Bild: Cinema Solitaire


Der Ein-Prozent-Fremde


Schildbürger in Panik



2. September 2016. Es hatte sich zugetragen heute genau vor einem Jahr in Schilda. Die Schildbürger hockten alle in ihrem Rathaus zusammen. Alle hundert. Sie hatten etwas zu beratschlagen, etwas ungeheuer Wichtiges. Denn etwas Ungeheuerliches wart geschehen. Tatsache! Ein Fremder hatte ihre schöne Stadt betreten. In Worten: einer. Ein ganzer. Und dieser eine Ganze, dieser Fremde – um ehrlich zu sein: vollkommen Fremde - begehrte zu bleiben. In Schilda. Ungeheuerlich, nicht wahr? Es war klar, dass dies den Charakter der Stadt vollkommen verändern würde. Schließlich war man ja nur zu hundert. Schildas Schuldirektor wusste beizusteuern, dass der Fremde einem Prozent entspricht. Also einem von Hundert. Denn man war ja hundert. In Schilda. Wenn jetzt der Hunderterste käme... - das heißt: er war ja schon da – klar, dass man Schilda nicht mehr wiedererkennen würde. Schwierige Situation. Aber jetzt war er nun einmal da. Dumme Sache. Aber die Schildbürger sind nun einmal ziemlich dumm. So etwas weiß man aber!


Die sind sogar so dumm, die Schildbürger, dass sie gejubelt hatten, als er angekommen war, dieser vollkommen Fremde. Heute vor einem Jahr. Viele sind auf die Straße gerannt und hatten den Fremden persönlich begrüßt. Das sollte eigentlich am Bahnhof passieren; aber Schilda hat nun einmal keinen Bahnhof. Also hatten sie dem Fremden draußen die Geschenke in die Hand gedrückt. Schokolade und so Sachen. Schokolade kann man schließlich immer gebrauchen. Sie waren richtig stolz auf sich, die Schildbürger, und nannten das „Willkommenskultur“. Das, worauf sie so stolz waren, also sich selbst. Zugegeben: nicht alle. Also: nicht alle waren stolz auf Schilda und hocherfreut über diesen Fremden, der jetzt diese mit hundert Menschen ohnehin schon extrem dicht besiedelte Stadt über die Grenze zur Überbevölkerung gehievt hatte. Die hatten ihm schon damals, also im letzten Jahr, immer mal wieder das Zelt, in dem er zu nächtigen pflegte, angezündet. Damit der begreift, dass er genau genommen überhaupt nicht willkommen ist. Doch die meisten Schildbürger waren genauso dumm wie der Fremde und freuten sich vor sich hin.


Am verrücktesten getrieben hatte es die Bürgermeisterin. Die hatte sich sogar zusammen mit dem Fremden fotografieren lassen und, obwohl das sonst überhaupt nicht ihre Art ist, dabei auch noch gelächelt. Darüber hatte sich natürlich der eine und der andere Schildbürger beschwert, worauf sie geharnischt meckerte. Wenn man sich in Schilda dafür entschuldigen müsse, wenn man beim Empfang des Fremden ein freundliches Gesicht mache, dann sei das nicht mehr ihre Stadt. Da trauten sich die Leute nicht mehr, etwas zu sagen. Denn vor einem Jahr hatten viele Schildbürger noch hohen Respekt vor ihrer Bürgermeisterin. Andererseits hatten sie selbstverständlich auch große Angst, klar: sie waren nur zu hundert, und dann kommt ein Fremder in diese unschuldige Stadt voller dummer Menschen. Das konnte ja nicht gutgehen. Doch die böse Bürgermeisterin rief ihnen dreist zu: „Wir schaffen das!“ Und abermals wagte es nicht einer, ihr zu widersprechen. Dabei war schon damals völlig klar, dass man das gar nicht schaffen kann. Ein Fremder auf nur hundert Leute. Ein ganzer auf jämmerliche hundert Schildbürger.


Die Zeit verging. Die Wochen strichen ins Land und auch die Monate. Und so kam es, wie es kommen musste: es wurde immer deutlicher, dass die Schildbürger sich da eine Aufgabe zugemutet hatten, die einfach überhaupt nicht zu schaffen war. Lange kann es nicht mehr dauern, bis auch der dümmste Schildbürger begreift, dass ein ganzer Fremder auf nur hundert Dummköpfe schlechterdings zu viel ist. Okay, einige werden es nie begreifen; es sind halt Schildbürger. Aber sechzig oder vielleicht auch schon siebzig von den hundert Einwohnern Schildas sind mittlerweile überzeugt davon, dass es ein Fehler war, den Fremden reinzulassen. Und dass die Bürgermeisterin, die sie bis vor einem Jahr „Mutti“ zu nennen pflegten, nichts taugt. Dafür nennt der Fremde sie jetzt „Mutter“. Nun gut, der beherrscht die Sprache noch nicht. Das kann man ihm nicht vorwerfen. Nur: genau deshalb hätte er dort bleiben sollen, wo der Pfeffer wächst. Das tut er jedenfalls nicht in Schilda. Dort hocken jetzt die Schildbürger wieder in ihrem Rathaus.


Sie beratschlagen, wie das jetzt alles werden soll. Das mit dem Fremden. Ein ganzer Fremder auf gerade einmal hundert Schildbürger. Das ist nicht zu schaffen, das ist klar. Also reden sie auch erst gar nicht darüber, wie sie das schaffen könnten. Was überhaupt? Doch es gibt andere Fragen, über die es sich zu debattieren lohnt. Zum Beispiel: wer ist eigentlich dieser Fremde? Oder, noch spannender: wer sind eigentlich wir, wir Schildbürger? Wie soll das alles bloß weitergehen? Jetzt, wo nach dem Eintreffen des Hundertersten, die Stadtgesellschaft eine ganz andere geworden ist. Kann dieser Fremde jemals Schildbürger werden? Will er es überhaupt? Schildbürger Sein – was heißt das? Reicht es aus, immer schön dumm zu sein? Oder muss ich ausdrücklich meine Loyalität zu Schilda bekunden? Und wenn ja, wie? Und so reden sie und reden sie, die Schildbürger in ihrem Rathaus. Es hat – ich weiß gar nicht, ob Sie das schon wussten – keine Fenster, das Rathaus. Was wiederum zur Folge hat, dass es, je länger sie reden, desto mehr stinkt. Im fensterlosen Rathaus der Schildbürger. Sie sehen nichts. Aber sie reden und reden. Und es stinkt.


Werner Jurga, 02.09.2016




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