Hamed Abdel-Samad:

Das Hoffen geht weiter


Dienstag, 26. November 2013. Der neue Tag hat gerade erst begonnen; aber doch: es ist schon Dienstag. Die Nacht von Montag auf Dienstag, aber schon Dienstag. Seit mehr als dreißig Stunden gibt es kein Lebenszeichen mehr von Hamed Abdel-Samad. Seit 32 oder 33 Stunden. Am Sonntag Nachmittag um 16:15 Uhr habe sich seine Spur „vollständig verloren und auf dem Handy sei er nicht mehr erreichbar gewesen“, zitieren die Ruhrbarone Mahmoud Abdel-Samad, den Bruder des deutsch-ägyptischen Publizisten Hamed Abdel-Samad. Die Ruhrbarone waren die ersten, die über Abdel-Samads Verschwinden berichtet hatten. Gestern, am 25. November, in der Nacht von Sonntag auf Montag, aber schon am Montag. Kurz nach Mitternacht, 24 Stunden, bevor ich diese Zeilen tippe.  


Es dauert eine Weile, bis die anderen, die großen Medien den Faden aufnehmen. Die meisten berichten erst mittags, also nach 12 Uhr; einige wenige aber schon am Montag Vormittag. Darunter der Cicero, der schon recht früh mitteilt, „nun um das Wohlbefinden und Leben von Hamed Abdel-Samad (zu bangen). Sollte der Medienbericht zutreffen, hoffen wir auf eine baldige Freilassung und bitten die Bundesregierung, sich für eine Freilassung des Entführten einzusetzen.“ Eine Online-Petition, die die deutsche Bundesregierung und ägyptische Regierung bittet, alles zu tun, um Hamed Abdel-Samad zu befreien“, wurde in kürzester Zeit von Tausenden unterzeichnet. Das Auswärtige Amt und auch der noch amtierende Außenminister Westerwelle haben aber ohnehin bei höchsten ägyptischen Stellen interveniert. Frühzeitig.  


Jedenfalls weit bevor Caroline Fetscher kurz nach 16 Uhr im Tagesspiegel fleht: „Wir wollen ihn wiederhaben“. „Unerträglich“ sei ihr „der Gedanke, dass er in den Händen von islamistischen Psychopathen sein könnte“. Doch genau dieser Gedanke drängt sich auf, weiß man doch, dass im Juni - also noch zu Mursi-Zeiten - eine Todes-Fatwa über den „Ungläubigen“ Abdel-Samad live im Fernsehen verhängt worden ist. „Hoffen für Hamed“ nennt Fetscher ihren Artikel. Sie schreibt: „Man hofft, dass sie mit ihm diskutieren oder dass sie einfach nur Geld wollen.“ „Sie“, das wären die von Fetscher verdächtigten „islamistischen Psychopathen“. Sollten aber tatsächlich sie Abdel-Samad gekidnappt haben, was zu befürchten steht, ist die Hoffnung darauf, dass damit ein Gespräch erzwungen oder Geld erpresst werden soll, gering.  


Selbstverständlich weiß das auch Caroline Fetscher, die deshalb darauf hinweist, dass Hamed „vor allem einfach sein Recht auf Leben hat“. Genau dieses Recht wird ihm jedoch von der Muslimbruderschaft, der Abdel-Samad „islamischen Faschismus“ vorgeworfen hatte, abgesprochen. Anfang Juni rief der Prediger Assem Abdel-Maged, ein Führer der Gamaa Islamija, im ägyptischen Fernsehen zum Mord an Abdel-Samad auf, woraufhin ihn der damalige ägyptische Präsident Mursi öffentlich umarmte. Professor Mahmoud Shaaban, Hochschulleher an der Kairoer al-Azhar-Universität, die als höchste Instanz des sunnitischen Islams gilt, wiederholte die Fatwa; doch weder der Präsident (logisch: Mursi) noch die ägyptische Justiz reagierten in irgendeiner Weise auf die Bedrohung von Hamed Abdel-Samads Leben.  


Damit war er für vogelfrei erklärt – weltweit, nicht nur in Ägypten. Abdel-Samad erklärte, „diese Bedrohung ernst zu nehmen“, er ergriff (bis zuletzt) auch einige Vorsichtsmaßnahmen, wollte sich aber „nicht den Mund verbieten lassen“. So setzte er auch nach dem Mordaufruf sein Pendeln zwischen Deutschland und Ägypten unverändert fort. Einen Monat nach Verhängung der Fatwa putschte das Militär gegen Mursi und verhaftete ihn und fast die komplette Führung der Muslimbrüder, darunter auch Assem Abdel-Maged, den Prediger, der zur Ermordung Hamed Abdel-Samads aufgerufen hatte. Damit war und ist freilich die Bedrohung nicht vom Tisch, erst recht nicht in Ägypten, weshalb sich Hamed grundsätzlich nur mit einem Bodyguard außer Haus bewegte. Am Sonntagnachmittag wollte er einen Termin ohne seinen Leibwächter wahrnehmen. Die Umstände seines Verschwindens sind nach wie vor ungeklärt.  


Deshalb wurde das Wort „Entführung“ von den Medien gemieden oder nur mit größter Vorsicht benutzt. Das war richtig so, schließlich starteten auch die Ruhrbarone mit einem Fragezeichen hinter „Entführung“. Doch im Laufe des Nachmittags griff die traurige Gewissheit mehr und mehr Platz. Kurz vor fünf titelte Martin Gehlen, Deutschlands angesehenster Ägypten-Korrespondent, im Tagesspiegel: „Deutsch-ägyptischer Autor offenbar in Kairo entführt“. Im Text die Zwischenüberschrift: „Von radikalen Islamisten gekidnappt?“ Noch mit Fragezeichen. Am Abend dann (nicht um 12.13 Uhr, es handelt sich um ein Update) Westerwelles Statement in der Bildzeitung: „Ich bin in Sorge über das Schicksal von Hamed Abdel-Samad. Wir haben die ägyptische Regierung aufgefordert, alles Mögliche zu tun, um den Verbleib von Hamed Abdel-Samad zu klären und für seine Sicherheit zu sorgen."  


Der Fall ist nun ziemlich klar: „Deutscher Islamkritiker entführt - Westerwelle sorgt sich um Abdel-Samad", wie n-tv.de titelt. In der Bildzeitung klingt dies – wie gewohnt – reißerischer: „Hamed Abdel-Samad - Deutscher Dichter in Ägypten ermordet?“ Bekanntlich versorgt „Bild“ auch Leser, denen die Feuilletons der seriösen Zeitungen versperrt sind. Deshalb wird aus der Einheitsformulierung „Islamkritiker“ in der „Bild“ ein „deutscher Dichter“. Geschenkt. Und die Frage „in Ägypten ermordet?“ drängt sich einfach auf. Selbstverständlich, so gehört sich das bei einer Frage, mit einem Fragezeichen am Ende. Zumal, wie Caroline Fetscher ganz richtig im Tagesspiegel schreibt: „Das Hoffen geht ja weiter.“ Ja, wir hoffen für Hamed Abdel-Samad! „Das Hoffen geht ja weiter, das muss es.“ So ist es, liebe Caroline Fetscher!  


Werner Jurga, 26.11.2013



P.S.: seit Dienstag Abend (26.11.2013) besteht Gewissheit, dass Hamed Abdel-Samad (wieder) in Sicherheit ist. Sein zweitägiges Verschwinden soll mit privaten geschäftlichen Streitigkeiten zusammengehangen, eine Entführung durch islamistische Terroristen also nicht vorgelegen haben.


Hamed Abdel-Samad: "Er bettelte, freigelassen zu werden" (SpOn, 27.11.2013)


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