Bild: Grüne Sachsen


Ruhig, Brauner, ganz ruhig!

Eine (Mode-) Welle


2. Dezember 2016. Ruhig, Brauner, ganz ruhig! Nun machen Sie mal nicht die Pferde scheu! „Faschismus“ - wenn ich das schon höre! Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie mit diesem Gerede die Nazizeit verharmlosen und all ihre Opfer verhöhnen? Ich weiß natürlich, dass Sie dies nicht im Sinn haben. Doch ich muss darauf bestehen, dass Sie Ihre Worte wägen. „Faschismus“ - mit so einem Schlagwort machen Sie Ihr Anliegen geradezu lächerlich. Und das ist es ja keineswegs. Dass Sie sich Sorgen machen, das spricht ja geradewegs für Sie. Immerhin macht sich ja sogar die Kanzlerin Sorgen. Schließlich weiß ja kein Mensch, was dieser Trump wirklich vorhat. Da macht sich doch jeder Sorgen. Abgesehen freilich von den besorgten Bürgern; die machen sich endlich einmal keine Sorgen. Aber sonst... - ich kann Sie da jedenfalls sehr gut verstehen. Dieser Trump... - was für Sachen der sich im Wahlkampf erlaubt hat! Darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren, sowas geht gar nicht.


Ich sage aber auch: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Jetzt hören wir uns erst einmal seine Antrittsrede an und dann warten wir seine ersten hundert Tage am Ruder ab, und dann wollen wir mal sehen, ob Sie immer noch so leichtfertig von Faschismus sprechen. Noch weiß niemand, was dieser Trump vorhat; wahrscheinlich nicht einmal er selbst. Also: cool bleiben! Nein, mein Lieber, ich hege keinerlei Sympathie für diesen vulgären Pöbler. In diese Richtung brauchen Sie gar nicht erst zu denken. Aber ich bin nun einmal realistisch. Und die Realität ist, dass die USA nicht irgendein zentralasiatischer Zwergstaat sind, auch wenn es im Hause Trump genau so aussieht, sondern die ökonomisch, politisch und militärisch stärkste Macht aller Zeiten. Und Deutschlands wichtigster Verbündeter. Da darf man sich nicht von Gefühlen leiten lassen. Da muss man ganz cool und nüchtern den realpolitischen Blick auf die Dinge bewahren...


Außerdem: zur Demokratie gehört der Wechsel. Das sollten gerade Sie aber wissen! Doch kaum wählt der kleine Mann mal einen von seinen Leuten... - ja gut, dieser Trump ist jetzt kein kleiner Mann im engeren Sinne, aber Sie wissen genau, was ich meine – schon geht das Geschrei los, dass eigentlich nur linksgrün-versiffte Gutmenschen etwas zu sagen haben dürften. Der Trump will ein riesiges Beschäftigungsprogramm auflegen. Das müsste doch etwas für Sie sein. Oder Russland – mit dem Putin will er einen Schmusekurs fahren. Ja, was wollen Sie denn noch mehr?! Und die US-Truppen will er stärker noch als der Obama nach Hause holen. Sie aber ziehen hier Ihre „Faschismus“-Panikshow ab. Ist denn die Wagenknecht die einzige von Euch Linken, Linksliberalen und Gedöns, die noch zwei und zwei zusammenzählen kann?! - Nein, Herrgott nochmal, ich hege keinerlei Sympathie für diesen Trump! Wie oft soll ich das denn noch sagen? Man muss nur mal Nüchternheit und Vernunft anmahnen, schon gilt man als...


Das haben wir alles doch schon (mehr als) einmal erlebt. Zum Beispiel 1980, da war Franz-Josef Strauß der Kanzlerkandidat von CDU und CSU. Klarer Fall: der Faschismus stand unmittelbar vor der Tür. Strauß ist es dann nicht geworden, abermals siegte der Sozialismus über die Freiheit. Helmut Schmidt kurbelte die Nachrüstung an, und die Bedrohung hieß nicht mehr Faschismus, sondern Atomkrieg. Unter Helmut Kohl wurden die Raketen dann aufgestellt, und siehe da: wir leben immer noch. Nicht überlebt hatte es der Sozialismus, es folgte die Wiedervereinigung – und Euer Geschrei vom „Vierten Reich“, eine wenig geschmackvolle Variation der Grundmelodie „Faschismus“. Weil sich aber aus Angela Merkel auch beim besten / bösesten Willen keine Faschistin machen lässt, wird aus ihr jetzt die letzte Verteidigerin der liberalen Demokratie (New York Times). Und Sie assistieren mit Ihrem Faschismus-Geschrei. Also, dass Sie mal Wahlkampf für die CDU machen würden...


Lassen Sie uns die Sache doch mal ganz emotionslos ansehen! Wir stellen fest, dass wir es nicht nur mit Trump zu tun haben – auf der anderen Seite des großen Teichs, sondern dass es auch im guten alten Europa eine große Sehnsucht nach Altbewährtem gibt. Nach Übersichtlichkeit, wenn Sie so wollen, bzw. - sagen wir es ruhig: nach Heimat. Das ist durchaus menschlich, da müssen Sie nicht gleich hyperventilieren! Das ist allgemein-menschlich, was Sie allein schon daran sehen, dass das zur Zeit richtiggehend eine Modewelle darstellt. Die Russen haben ihren Putin, die Ungarn ihren Orbán, die Türken ihren Erdoğan, die Israelis ihren Netanjahu, und übrigens: die Japaner den Shinzō Abe – den hat man hier nicht so auf der Rechnung, wobei gerade der... - Wie gesagt: die Amerikaner kriegen jetzt den Donald Trump, und die Franzosen im nächsten Frühjahr voraussichtlich die Marie Le Pen. Davon ist auszugehen, seitdem die konservativen Republikaner einen wirtschaftsliberalen Radikalreformer nominiert haben.


So sieht sie also aus, diese Welle. Das streite ich doch gar nicht ab. Ich verwahre mich nur gegen Ihren Faschismus-Vorwurf. Immerhin – bedenken Sie das bitte! - lassen all diese Leute wählen. Der Putin und der Orbán, der Erdoğan und der Netanjahu, der Abe und demnächst auch die Le Pen und wie sie sonst noch alle heißen. Die sind allesamt demokratisch gewählt worden und stellen sich auch wieder einer demokratischen Wahl. Gut, in Russland und in der Türkei weisen die Wahlen mitunter kleine Schönheitsfehler auf. Aber keine Frage. Sowohl Putin als auch Erdoğan sind daheim ganz konkurrenzlos die Chefs im Ring. Und Schönheitsfehler kommen auch in den besten Familien vor, zum Beispiel bei unserem südlichen Nachbarn. Jetzt Sonntag wird die für ungültig erklärte Präsidentenwahl korrigiert. Tun Sie mir bitte einen Gefallen: wenn es der Hofer von der FPÖ wird, was ich für wahrscheinlich halte, flippen Sie nicht gleich aus! Unter Haider waren die schon mal mit an der Regierung. Also ruhig Brauner! Brich den Frieden nicht!


Werner Jurga, 02.12.2016




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