Alte weiße Männer - Symbolbild


Verspottet, ausgegrenzt, stigmatisiert

Alte weiße Männer


23. November 2016. Abermals sieht sich diese kleine gutmenschliche Webseite gezwungen, Partei zu ergreifen. Abermals ist es an der Zeit, sich an die Seite von Menschen zu stellen, die verspottet und ausgegrenzt, stigmatisiert und diskriminiert werden. Abermals geht es um Menschen, die einer sozialen Gruppe angehören, deren Identitätsmerkmale sie sich nicht ausgesucht haben. Menschen also, die nichts, aber auch gar nichts für ihr Sosein können, die aber dennoch von der vollen Wucht gesellschaftlicher Benachteiligung getroffen werden. Wie oft musste an dieser Stelle schon an Empathie und Humanität appelliert werden?! Doch noch immer werden Menschen benachteiligt – mal wegen ihres Alters, mal wegen ihrer Hautfarbe, mal wegen ihres Geschlechts. Schlimm. Ganz schlimm sowas! Aber diesmal ist es ganz besonders schlimm. Geht es doch diesmal um Menschen, die sowohl wegen ihres Alters als auch wegen ihrer Hautfarbe als auch wegen ihres Geschlechts runtergemacht werden. Fürchterlich! Und das Allerfürchterlichste an alldem: die Autor dieser Zeilen selbst gehört zu diesem geächteten Personenkreis.


Das Kesseltreiben währt schon einige Zeit, doch richtig los ging es vor drei Jahren. Ein #aufschrei schallte durchs Land, als der FDP-Politiker Brüderle einer „Stern“-Journalistin gegen Mitternacht an einer Hotelbar ganz nüchtern beschied: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen". Seither ist der alte weiße Mann, wenn er denn mal das Dekolleté eines Dirndls bestaunen und auch entsprechend kommentieren möchte, darauf angewiesen, diesen Wunsch zeitlich in den Herbst und örtlich nach München zu verschieben. Dann und dort kann er dann, wenngleich eingezäunt, seiner – sagen wir mal – natürlichen Neigung nachgehen, die Rundungen weiblicher Oberkörper zu studieren und zu kommentieren. Doch es wird weniger – nicht unbedingt im Dekolleté, aber auf der Wiesn. Mittlerweile gilt der weiße alte Mann, wie der Cicero schreibt, “als das Gegenteil des weisen alten Mannes: hoffnungslos verjährt, sexistisch, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, nicht nachhaltig genug für unsere Zeit. Kurzum: ein Auslaufmodell mit längst überschrittenem Verfallsdatum“. Und das alles nur wegen Brüderle? Nein, die Sache ist ernster.


Ideologischer Stichwortgeber dieser ebenso alten- wie männerfeindlichen Strömung ist ein gewisser Verräter namens Luca Di Blasi. In seinem (Mach-) Werk „Der weiße Mann. Ein Anti-Manifest“, erschienen etwa zeitgleich mit Brüderles Himmelreich-Vorfall, fabuliert er über den „Dominanzverlust weißer Männer, so begrüßenswert er ist“. Welch ein Hass! Letztlich ein Selbsthass; denn Di Blasi schreibt nur von weißen Männern, nicht von deren Alter. Und selbst wenn er es täte... - dieser Schnösel wird auch in Kürze fünfzig, und dann dauert es nicht mehr lange. Eine kurze Kampfschrift, aber immerhin: über hundert Seiten gegen „die Versuchung, Dezentrierung mit Marginalisierung und Privilegienabbau mit Diskriminierung zu verwechseln und sich am Ende als »Opfer der Opfer« zu bemitleiden“. Mann, Mann, Mann! - Andererseits: wer weiß? Vielleicht meint es der Bursche ja gut. „Die Freilegung des Dilemmas, in dem sich weiße Männer heute befinden, eröffnet einen Ausweg jenseits von Selbstmitleid und Selbstüberhebung“, schreibt er. Nun ja, ich selbst bin ohnehin davor gefeit, vor Selbstmitleid und Selbstüberhebung. Aber empfindsamere Leidensgenossen...


Keine Frage, der Wind bläst uns stark ins Gesicht. Nicht einmal mehr auf die CDU ist in diesen schweren Zeiten Verlass. „Jens Spahn und Peter Tauber möchten nicht, dass die Union die Partei der weißen alten Männer ist“, müssen wir in der FAZ lesen. Doch die FAZ wäre nicht die FAZ, wenn sie solcherlei Häresie unkommentiert ließe. Sie, d.h. er, also der Claudius Seidl, mahnt: „Aber Modernisierung bedeutet mehr, als sich nur modisch zu geben.“ Die Zeitung, hinter der immer ein kluger - zugegebenermaßen: männlicher - Kopf steckt, klärt darüber auf, “dass Spahn und Tauber sich bloß eine unverstandene englische Floskel angeeignet haben, zum Zeichen ihrer Modernität, so wie sie ja auch Brillen tragen, die total auf dem neuesten Stand der Mode von 2004 sind“. Zack! Klare Worte, das sitzt. Nun ist die FAZ eine konservative Zeitung, und Seidl ein bekennender Konservativer. Da kann man, da muss man(n) einen klaren Standpunkt erwarten. Doch wie sieht es bei den liberalen Mainstreammedien dieses Landes aus? Werden auch sie dem eisig pfeifenden Wind standhalten können? Werden sie jetzt, wo es drauf ankommt, Rückgrat zeigen und Haltung bewahren?


Es ergibt sich ein widersprüchliches Bild. Während im gebührenfinanzierten Deutschlandfunk die Di-Blasi-Ressentiments affirmativ nachgeplappert werden und auf Spiegel Online eine Margarete Stokowski ihre feministische Propaganda betreibt, macht der gleiche Spiegel online darauf aufmerksam, dass „nicht nur alte, weiße Männer“ Trump-Wähler waren. „Tatsächlich stimmten auch Frauen im großen Stil für den Mann, der mit sexuellen Übergriffen prahlte.“ So! Und in der Süddeutschen Zeitung finden wir "eine kleine Polemik gegen ein trübes Vergnügen", nämlich das „Alten-Bashing“. Peter Richter schreibt unter der Überschrift „We*ße a!te Männer nerven!": „Auch in Deutschland entwickelt sich das Schimpfen über weiße alte Männer zum Volkssport." So sieht´s aus. "Der Vorwurf, der alten weißen Männern gemacht wird, besagt, dass letztlich sie der Grund seien, warum die Welt so ist, wie sie ist." Ganz genau. Allerdings, Moment mal, Herr Richter: „Weiße, alte Männer: War das nicht eben noch vor allem ein Anlass, im Bus seinen Platz anzubieten?“ Das ist natürlich Quatsch. Nicht „eben noch“, sondern „ganz früher mal“.


Heute dagegen sind auch Männer in den besten Jahren, gerade auch weiße Männer, ja - sagen wir es ruhig: sexy. Gut, nicht jeder, manch einer lässt sich gehen. Wenn dann zum Bierbauch noch der Hängepo, der wie eine schrumpelige Rosine aussieht, hinzukommt, ist das freilich Wasser auf die Mühlen derer, die „alte weiße Männer“ auf dem Pieker haben. Klar, aber die eigentliche Frage lautet doch: „Warum werden Männer im Alter attraktiv und Frauen hässlich?“ Sie, diese Frage aller Fragen, kann hier nicht beantwortet werden. Wichtig ist, dass wir hier endlich beim Thema Sexualität angekommen sind. Denn – und das ist bei diesen miesen Kampagnen ganz entscheidend – es geht nicht einfach „nur“ gegen alte weiße Männer, sondern ausdrücklich gegen heterosexuelle alte weiße Männer. Schwul geht irgendwie, hetero ist nicht so schön. Wie gemein! Man kann es sich doch nicht aussuchen. Alt nicht, weiß nicht, männlich nicht. Und heterosexuell auch nicht. Ja, in der Tat, Heterosexualität, das ist auch noch so eine Sache. Dadurch wird alles nur noch schwerer. Heterosexualität, wie soll ich Ihnen das jetzt erklären?! Andere Frage: kennen Sie eigentlich meine Frau?


Werner Jurga, 23.11.2016




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