Die Borussia in Warschau

Jude oder Nutte?


17. September 2016. Also, für mich ist der Fall erledigt. Nein wirklich: ich würde darum jetzt kein großes Aufhebens machen. Die haben sich entschuldigt, und wir sollten diese Entschuldigung annehmen. So gehört es sich unter Sportsmännern. Ja, mein Gott! Was wird in Fußballstadien nicht alles gerufen?! Wenn man da jedes mal anfangen würde zu weinen. Die Champions League ist nun einmal kein Mädchenpensionat. Fußball – das sind Emotionen. Und was für Emotionen! Das ist doch klar, dass die total sauer sind, wenn die von uns so eine Packung bekommen. Die – das ist Legia Warschau, erfolgreichster polnischer Fußballverein, ehemals staatlicher Armeeklub, heute Aktiengesellschaft. Genau wie unser BVB. Wären da nicht die Münchner Bayern, erfolgreichster deutscher Kickerverein. Egal, jedenfalls musste Borussia Dortmund am Mittwoch, den 14.9., nach Warschau zum Champions-League-Spiel. Die Aufgabe wurde mit Bravour gelöst: ein 6:0-Auswärtssieg. Logisch, dass die ohnehin berüchtigten Legia-Fans da sauer wurden.


Sie zündeten Bengalos – in einer Intensität, die man sonst nur selten sieht. Sie versuchten, die Tribüne mit den BVB-Fans zu stürmen, was die Sicherheitskräfte zwar verhindern konnten – allerdings nur unter massivem Einsatz von Pfefferspray. Hin und wieder gelang es den Krawallos, den Polizeibeamten die Reizgasdosen zu entreißen. Das dürfte nicht für jeden Polizisten erfreulich ausgegangen sein. Weiteres Ergebnis: das Stadion lag nicht nur im Qualm, sondern war darüber hinaus auch noch tränengasverseucht. Im Fernsehen klagten unsere beiden Olivers (Welke und Kahn) über Reizungen ihrer Augen. Der Spielfreude der Borussen tat es keinen Abbruch – sehr zum Ärger der Legia-Fans. Diese skandierten einen Sprechchor mit der Absicht, die Dortmunder Fans zu beleidigen. „Jude Jude BVB“ soll zu vernehmen gewesen sein, womit nach allgemeiner Auffassung der Tatbestand der Beleidigung der gegnerischen Fans erfüllt wäre. Aber hatten die Legia-Ultras wirklich zur vermeintlich schlimmsten aller schlimmen Beleidigungen gegriffen?


Der Vorstand von Legia Warschau dementiert. In einer Erklärung stellt er folgendes fest: „Die Medienberichte, laut denen die Fans von Legia auf den Rängen `Jude Jude BVB´ skandiert hätten, entsprechen nicht der Wahrheit. Stattdessen sangen die Zuschauer `Nutte Nutte BVB´, ein für den BVB und seine Fans ebenfalls beleidigender Gesang, den auch die Fans anderer Deutscher Mannschaften singen; dieser Gesang hat jedoch keinen rassistischen oder antisemitischen Hintergrund.“ Das ist wahr. Jemanden – etwa eine Frau, einen BVB-Fan oder so – als Nutte zu beschimpfen, ist zwar nicht gerade höflich, anderseits auch nicht antisemitisch. Gut, dass Legia Warschau das einmal festgestellt hat! Überhaupt ließen sich viele Missverständnisse zwischen den Völkern vermeiden, wenn es nicht diese bedauerlichen Sprachschwierigkeiten gäbe. Man möchte gar nicht wissen, wie viele Kriege allein aufgrund von Übersetzungsfehlern ausgebrochen sind. „Jude“ heißt auf Polnisch „Żyd“; für „Nutte“ bietet der Google-Übersetzer „Prostytutka“, „Lafirynda“, „Dziewka“ und „Kurwa“ an.


Wir sehen: auch Google kann nicht jedes Problem lösen. Vielleicht liegt es daran, dass „Jude“ noch ein viel schlimmeres Schimpfwort zu sein scheint als "Nutte". „Ein für den BVB und seine Fans ebenfalls beleidigender Gesang“, gar keine Frage, aber „Jude BVB“ stellt nun einmal die schlimmste aller Beleidigungen dar. Stellen Sie sich nur mal vor, irgendein Strolch würde Sie als „Juden“ bezeichnen! Da nützt es gar nichts, überhaupt nichts, wenn die Borussenfans beim nächsten Bayern-Tor von Lewandowski "Pole, Pole" schreien. Nun gut, wir wollen nicht einseitig sein. Wir dürfen nicht nur die Dortmunder verstehen, sondern auch die Bayern. Und sogar auch die Warschauer. Sagen wir es so: der Legia-Vorstand wollte deutlich machen, dass seinen Fans Antisemitismus völlig fremd ist, dass ihnen aber leider das älteste Gewerbe Probleme bereitet, was freilich auch eine Entschuldigung nötig macht. Eine ehrenhafte Position! Jeder muss sich darum bemühen, dass sich die Fans nicht angegriffen fühlen - die Nutten und Juden sind's ja eh gewohnt.


Werner Jurga, 17.09.2016




siehe auch: Schimpfwörter (jurga.de vom 10. Januar 2008)


Schwul? Schwarz? Schwabbel? („Die Welt“ vom 16. November 2011)




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