Uli Hoeneß:

Aus und vorbei


Montag, 22. April 2013. Das ist doch nicht die Welt. Meinen Sie? Das ist aber falsch; es ist nämlich die Welt, das Flaggschiff des Springerkonzerns, das Printangebot für diejenigen, denen irgendwie aufgefallen ist, dass es sich bei der Bildzeitung nicht um Qualitätsjournalismus im engeren Sinne handelt. Es ist doch die Welt, deren stellvertretender Chefredakteur Frank Schmiechen sich der Steuersache Hoeneß annimmt und der seinen Kommentar dazu – wir wollen zu seinen Gunsten unterstellen, er habe eine Satire schreiben wollen – folgendermaßen einleitet: „Eine Tragödie folgt der nächsten auf dem Fuße. Nach den Anschlägen in den USA, dem Erdbeben in China und den Enthüllungen über Bushido outet sich nun Bayern-Präsident Hoeneß als Steuerhinterzieher.“ Schmiechen schreibt drüber „Nürnberger Würstchen und Schweizer Wertpapiere“, und wir alle müssen sehr lachen.  


Ich bin sicher, Sie wissen, worum bzw. um wen es geht. Es ist ja das Top-Thema in allen Medien. Wohl bemerkt: in allen Medien. Mir kommt ein Seminar in den Sinn, das ich im ersten Semester besucht hatte und in dem es um die Frauenquote nicht gut bestellt gewesen war. Die „Interdependenzen zwischen Wirtschaft und Politik“ waren das Thema, und wir Jungspunde wussten die Fragen des Herrn Professors nicht immer sogleich zu beantworten. „Liest vielleicht einer der Herren hier im Saal noch irgendeine andere Fachzeitschrift als den kicker?!“, brüllte dann der Herr Ordinarius in die Runde der um Nichtauffallen bemühten Einzelnen. Seit diesem Wochenende ließe sich darauf erwidern, dass es keine geeignetere Fachzeitschrift als den kicker geben könne, wenn es um das Interdependenzverhältnis zwischen Wirtschaft und Politik geht. Doch woher hätten wir das damals wissen sollen?!  


Die Rede ist nämlich von Uli Hoeneß, damals Fußballspieler, dann langjähriger Manager und heute Präsident des FC Bayern München. Am Samstag hatte Focus Online enthüllt, dass Hoeneß Selbstanzeige wegen eines Schwarzgeld-Kontos in der Schweiz beim Finanzamt erstattet hat. Steuerhinterziehung ist das einzige Delikt, das straffrei bleiben kann, nämlich nach einer Selbstanzeige. Ebenfalls bekannt geworden ist, dass Hoeneß´ Villa am Tegernsee bereits durchsucht wurde, die Staatsanwaltschaft folglich gegen ihn strafrechtlich ermittelt, und zwar nicht allein wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Dadurch steht umgekehrt die strafbefreiende Wirkung der Selbstanzeige in Frage. Am Samstag schreibt die Münchener Abendzeitung (AZ), ihren Recherchen zufolge handele es sich um ein „unvorstellbares Vermögen“ von mehreren hundert Millionen Euro, das Hoeneß in der Schweiz gebunkert habe.  


Einige Millionen Euro“, so die AZ, habe der Bayernpräsident zeitgleich mit der Selbstanzeige ans Finanzamt überwiesen. In den Medien wird über fünf oder sechs Millionen Euro spekuliert, so dass der Chef der Deutschen Steuer-Gewerkschaft, Thomas Eigenthaler, daraus folgert, dass "Hoeneß mindestens zehn Millionen Euro Einnahmen nicht angegeben hat". Hoeneß hatte – offenbar laut eigenen Angaben – wohl auf das von der Bundesregierung ausgehandelte Steuerabkommen mit der Schweiz gehofft, das ihm ermöglicht hätte, die Millionen anonym zu „legalisieren“. Bekanntlich ist dieses anvisierte Abkommen im Bundesrat am Widerstand von Rot-Grün gescheitert. Daraufhin hat sich Hoeneß zum Schritt der Selbstanzeige entschlossen, die er bereits im Januar erstattet haben soll. Die Chancen, straffrei aus der Steueraffäre herauszukommen, stehen für den Bayernboss eher schlecht.  


Falls die am Wochenende bekannt gewordenen Medienberichte die Faktenlage halbwegs realistisch wiedergeben sollten, stellt sich die Rechtslage für Hoeneß ziemlich unerfreulich dar. Hoeneß wird sich sehr gute Anwälte leisten können; die wird er allerdings auch brauchen. Doch die Rechtslage ist es nicht allein. Die Rede ist von Vorbildfunktion, von Moral und Anstand und von all den Dingen, die Hoeneß selbst in den letzten Jahren und Jahrzehnten schier unermüdlich der deutschen Öffentlichkeit gepredigt... und sich selbst gleichsam – keineswegs nur so ganz nebenbei – als maßgebliche Instanz in diesen Dingen empfohlen hatte. Die Zitate im Postillon sind nicht etwa Satire, sondern tatsächlich O-Töne Hoeneß. Springers Welt selbst bringt am Sonntag eine kleine Zitatensammlung aus einem dem eigenen Blatt gegebenen Interview, „als Hoeneß von Steuern und Gefängnis sprach“.  


Unvergessen sein Auftritt vor gut einem halben Jahr bei Jauch, von dem die Bildzeitung dermaßen begeistert war, dass sie mit der rhetorischen Frage in der Schlagzeile aufmachte: „Brauchen wir mehr Hoeneß in der Politik?“ „Rhetorisch“ allein schon deshalb, weil in der Ober-Überschrift mit „Endlich redet einer Klartext!“ dem Leser die richtige Antwort schon nahegelegt war. Aus und vorbei! Man klicke sich durch die (Online-) Medien und beobachte den Überbietungswettbewerb im Hoeneß-Bashing. Auch die Politiker beeilen sich damit, das zu sagen, was man jetzt zu sagen hat. Der Vorsitzende der Bayern-SPD, Florian Pronold, kritisierte in einer Erklärung, lesen wir in der Süddeutschen, Hoeneß habe seine Vorbildfunktion mit Füßen getreten: "Uli Hoeneß ist kein Vorbild mehr." Man staunt, welche Vorbilder sich ein führender Sozialdemokrat bislang zu halten gepflegt hatte.  


Doch jetzt sieht die Sache anders aus, und in Bayern ist Doppel-Wahlkampf. Und so sagt Pronold auch noch, Steuerflucht sei kein Kavaliersdelikt, sondern die schlimmste Form asozialen Verhaltens. Das wiederum hat die Gerda Hasselfeld so nicht gesagt, schon aber, als ihre „persönliche Meinung“, dass „Steuerflucht kein Kavaliersdelikt“ sei. Und auch andere CSU-Politiker gehen öffentlich auf Distanz zu ihrem Parteifreund Hoeneß. Der wiederum verweist darauf, er könne nichts sagen, weil die laufenden Ermittlungen und so weiter... - und erweckt damit den Eindruck, dass er zum gegebenen Zeitpunkt mit einem ihm eigenen Donnerwetter all diese Leute gehörig zurechtweisen werde. Uli Hoeneß dürfte sich damit irren. Wer über Jahre öffentlich auf Moralapostel macht und sich auch nicht gescheut hat, Andere an den Pranger zu stellen, sollte nicht auf ein mildes Urteil hoffen, wenn er die auch selbstgesteckten Maßstäbe bricht. Aus und vorbei! Das war´s.  


Werner Jurga, 22.04.2013





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