Dieter Hildebrandt
Foto: Elke Wetzig (Elya)

Nachruf auf 

Dieter Hildebrandt 

* 23. Mai 1927  † 20. November 2013 


Mittwoch, 20. November 2013. „Ich bin noch nicht tot.“ Dieser Aussagesatz ist das letzte Wort, das ich von ihm gehört habe. Es handelt sich um Dieter Hildebrandts Kommentar zur Meldung, dass er an Krebs erkrankt ist. Ob er zu dem Zeitpunkt, als ich ihn gelesen habe, noch zutreffend war, ist schwer zu sagen. Es war in der letzten Nacht, als ich las: „Ich bin noch nicht tot.“ Dieter Hildebrandt ist in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch gestorben.  


Dieter Hildebrandt – das war der Kabarettist. Ja, es gab auch noch andere. Klar, denn im Fernsehen trat er ja – damals, als ich noch klein war – immer mit der Münchner Lach- und Schießgesellschaft auf. Aber Hildebrandt war derjenige welche... - das war selbst mir aufgefallen. Dabei war mir an dem, was sich da schwarz-weiß im Fernsehen abgespielt hatte, ansonsten nicht sonderlich viel aufgefallen. Das konnte ja auch nicht. Doch dass der Hildebrandt der wichtigste war, bekam selbst ich mit.  


Es war Silvester. Abends. In der Glotze lief Lach und Schieß. Jedes Jahr Silvester. Und ich durfte länger aufbleiben. Ab 1961 oder 1962 oder so. Sehr viel länger – bis ins Neue Jahr. Im Fernsehen lief Kabarett. Wenn man das alles nicht verstehen konnte, muss das, werden Sie denken, ziemlich langweilig gewesen sein. Vielleicht. Doch ich wäre nicht sonderlich klug gewesen, mein außergewöhnliches Privileg, so lange aufbleiben zu dürfen, durch kindisches Quengeln aufs Spiel zu setzen.  


Also lachte ich eifrigst mit. Mit all den anwesenden Erwachsenen. Das waren immer so einige. Denn es war ja Silvester. Außerdem fand ich das, wenn ich mich recht erinnere, gar nicht einmal so uninteressant, was sich da so abspielte. Die Kabarettisten – alle vier Männer mit Anzug und Schlips, dazu immer eine ebenso gepflegt angezogene Frau – führten Sketche auf. Mal diese zwei, mal jene drei. Oder alle fünf sangen zusammen etwas. Oder Hildebrandt stand allein auf der Bühne und erzählte.  


Ellenlange Monologe. Es ging um Politik, ließ ich mir sagen. Vielleicht war es mir auch selbst aufgefallen. Der Hildebrandt und seine Kumpels machten sich lustig über die Politiker. Die Namen der Politiker kamen nämlich in den Sketchen vor. Und vor allem in Hildebrandts Vorträgen. Meine Verwandten im Wohnzimmer mussten sehr lachen. Und die Leute im Saal der Lach und Schieß lachten sich krumm und krümelig. Darunter auch die Politiker, die gerade durch den Kakao gezogen wurden.  


So uninteressant war das gar nicht. Und mit den Jahren konnte ich auch das ein oder andere verstehen. Anfang der 60er Jahre, Deutschland war der CDU-Staat. Dieter Hildebrandt aber war, wie man damals sagte, schwer SPD. Meine Leute im Wohnzimmer, die, wie es sich gehörte, schwer CDU waren, hatte das aber nicht weiter gestört. Denn das war ja klar: wenn diejenigen, die zu sagen haben, alle CDU sind, dann muss derjenige, der dagegen meckert, ja SPD sein.  


Dieter Hildebrandt muss kräftig gemeckert haben. Denn nicht immer wurden seine Pointen mit schallendem Gelächter und / oder prasselndem Beifall quittiert. Einige Witze waren offenbar ziemlich hart; denn das Echo aus dem Saal war ein beinah entsetztes Oh, und die Männer in meinem Wohnzimmer gaben etwas besorgt „ou, ou, ou“ zu bedenken. Daran hatte ich mich nicht beteiligt. Das wäre aufgefallen. Vermutlich war auch mein stetes Mitlachen schon etwas zu viel des Guten.  


Egal. Auch wenn ich zunächst gar nichts und später kaum etwas verstanden hatte, ich fand das alles ganz schön. Silvester, Action zuhause in der Bude, Dieter Hildebrandt live im Fernsehen. Der erzählt etwas, die Zuschauer im Wohnzimmer, aber auch die im Saal sind geschockt. Doch der Hildebrandt lächelt wie ein kleiner Junge, hängt noch eine schnodderige, kleine Frechheit dran, freut sich wie ein Schneekönig und macht einfach weiter. Ich fand den echt gut.  


Mal sprach er langsam, mal ziemlich schnell, und ganz oft fing er einen Satz an, führte diesen aber gar nicht zu Ende. Vielleicht verzog er das Gesicht, oder er kratze sich am Kopf – jedenfalls fing er einen neuen Satz an, den er jedoch abbrechen musste, weil die Leute sich vor lauter Lachen gar nicht mehr eingekriegt hatten. Ja, ich fand den Hildebrandt echt gut. Ich hatte zunächst nicht allzu viel verstanden, mir aber alles ganz genau angesehen.  


Ich verstehe auch heute noch zu wenig davon, als dass es Sinn machte, würde ich die Elemente und das Ensemble seiner Kunst versuchen wollen zu beschreiben. Aber recht früh verstand ich es, den Meister zu imitieren. Eine billige Kopie, versteht sich, aber meine Zuschauer auf den Uni-Partys hatten Spaß. Es kann also nicht allzu schlecht gewesen sein. Wie auch immer: Kabarett, politisches Kabarett – das war Dieter Hildebrandt. Anders ließ sich in Deutschland der Begriff Kabarett gar nicht denken.  


Dieter Hildebrandt – das war der Kabarettist. Ja, es gibt auch noch andere. Hildebrandt hatte sie nach Kräften gefördert. Den Bruno Jonas und den Jochen Busse, den Gerhard Polt und den Matthias Richling. Den Urban Priol und natürlich den Dieter Nuhr. Und viele Andere, darunter auch Ihr Lieblingskabarettist. Wo hört Kabarett auf, wo fängt Comedy an? Kann es eine dämlichere Frage geben als diese, wenn man über den Tod von Dieter Hildebrandt nachdenkt?!  


Dieter Hildebrandt hat politisches Kabarett gemacht. Er war politisch, wusste was politisch relevant, und was nur vorbeirauschendes Theater im Volksverblödungsbetrieb ist. Hildebrandt hatte ihn gestört; er hatte ihnen wehgetan. Ob sie sich eitel bei ihm im Publikum für ihren vermeintlichen Mut anerkennen ließen oder nicht. Ob sie ihn – wie wiederholt die Bayern – während der Livesendung ausgeknipst oder nur in den Rundfunkräten gegen ihn intrigiert hatten.  


Ja, Hildebrandt konnte mit Sprache umgehen wie nur wenige Andere. Er hatte diese Fähigkeit nicht um ihrer selbst willen benutzt. Seine Kunst war ihm Waffe im Kampf gegen die Verhältnisse, so wie er sie nur im Zorn über diese Verhältnisse entwickeln konnte. Gewiss, so ganz ohne Talent geht es nicht. Ein kabarettistisches Talent wie er haben nicht viele, aber doch einige. Dieter Hildebrandt hatte es verstanden, in seinem Zorn die Freundlichkeit zu behalten, und wurde damit der, der er war: der Kabarettist.  


Werner Jurga, 20.11.2013




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