Nelson Mandela

* 18. Juli 1918; † 5. Dezember 2013



Freitag, 6. Dezember 2013. Nelson Mandela gilt neben Martin Luther King als wichtigster Vertreter im Kampf gegen die weltweite Unterdrückung der Schwarzen sowie als Wegbereiter des friedlichen Übergangs von der Apartheid zu einem an der Gleichheit der Menschen orientierten, demokratischen Südafrika. Als ehemaliger führender Anti-Apartheidkämpfer erhielt er 1993 den Friedensnobelpreis. Gestern Abend ist er im Alter von 95 Jahren gestorben.


Es war im Juni dieses Jahres, als Rafael Nadal, die Nummer Eins der Tennis-Weltrangliste, würdigende Worte für Mandela gefunden hatte, weil er irrtümlicherweise davon ausging, dass Nelson Mandela gestorben sei. Jemanden, der lebt, bereits für tot zu erklären, macht sich bekanntlich niemals so richtig gut, und so musste Nadal kräftig Kritik einstecken. Zu Recht, denn es war selbstverständlich eine äußerst peinliche Nachlässigkeit. Wahr ist aber auch, dass Mandela schon im Juni im Sterben gelegen hatte, und dass alle Welt täglich, wenn nicht gar stündlich mit der Todesnachricht gerechnet hatte.  


Dass Nelson Mandela mit dem Tode gerungen hatte, löste in Südafrika große Ängste aus. „Wir dürfen nur nicht hysterisch werden", warnte Mac Maharaj, ein alter Gefährte Mandelas im Kampf gegen das rassistische System. Und ganz ähnlich warnte auch Südafrikas heutiger Präsident Zuma seine Landsleute davor, wegen der ernsten Erkrankung Mandelas "in Panik zu verfallen", die Leute sollten "ihre Ängste zügeln". Jacob Zuma appellierte an die Bevölkerung, für Mandela zu beten. Südafrika hatte erst im Sommer damit begonnen, sich auf ein Leben ohne Nelson Mandela vorzubereiten.  


Wir müssen ihn gehen lassen“, titelte die südafrikanische „Sunday Times“. Es war das vierte Mal seit Dezember 2012, dass eine lebensgefährliche Lungenentzündung, die er nie richtig losgeworden ist, Mandela in die Klinik von Pretoria gezwungen hatte. Die Lungenentzündung, der Mandela jetzt erlegen ist, war Ärzten zufolge auch eine Spätfolge der Tuberkulose, die er sich im Gefängnis zugezogen hatte und dort nur unzulänglich behandelt wurde. Es sah so aus, als werde er die Klinik dieses Mal nicht wieder verlassen. "Wir müssen der Realität ins Auge schauen“, erklärte Mac Maharaj.


Mac Maharaj, der alte Genosse Mandelas im Kampf gegen die Apartheid, saß jahrelang gemeinsam mit Mandela auf Robben Island ein. Auch er war besorgt, dass Südafrika ohne den "Vater der Nation" in eine tiefe Depression verfallen könnte. "Lasst uns sein Leben feiern, solange er lebt“, forderte Maharaj im Juni. „Und lasst uns sein Leben feiern, wenn er nicht mehr unter uns ist!" 27 Jahre saß Mandela im Gefängnis, bevor er 1990 freikam und 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten seines Landes gewählt wurde. Da war er bereits 76 Jahre alt.  


Noch 1988 (!), zwei Jahre vor seiner Freilassung, bezeichneten sowohl der damalige US-Präsident Reagen als auch die britische Premierministerin Thatcher Nelson Mandela als Terroristen. Mandela saß also bereits 25 Jahre ein, als die führenden Vertreter der westlichen Welt sich dafür stark machten, dass dies auch so bliebe. Der „Terrorist“ Mandela hatte tatsächlich den gewaltsamen Kampf gegen die Apartheid organisiert, allerdings erst, nachdem im März 1960 beim Massaker von Sharpeville 69 unbewaffnete Demonstranten vom Rassistenregime erschossen wurden.  


Bis dahin war Nelson Mandela der Vertreter des gewaltfreien Widerstands in Südafrika. Der sog. „M-Plan“ wurde 1952 von ihm entwickelt und nach ihm benannt. Der „Mandela-Plan“ war ein Konzept des basis- und bildungsorientierten Widerstands gegen die Apartheid. Doch Mandela hatte seine Menschenfreundlichkeit und seine Friedfertigkeit nicht nur mit seiner Politik vor den Jahrzehnten im Knast, sondern vor allem mit seiner Politik danach unter Beweis gestellt. Wie viel innere Größe braucht es, um nach so vielen Jahren im Gefängnis zur Versöhnung bereit zu sein?!  


Nelson Mandela war als ANC-Vorsitzender schon während seiner Inhaftierung die Ikone des Widerstands gegen die Apartheid. In meiner Studentenbude hing ein großes Poster, das ihn – wie so oft – lächelnd zeigte: „Free Nelson Mandela!“ So ergaben sich Gespräche über Mandela und über die Zukunft Südafrikas. Ich war überzeugt, dass die Zeit des Apartheidregimes abgelaufen war und Mandela alsbald freikommen würde. Ich sollte Recht behalten. Ich kann mich aber auch gut daran erinnern, dass ich stets meiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass Mandela danach nichts zu sagen haben werde.  


Man möge sich nur einmal vorstellen, so lautete mein Argument, wie wohl jemand regieren werde, der über Jahrzehnte hinweg wegen seiner politischen Überzeugung eingesperrt war. Es sei doch klar, dass so jemand verhärtet sei, nach Rache dürste und es nicht nur seinen Peinigern, sondern auch deren Anhängern mit gleicher Münze oder noch schlimmer zurückgeben wolle. Ich sollte mich irren. Wie gut für Südafrika! Das Land hatte sich vor zwanzig Jahren auf einen schweren Weg gemacht. Vieles läuft nicht so gut. Dass es überhaupt läuft, ist Nelson Mandela zu danken. Ein ganz außergewöhnlicher Mensch ist abgetreten!  


Werner Jurga, 06.12.2013




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