Meckpomm

Danke, AfD!


5. September 2016. Mecklenburg-Vorpommern hat gewählt. Die Landtagswahl brachte in etwa das Ergebnis, das die Meinungsforschungsinstitute prognostiziert hatten. Die Linke legte eine Punktlandung hin, die SPD schnitt etwas besser ab als vorhergesagt, die anderen Parteien eine Idee schlechter. Die CDU blieb unter den Erwartungen. Die Grünen auch. Und die AfD. Die AfD? Ja, auch die AfD. Nur ein wenig, aber immerhin. INSA hatte zuletzt 23 % in Aussicht gestellt, die Forschungsgruppe Wahlen 22 %, am Ende wurden es nicht ganz 21 %. Keine Frage: in den Augen jedes Demokraten ist das zu viel. Viel zu viel. Nur, eines ist es eben nicht: eine Überraschung. Seit nunmehr einem halben Jahr liegt die AfD laut Infratest dimap in ganz Ostdeutschland bei 20 % und mehr. Wobei zu „Ostdeutschland“ auch Berlin gehört. Ganz Berlin natürlich. In der Hauptstadt wird in knapp zwei Wochen gewählt, und auch dort darf ein zweistelliges Ergebnis für die AfD erwartet werden. Der Aufschrei wird, dies ist bereits absehbar, nach Berlin nicht minder ausfallen als nach Meckpomm.


Zwar entfällt dann die vermeintliche Verwunderung darüber, dass Fremdenfeinde in großer Zahl ausgerechnet in einem Land gewählt werden, wo Fremde allenfalls in sehr kleiner Zahl anzutreffen sind. Aber dafür ist Berlin Berlin. Mehr als doppelt so viele Einwohner wie Meckpomm. Die für ihre Weltoffenheit bekannte hippe Metropole, die Touristen und kreative Geister aus aller Welt anzieht. Und eben nicht so eine gottverlassene Steppe im hinteren Nordosten, aus der nur noch ein paar voll vertrottelte Ossis nicht den Absprung geschafft hatten. Das Ausland, wie die internationale Presse hierzulande nicht nur von AfD-Sympathisanten genannt wird, wird noch stärker die Nase rümpfen als jetzt, nach Meckpomm. Und wir können uns schon heute, knapp zwei Wochen vor Berlin, die Frage stellen: Ja, was haben die sich denn wohl vorgestellt?! Was hatten die denn für ein Deutschlandbild? Etwa so eines wie das, das die Deutschen von sich selbst haben? Deutschland als Insel demokratischer Glückseligkeit inmitten eines Meeres kryptofaschistischer Demokratiebeender? Man werfe einen Blick über den Tellerrand hinaus!


Direkt hinter Meckpomm verwandeln Kaczyński und seine PiS Polen in atemberaubenden Tempo in einen katholischen Gottesstaat. In den anderen Visegrád-Staaten sieht es um keinen Deut besser aus. Am weitesten gekommen ist bislang Orbán, der in Ungarn ein autokratisches Regime installiert, das den Vergleich mit Putins Russland oder Erdoğans Türkei nicht scheuen muss. In Österreich dürfte am 2. Oktober der Faschist Norbert Hofer zum Bundespräsidenten gewählt werden. Auch in Nord- und in Westeuropa sieht es nicht wesentlich besser aus. Allerorten sind „Rechtspopulisten“, so die verharmlosende Bezeichnung, mit starken Fraktionen im Parlament. Mal sind sie direkt, mal indirekt – qua Tolerierung – an der Regierung beteiligt. England hat den Brexit gewählt, in Frankreich möchte Madame Le Pen vom Front National im nächsten Jahr Präsidentin werden, und in den USA werden allen Ernstes der rechtsradikalen Knalltüte Trump Chancen eingeräumt, am 8. November die Präsidentschaftswahl zu gewinnen und damit Führer der nicht mehr ganz so freien Welt zu werden.


Die Heimat und die Nation – selbstverständlich immer und überall die eigene – stehen allerorten wieder hoch im Kurs. Schluss mit der Globalisierung! Es lebe das Volk! Das jeweils eigene, versteht sich. Und das eigene ist allein deshalb das eigene, kann nur deshalb das eigene sein, weil es das fremde gibt. In Moskau wie in Ankara, in London wie in Paris, und deshalb auch in Berlin. Ja, was hat denn „das Ausland“ gedacht? Was hatten Sie denn gedacht? Okay, Sie hatten die Resultate der Sonntagsfrage während des letzten halben Jahres nicht so genau verfolgt. Sie haben verdrängt, weil in den Leitmedien auch kaum noch darüber berichtet wird, dass die deutschen Geheimdienste in die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) hoffnungslos verstrickt sind und dass mehr als dreihundert gewaltbereite Rechtsextremisten in den Untergrund gegangen sind. Okay, man kann nicht alles wissen. Aber dass in diesem Land die Flüchtlingsunterkünfte brennen, das müssen Sie doch mitbekommen haben! Sonst hat spätestens jetzt Meckpomm Ihnen die Augen geöffnet! Danke, AfD!


Werner Jurga, 05.09.2016



Seitenanfang