Nazis und Asylkritiker, Linksbürgerliche und Chlorhühnchen


Ein Tag der Rekorde


24. September 2016. Ein Tag der Rekorde. Der Spiegel meldet heute eine dramatische Zunahme der Gewalt gegen Fremde. Wie das Bundesinnenministerium bekannt gegeben hat, wurden in den ersten achteinhalb Monaten des Jahres mehr als 1800 politisch motivierte Straftaten gegen Asylbewerber und Flüchtlinge registriert. Damit hat sich die Zahl der ausländerfeindlichen Straftaten nahezu verdoppelt. Neonazis und „Asylgegner“ legten in diesem Jahr schon 78mal Feuer, die Polizei zählte sieben Tötungsdelikte. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht. In Dortmund hat heute eine Demonstration des breitesten Bündnis aller breitesten Bündnisse ever stattgefunden. Gegen rechtsextreme Gewalt, versteht sich. Der DGB an der Spitze, die demokratischen Parteien und ihre Jugendorganisationen, die Drogenberatungsstelle und der Planerladen, die DGB-Jugend und die IG Metall und natürlich alle üblichen Verdächtigen. Sogar der öffentliche Personennahverkehr musste umgeleitet werden. 1000 Demonstranten wurden erwartet; tatsächlich sind rund 2000 Teilnehmer erschienen. Wenn man den Zahlen trauen darf, hat heute die Zivilgesellschaft klar gegen den braunen Spuk gewonnen.


Denn 2000 Leute (Demoteilnehmer in Dortmund) sind nun einmal mehr als 1800 Leute (fremdenfeindliche Straftaten in 2016 bislang). Sie mögen einwenden, für jeweils eine registrierte Straftat könnten im Einzelfall möglicherweise mehr als eine Person verantwortlich sein. Nun gut, rein formallogisch betrachtet hätten Sie damit Recht. Doch erstens tut eine pessimistische Sichtweise unserer Demokratie auch nicht gerade gut, und zweitens sind rechtsradikale Straftäter immer Einzeltäter. Also: fast immer. Außer bei diesen Dönermorden vom NSU; da waren ja, wie wir wissen, zwei Uwes zugange. Das ist aber nun wirklich ein Einzelfall! Und außerdem hat – schöne Geste eigentlich – genau dort, wo dieser Türke in Dortmund abgeknallt wurde, ein Gedenken mit Rede und allem stattgefunden. 1500 Leute, zumeist Deutsche, für einen Türken – da kann niemand meckern! „Man spüre ein `Wir´-Gefühl unter den Teilnehmenden“, berichtet genau an dieser Stelle der Reporter von „der Westen“. Wie schön! Genau wie das Wetter an diesem rekordverdächtigen Tag. Die Borussia hatte ihr Heimspiel schon gestern gewonnen. Heute auf der Demo nochmal das „Wir“-Gefühl als Zugabe. Wer aber ist eigentlich „Wir“?


Antwort: es sind „die Teilnehmenden“. Logisch, so steht es ja im Bericht. Nun gut, gestern im Stadion waren ein paar mehr Leute als heute auf der Demo. Aber so kann man nicht rechnen; das kann man nicht vergleichen. Gewiss, Anfang der 1990er Jahre, als es schon einmal ausländerfeindliche Ausschreitungen und tödliche Brandanschläge gab, waren auch mehr Leute gegen Rechts auf die Straße gegangen. Es gab Demonstrationen, Lichterketten, einen regelrechten „Aufstand der Anständigen“, zu dem der damalige Bundeskanzler aufgerufen hatte. Aber das war eine andere Zeit. Bis zu 400000 (vierhunderttausend!) Asylbewerber sind in nur einem einzigen Jahr in unser Deutschland hineingeströmt. Logisch, dass damals die Republik in Aufruhr war. Rechts wie links. Außerdem war das alles vor einem Vierteljahrhundert alles total neu. Die Mauer war gerade erst gefallen, und das hieß: der Eiserne Vorhang war gerade erst offen. Davor hätten die Bolschewisten auf der „Balkanroute“ all den Asylanten etwas ganz anderes erzählt. Wobei: Stacheldraht und Schießbefehl hatten gereicht; da gab es nichts zu erzählen. Sogar für uns im Westen war vieles total neu.


Wir kannten das doch gar nicht. Es war neu, dass es auf einmal Leute gab, Brüder und Schwestern, die Araber ganz unverkrampft Kanaken nannten. Sogar vor laufender Kamera bezeichneten sie Afrikaner als Teerpappe, nannten sie Ostasiaten Fidschis. Dieser revolutionäre Mut löste bei uns konterrevolutionäre Abwehrreflexe aus, woraus sich vermutlich dieser große Zuspruch für dieses ganze Theater gegen Rechts gespeist hatte. Heute sind die Zeiten anders, Stichwort: Globalisierung und so weiter. Ja sicher, damals die Öffnung des Ostens, das war schon ein Ding! Heute jedoch öffnet sich die ganze Welt, und das kann einen schon ganz schön verunsichern. Da muss man gar nicht groß Neonazi oder Asylkritiker sein, auch das „links-bildungsbürgerliche Milieu“ sehnt sich nach Heimat, zum Beispiel nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen direkt aus der Region. Insofern: das breiteste aller breitesten Bündnisse hätte heute mal, anstatt gegen diesen Nazi-Unfug, besser zu einer Demonstration gegen TTIP und CETA aufrufen sollen. Dann wären auch ein paar Leute mehr gekommen. Davon hätten auch all diese Typen aus der Flüchtlingsflut profitiert. Die haben ja schließlich auch nichts davon, wenn sie – äußerlich scheinbar unverletzt – genmanipulierte Chlorhühnchen vorgesetzt bekommen.


Werner Jurga, 24.09.2016



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