Deutscher Frust:

Neider allerorten



Freitag, 15. November 2013. Man hört und liest gar nichts mehr vom NSA-Abhörskandal. Wollten wir da nicht mal den USA so richtig... - ach ja: jetzt erinnere ich mich. Einige „Besonnene“ - wie diese Warmduscher von sympathisierenden Feiglingen genannt werden - hatten Bedenken, ob wir allein gegen die Amerikaner ankommen könnten und schlugen stattdessen ein gemeinsames europäisches Vorgehen vor. Komischerweise hört man davon aber auch nichts mehr. Wir hätten doch mit der „Ausweisung von Botschaftern oder Agenten zumindest ein Zeichen“ (Klaus Brinkbäumer im Spiegel) setzen können. Dann hätten wir ja gesehen, wie das mit einer „europäischen Lösung“ aussieht. Dann müssten die alle Farbe bekennen, auf welcher Seite sie stehen. Diese Europäer. Doch es sieht so aus, als hätten wir uns diese – ich will mal sagen – einmalige historische Chance durch die Lappen gehen lassen. Und – wir kennen das vom Fußball: wer seine Chancen nicht eiskalt verwertet, wird bitter bestraft.  


So auch hier. Man muss sich das nur einmal vorstellen! „Weil Deutschland viel mehr exportiert als importiert, droht dem größten EU-Mitglied nun Ärger mit Brüssel“ (ARD-Tagesschau). „EU-Kommissionschef José Manuel Barroso kündigte ein Prüfverfahren an, bei dem die Leistungsbilanz der Bundesrepublik durchleuchtet wird. Dadurch will die EU-Kommission feststellen, `ob der hohe Exportüberschuss Auswirkung auf ganz Europa hat´, sagte Barroso.“ Ja, wo leben wir denn eigentlich?! Wir sind fleißig und tüchtig und alles, haben deswegen natürlich Erfolg... - und, wie das so ist: den Neid der Anderen am Hals. Das ist nicht schön, und – sagen wir es ruhig: lächerlich. So sagt es bspw. tagesschau.de-Kommentator Bernd1, und die anderen 149 Kommentatoren sagen so etwas Ähnliches: „lächerlich“. Die Nation ist sich einig. Die Tagesschau hat ihr Blog an dieser Stelle dicht gemacht, und danach – ja, wo gibt es denn sowas?! - den Text ihres Berichtes ein wenig geändert. Dejà-vú: einige Tage nach der ersten nationalen Aufwallung wird sich zur Vernunft gemahnt.  


Im Ursprungstext – mittlerweile verschwunden – hatte tagesschau.de noch wissen lassen: „Dass sich Deutschland für seine Exportstärke verantworten muss, mutet auf den ersten Blick absurd an.“ „Absurd“, also die seriöse Version von „lächerlich“, und zwar „auf den ersten Blick, allerdings ohne uns darüber aufzuklären, ob es eventuell einen zweiten Blick gegeben haben könnte, geschweige denn, was bei einem solchen möglicherweise sichtbar geworden wäre. Doch, siehe da: mittlerweile erfahren wir etwas, sogar via fetter Zwischenüberschrift, worauf die deutsche Volksseele nie und nimmer von allein drauf kommt: „Die Überschüsse der einen sind die Defizite der anderen“. Nun gut, dies gilt eigentlich nur auf der globalen, nicht aber für die europäische Ebene. Aber man soll es auch nicht zu kompliziert machen. Die Außenhandelsbilanz der EU ist in etwa ausgeglichen, so dass schon gesagt werden kann: die Ausfuhrüberschüsse Deutschlands sind die Leistungsbilanzdefizite der „Partner“, die wir „Pleitestaaten“ zu nennen pflegen.  


Schön, dass die ARD-aktuell-Redaktion dies inzwischen in ihre Berichterstattung eingebaut hat! Auf einer Unterseite ihres Blogs, nach einigen Tagen, als die Meldung nicht mehr aktuell war und folglich auch nicht mehr über die Homepage mit einem Teaser angeklickt werden kann. Uninteressant. Es bleibt, was die Tagesthemen am Mittwoch Abend gesendet haben. Thomas Roth moderiert den Filmbericht zum Thema mit einem süffisanten Lächeln an. Nüchtern, sachlich, ohne sich jedoch im letzten Satz, also der Ansage, verkneifen zu können, darauf hinzuweisen, dass die Mahnung der EU-Kommission durch „Neid“ motiviert sein könnte. Es folgt der Filmbericht des Brüsseler Korrespondenten Rolf-Dieter Krause, der seit Beginn der Eurokrise stets und ständig warnend darauf hinweist, dass unsere EU-Partner auf das deutsche Geld abgesehen haben. Dazu die Partner der großen Koalitionsverhandlungen in Berlin – in Gestalt ihrer Generalsekretäre. Leider kein Statement von Hermann Gröhe (CDU) in der Tagesthemen-Sendung; dafür gibt Alexander Dobrinth (CDU) deutschnationales Vollgas.  


Andrea Nahles (SPD) fragt sich überhaupt, was dieser Quatsch solle. „Sollen wir jetzt unsere Exporte drosseln?“, zickt die SPD-Generalin leicht angesäuert in die Fernsehkameras. „Lächerlich“, so ihre Message. Die großkoalitionären Arbeitskollegen in spe hätten es nicht schöner sagen können. So auf Sendung, so auf tagesschau.de: „Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagte, sie sehe keinen Handlungsbedarf.“ In der Textnachricht, die ohnehin kein Mensch liest, höchstens ein paar Politfreaks, wird noch hinzugefügt: „Grundsätzlich tritt die SPD aber für mehr öffentliche Investitionen und einen gesetzlichen Mindestlohn ein, um die Kaufkraft zu stärken - liegt damit also gar nicht so weit von der Brüsseler Linie entfernt.“ So, damit hätten wir das auch. Da kann auch die Handvoll Prinzipienreiter nicht meckern. Grundsätzlich tritt die SPD ein, na klar. Politisch ist es aber nötig, dass auch mal ein „Thema abgehakt“ werden kann. „Europa“ macht jedenfalls keine Probleme. „Union und SPD haben sich auf eine gemeinsame Europapolitik verständigt“, meldet etwa die Berliner Zeitung.  


Dort lesen wir: „SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles bestätigte: `Wir haben einen gemeinsamen Kompass in der Europapolitik gefunden´.“ Ein gemeinsamer Kompass, sieh an! Klarer Kompass: volle Kraft voraus für die deutsche Exportindustrie! Komme, was wolle. Und wenn das Ausland meckert oder gar Strafen verhängen will... das wollen wir doch mal sehen! In den Tagesthemen schließt der Kommentar dieses leidige Thema ab. Es spricht Sigmund Gottlieb vom Bayrischen Rundfunk. Die zustimmende Begleitmusik aus Amerika mache das, was hier in Europa abgeht, nicht besser, befindet die öffentlich-rechtliche Dobrinth-Ausgabe. Der Inhalt ist identisch, der Name ist schöner, jedenfalls treffender: Sigmund Gottlieb. Der deutsche Mittelstand, die deutsche Ingenieurskunst, usw. usf. - zieht Euch alle warm an! Nun hat auch die sozialdemokratische Seele durchaus etwas für den deutschen Arbeitnehmer übrig. Aber dass „unsere Andrea“ so prima mit Leuten wie Alexander Dobrinth kann... - man nimmt es ihr übel.  


Nein, Eurobonds und so Sachen – das ist es nicht, wonach den Delegierten auf dem SPD-Bundesparteitag der Sinn steht. Lieber acht Euro fünfzig für die Thüringer Friseurin. Das stört die deutschen Exporte nicht weiter, und was die Energiekosten betrifft: wenn auch etwas für die normalen Verbraucher dabei herausspringt, darf die Energie auch für die Wirtschaft preisgünstig sein. Internationaler Wettbewerb, heimische Kohle – kein Problem. Und doch: gerade die Andrea Nahles, wo die doch früher immer so links war... - und jetzt mit dem Gröhe und dem Dobrindt. Sozialdemokraten können grausam sein. „Denn wieder war es die Generalsekretärin Nahles, die das schlechteste Ergebnis aller Kandidaten des Vormittags einfuhr“, meldet die Frankfurter Rundschau. „So hättet ihr mit Andrea nicht umgehen dürfen“, beschimpfte SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks von der Bühne der Leipziger Messehalle herab die Delegierten. Moralisch gesehen. Statuarisch gesehen, und deshalb schimpft Barbara Hendricks auch so: sie dürfen. Achtung Mitgliederbefragung!  


Tja, und jetzt?! „Sollen wir jetzt unsere Exporte drosseln?“ Nein, Andrea, sollen wir nicht! Wir sollten uns aber darum kümmern, dass unser völlig unterinvestiertes Bildungssystem – von der Kita bis zur Uni – so ausgestattet wird, wie es sich für ein halbwegs modernes Industrieland gehört. Und wir sollten uns darum kümmern, dass unsere Straßen, Bahnwege und die Brücken für Autos und Züge schnellstmöglich auf Vordermann gebracht werden. Die kleinen Leute könnten durchaus ein paar Euro im Geldbeutel mehr vertragen. Wenn das alles gemacht wird, werden die Exporte – wegen der Kosten – von allein etwas gedrosselt, was aber nicht schlimm ist, weil wir ja dann eine höhere Nachfrage im Inland haben. Wenn das alles nicht gemacht wird, hat sich das mit den Exporten sowieso erledigt, weil so ganz ohne Straßen und Schienen all die deutsche Wertarbeit nicht ins Ausland zu schaffen ist. Wie bitte?! Das soll ich der CDU erzählen? - Nee, Andrea, das musst Du schon machen! Dann kriegst Du auch, egal was dabei rauskommt, ein besseres Wahlergebnis.  


Werner Jurga, 15.11.2013




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