn dieses Jahrhunderts gestoppt ist bzw. um politisch korrekt zu bleiben: „eine Pause eingelegt hat“.  


Allerdings: abgekühlt hat sich die globale Temperatur auch wieder nicht, und das bedeutet, dass das Eis an den Polen und auf den Gletschern weiterhin schmilzt. Was dies für „unsere“ Herbst- und Winterstürme bedeutet, ist schwer zu sagen. Deshalb sagen die Einen so, die Anderen so. Den Mainstream bilden freilich die Prognosen, die besagen, dass Häufigkeit und Intensität der Stürme zunähmen. Unstreitig ist aber: so lange es an den Polen und auf den Gipfeln taut, steigt der Meeresspiegel an. Er liegt bereits heute in der Deutschen Bucht um etwa zwanzig Zentimeter höher als vor einem Jahrhundert. Und wenn der Meeresspiegel weiter ansteigt, nimmt auf jeden Fall die Höhe der Sturmfluten zu. Dass die Häufigkeit der Orkantiefs in unseren Breiten zunähme, will mir, weil doch die Temperaturdifferenzen zwischen Arktis und Subtropen die Ursache sind, nicht so recht einleuchten. Dass das Hochwasserrisiko zunimmt, scheint mir jedoch klar.  


Daraus ergibt sich die geradezu philosophische Fragestellung, die gestern Max Rauner auf Zeit Online aufgeworfen hat. „Sturmfluten werden künftig höher auflaufen als bisher“, schreibt er, um daran anzuschließen: „Doch soll man deswegen eine Großstadt wie Hamburg besser schützen als dünner besiedelte Küstenabschnitte?“ Damit wirklich auch jeder das ethische Dilemma in Sachen Küstenschutz begreift, spitzt es Rauner in der Überschrift auf den Punkt zu: darf man „1.000 Dithmarscher ertrinken lassen, um 100.000 Hamburger zu retten?“ Jedem, der sich irgendwie, irgendwann in der Schule oder sonstwo auch nur am Rande mit Philosophie beschäftigt hatte, ist diesem ethischen Problem schon einmal begegnet. Dass sich dieses sog. Trolley-Problem ernsthaft stellte, wenn man nach dem Orkan politische Konsequenzen ziehen wollte, wäre die unangenehme Seite einer Debatte, die genau aus diesem Grunde nicht geführt werden dürfte.  


Eine Straßenbahn (engl. trolley) droht, fünf Menschen zu überrollen, weil sie außer Kontrolle geraten ist. In einem Gedankenexperiment der britischen Philosophin Philippa Foot lässt sich die Bahn glücklicherweise noch rechtzeitig auf ein anderes Gleis umleiten, auf dem sich jedoch unglücklicherweise eine weitere Person aufhält. Mrs. Foots naheliegende Frage: darf man in einer solchen Situation die Weiche stellen? Darf der Tod eines Menschen billigend in Kauf genommen werden, um das Leben fünf anderer Menschen zu retten? Die amerikanische Professorin Judith Jarvis Thomson hatte das Trolley-Problem noch um die Variante des Fat-Man-Problems verschärft. Darin könnte durch Herabstoßen eines unbeteiligten dicken Mannes von einer Brücke die Straßenbahn zum Stehen gebracht werden. Der einzelne Mensch wird also aktiv getötet, während sein Tod bei der Weichenstellung „nur“ billigend in Kauf genommen wird.  


Philosophische Spielereien? - Nur solange, wie es nicht tatsächlich um Leben und Tod geht. Doch schon beim Hochwasser von Flüssen stellt sich das Trolley-Problem ganz real, wird doch durch Fluten flussaufwärts die Situation flussabwärts deutlich entspannt, wenn nicht gar bereinigt. Beim Hochwasser in Mitteleuropa im April/Mai dieses Jahres wurden die Entscheidungsträger immer wieder mit diesem Problem konfrontiert. Mindestens 25 Todesopfer hatte dieses „Jahrhunderthochwasser“ (das wievielte eigentlich?) gefordert. Aber klar: bei durch Orkantiefs ausgelösten Sturmfluten stehen potenziell wesentlich höhere Zahlen zur Debatte. Quantitativ, logisch, und potenziell - „Xaver“ ist trotz der mindestens drei Toten und trotz der erheblichen Sachschäden relativ glimpflich verlaufen. Das Warnsystem, der Wetterdienst und der Katastrophenschutz hatten gut funktioniert. Was aber, wenn das Hochwasserrisiko und die Höhe der Sturmfluten zunehmen?!  


Werner Jurga, 08.12.2013




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