Bild: DGB


Altmodische Brauchtumspflege

Antikriegstag


1. September 2016. Antikriegstag. Was es nicht alles gibt! Brauchtumspflege. Dementsprechend altmodisch. Krieg – ich meine: wie lange ist das jetzt her?! Mehr als siebzig Jahre. Seitdem ist Ruhe im Karton. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich nehme das nicht auf die leichte Schulter. Krieg ist blöd. Ziemlich blöd. Zum Beispiel der in Syrien. Deswegen haben wir doch das ganze Palaver mit diesen Flüchtlingen. Ich meine: die können da unten ja Krieg machen, so lange und so viel sie wollen. Nur: die sollen uns doch damit in Ruhe lassen! Als wir hier damals Krieg hatten, sind wir ja auch nicht weggerannt zu denen da unten. Gut, die Juden, von mir aus. Aber wir doch nicht! Von daher müssten die Araber eigentlich wissen, wie das ist, wenn Du urplötzlich von so einer Flüchtlingswelle überspült wirst. Aber so sind die Leute. Gerade wenn Ihnen Unbill widerfahren ist, sinken die Hemmschwellen, Anderen das gleiche zuzufügen. Oder finden Sie das etwa in Ordnung, was die Juden den Palästinensern antun?! Aber der Mensch wird nun einmal nicht schlau.


Deswegen stets und ständig diese blöden Kriege. Überall. Außer hier bei uns. Ja, wir haben wenigstens aus unserer Geschichte gelernt. Deshalb könnte man sich meines Erachtens diesen Tinnef mit dem Antikriegstag auch sparen. Ich meine: das weiß doch jeder, dass Krieg blöd ist. Nur gut, dass wir die Bundeswehr haben; davor wurden wir ja ständig angegriffen. Der 1. September wurde deswegen zum Antikriegstag erklärt, weil im Jahr 1939 genau an diesem Tag der Führer ab 5 Uhr 45 zurückgeschossen hatte. Dieser Hitler, meine Güte. Was war das bloß für ein Kerl! Wenn Sie mich fragen: in meinen Augen war der Typ krank. Wie kann man nur so beknackt sein, mit allen möglichen Staaten Krieg anzufangen?! Ich meine: gleichzeitig. Der hatte sie doch nicht alle, dieser Hitler! Der soll sich aber auch von niemandem etwas sagen gelassen haben. Ein größenwahnsinniger Spinner. Einfach wild drauflos ballern, hoppla, jetzt komme ich... - so läuft das nun mal nicht. Aber nun gut, olle Kamellen. Und, wie gesagt, wir haben unsere Lektion aus unserer leidvollen Geschichte gelernt.


Diesmal haben wir die Amerikaner auf unserer Seite. Wobei: finden Sie nicht auch, dass der Ami das manchmal ein bisschen zu locker sieht? Das mit den Kriegen. Stets und ständig, hier und da, überall wo ihm das eine der andere nicht passt. Aber so ist das wohl, wenn man das nie erlebt hat, wie das ist, wenn so ein Krieg zu Hause tobt. Gut, die hatten sich mal gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Aber erstens ist das nun auch schon mehr als 150 Jahre her, also stark verblasst. Fragen Sie mal die SPD! Und zweitens gab es in diesem Bürgerkrieg nicht mal eine Million Tote. Bei weitem nicht. Da geht das heute in Syrien ganz anders zur Sache. Von unserem „letzten“ Krieg ganz zu schweigen. Kurzum: wenn man nicht oder auch nur lange nicht erlebt hat, dass Krieg blöd ist, gerät es leicht in Vergessenheit. Deshalb diese unangemessene Lockerheit des Amerikaners in diesen Dingen. Ganz anders der Russe. Der Russe begeht auch den Antikriegstag; denn er weiß, was Krieg bedeutet. Dass Krieg blöd ist. Er führt ihn aber trotzdem. In Syrien, in der Ukraine...


Sie wissen ja Bescheid. Mit den Engländern und Franzosen brauche ich ja wohl erst gar nicht anzufangen. Die vier Siegermächte, wie sie sich nicht ganz ohne Stolz nennen lassen. Ja doch, ich weiß, dass der Hitler den Krieg angefangen hat! Das habe ich doch bereits zugegeben. Nur: wie lange müssen wir uns das noch unter die Nase reiben lassen?! Wir haben jetzt seit über siebzig Jahren Frieden, und Deutschland hat seither noch niemals Krieg geführt. Außer vielleicht in Afghanistan, in Jugoslawien, in Somalia, in Syrien und den anderen etwa fünfzehn Gegenden, in denen unsere Jungs (und Mädels) zur Zeit im Einsatz sind. Verantwortung übernehmen, nennt sich so etwas. Verantwortung, falls Sie das Wort überhaupt schon einmal gehört haben! Oder Engagement, auch ein gutes Wort. Man kann nicht ständig nur in der Rolle des Zuschauers am Rande stehen. Man muss sich sich selber einbringen. Antikriegstag, schön und gut. Aber die Welt ist nun einmal, wie sie ist. Leider. Unsere Erde ist kein Ponyhof. Aber wem erzähle ich das?!


Sie bekommen das ganze Elend ja hautnah mit. Flüchtlinge, Terror und all die anderen schlimmen Sachen, die uns so weit weg vorkamen, als der Krieg noch ein kalter war und die Bundeswehr eine Schule der Nation, in der junge Männer anständiges Benehmen lernen und den Führerschein machen konnten. Eine halbe Million Jungs, allein im Westen. Mensch, was waren das für Zeiten! Wenn die große Bombe fällt, ist sowieso alles vorbei. Was war das für ein Leben! Amerikanische Unernsthaftigkeit allerorten. Einsatz der Armee im Inneren - einfach verboten! Ja sicher, es gab Rüstungskontroll-verhandlungen; die gehörten zum großen Spiel. Aber wenn der Steinmeier heutzutage fordert, dass es wieder welche geben müsse, dann ist das schon etwas anderes. Und selbstverständlich gab es auch Zivilschutzplanungen. Das wäre doch auch komisch gewesen: 500.000 Mann unter Waffen, aber kein Mensch hat eine Gasmaske. Aber heute... - Lassen Sie es mich so fragen: sind Sie wirklich sicher, dass Sie genug Mineralwasser und Dosengulasch im Haus haben?


Werner Jurga, 01.09.2016



Seitenanfang