Caaching: Aufstieg in schwerer Zeit – heute:

Politkarriere, Teil 3: Die Rede


24. August 2016. Jetzt geht es um die Wurst. Jetzt haben Sie es fast geschafft. Sie hatten sich vorgenommen, sich konstruktiv in den politischen Entscheidungsprozess einzubringen. Einfach mal für ein paar Jahre – oder noch besser: gleich für immer - die Arbeit Arbeit sein lassen und stattdessen mit anderen ähnlich stark politisch interessierten Menschen über das gemeinsame Hobby plaudern. Für Geld, versteht sich. Für mehr Geld, als bei diesen ganzen Praktikumsschleifen und Zeitverträgen herausspringt. Wie Barack Obama schon sagte: sein Job sei halb so wild. Er könne das machen, was er ohnehin auch sonst machen würde, nämlich den ganzen Tag lang über Politik diskutieren. Nur jetzt eben für Geld. Das hat er tatsächlich gesagt, der Obama. Sie sollten das aber nicht tun; denn (noch?) gibt es einen einzigen klitzekleinen Unterschied zwischen dem US-Präsidenten und Ihnen. Er hat schon seinen Traumjob, Sie streben den Ihren ja erst noch an. Aber – kein Grund den Kopf hängen zu lassen: Auch Sie haben ja schon ganz schön was erreicht. Sie haben sich in der Partei gut vernetzt und in Hinblick auf die Kampfabstimmung sind die wichtigen Vereinbarungen getroffen.


Jetzt fehlt nur noch die Rede auf dem Nominierungsparteitag. Leider ließ sich ein parteiinterner Konkurrent auch beim besten Willen und trotz Streuens übelster Gerüchte über ihn partout nicht abschütteln. Ob dieser bösartige Nachbarortsverein dahinter steckt? Schwer zu sagen und auch völlig egal. Sie könnten dies sowieso nie beweisen und selbst wenn: dann wäre es auch zu spät. Jetzt ist die Stunde. Die Stunde der Wahrheit, the moment of truth. Jetzt haben Sie die Chance, Ihrem bis dato eher mittelprächtig verlaufenen Lebensweg den alles entscheidenden Dreh zu geben. Also wollen Sie loslegen wie Obamas Barack. Kleiner Tipp meinerseits: Vergessen Sie es! Erstens, weil Sie es ohnehin nicht können. Zweitens, weil Sie sich deshalb mit einem entsprechenden Versuch nur lächerlich machen würden. Und drittens, weil Sie, sollte es Ihnen tatsächlich gelingen, eine richtig gute Rede zu halten, nur verdächtig machen würden. Bedenken Sie doch: es geht nicht um bestechende Argumente oder brillante Redekunst, sondern um Sympathie und vor allem um Glaubwürdigkeit. Um Glaubwürdigkeit, um Glaubwürdigkeit und nochmals um Glaubwürdigkeit.


Kontrollieren kann man Sie, wenn Sie einmal gewählt sind, sowieso nicht mehr. Folglich bleibt nur Glauben. Seien Sie „der Mann, dem man vertrauen kann“! Dieser war schließlich rhetorisch auch eine Niete. Oder denken Sie an sein Mädchen, das auf dem besten Wege ist, seinen Amtshalter-Längenrekord einzuholen. Auch eine rhetorische Lusche, aber gut: das schafft Vertrauen, das sichert Glaubwürdigkeit. Das gilt nicht nur für die Konservativen, sondern auch für die SPD. Kein Wunder, dass die Sozis kein Bein auf die Erde kriegen! Zurück zu Ihrer Rede: stellen Sie sich nur vor, nach dem obligatorischen Höflichkeitsapplaus wird in den Rängen getuschelt: „Rhetorisch ist der / die ja gut.“ Das wäre es dann aber gewesen. Sie müssten sich darauf einstellen, auch in Zukunft Ihren niveauvollen Lebensstandard durch eine relativ niveaulose Sache namens Arbeit abdecken zu müssen. Das gönnt man nicht einmal seinem schlimmsten Feind; deshalb: schlagen Sie sich das mit der Rhetorik aus dem Kopf! Mark Twain sagte einmal: "Rhetorik ist deshalb ein Problem, weil es schwierig ist, gleichzeitig zu reden und zu denken. Politiker entscheiden sich meistens für eines von beiden."


Spaß beiseite, die Sache ist schließlich ernst. Es geht um die Grundlagen unserer Demokratie und Ihres Bankkontos. Deswegen: kurze Sätze, treffende Argumente und überzeugende Sympathiewerbung! Auch hier gilt: von Mutti lernen heißt Siegen lernen. Eröffnen Sie Ihre Rede mit der Behauptung „Ihr kennt mich ja.“ Das altbekannte Merkel-Argument wirkt äußerst familiär, und Sie sprechen damit auch diejenigen an, die Sie im Grunde überhaupt nicht kennen. Der / die ahnungslose Delegierte ist froh und dankbar, dass das Manko, so einen wichtigen Menschen wie Sie nicht zu kennen, Ihnen entweder gar nicht aufgefallen ist oder gar, dass Sie in Ihrem uneitlen Großmut lässig darüber hinwegsehen. Nachdem Sie mit der Einleitung menschlich gepunktet haben, müssen Sie inhaltlich werden. Natürlich, gerade in der SPD; denn die SPD ist eine Programmpartei. Leider ist sie auch sehr diskussionsfreudig. Ein rechter Flügel und ein linker Flügel. Die Frauen und die Arbeitnehmer (qua definitionem männlich). Die Jusos und die Abteilung 60plus. Langer Rede kurzer Sinn: Inhaltlich werden – ja. Aber auch nicht zu inhaltlich. Fokussieren Sie sich auf die Seele der Partei!


Mein Geheimtipp: die soziale Gerechtigkeit. Sie sollten auf jeden Fall erwähnen, dass Ihnen die soziale Gerechtigkeit ganz besonders am Herzen liege. Ihretwegen seien Sie dereinst in die Partei eingetreten, und ihretwegen müssten Sie jetzt auch dringend in irgendein Parlament. Keine Sorge: die Rückfrage, ob denn eine Welt, in der jemand wie Sie nicht Abgeordneter ist, sozial ungerecht wäre, müssen Sie nicht fürchten. Denn jeder weiß: mit der sozialen Gerechtigkeit liegen Sie voll auf Parteilinie. Die Gerechtigkeit ist nämlich ein Grundwert der SPD, und dass sie nach Möglichkeit sozial sein sollte, verrät ja schon der Name der Partei. Nun gut, es gibt noch zwei weitere Grundwerte, nämlich Freiheit und Solidarität. Aber schaun Sie: die Solidarität hat schon allein deshalb in Ihrer Bewerbungsrede nichts verloren, weil es doch darum geht, einen anderen geschätzten Genossen auszustechen. Und Freiheit... - sorry, was soll das denn jetzt?! Sind Sie etwa ein Neoliberaler? Na egal, jedenfalls sollten Sie nicht sagen: „Was unsere Grundwerte betrifft: da ist mir die Gerechtigkeit nicht ganz so wichtig. Aber die Freiheit – wirklich eine tolle Sache!“


Der Vorsitzende der Ruhr-SPD, Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski, hat das extra nochmal klargestellt: „Für das Ruhrgebiet stehen zwei sozialdemokratische Grundwerte im Mittelpunkt: Solidarität und Gerechtigkeit.“ Sicher, es gibt drei; aber es können halt nur zwei im Mittelpunkt stehen. „Freiheit, Freiheit - ist die einzige die fehlt.“ Im Ruhrgebiet. Gut, der Westernhagen kommt hierher. Aber wer weiß, wen oder was der wählt?! Diese Zeile ist jedenfalls kein gutes Zeichen: „Freiheit, Freiheit - ist das einzige was zählt.“ Nein, nein, „Freiheit Freiheit - wurde wieder abbestellt“, Sie gehen mal auf Nummer sicher und setzen auf Gerechtigkeit. Auf soziale Gerechtigkeit, verstehen Sie?! Wie bitte? Was das genau ist? Junge, Junge, jetzt sehe ich aber langsam schwarz für Sie! So etwas weiß man doch. Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – das kommt aus der Französischen Revolution. „Liberté, égalité, fraternité“. Fraternité können Sie auch mit Nächstenliebe übersetzen – oder eben mit Solidarität. Und égalité mit sozialer Gerechtigkeit. Nein, nicht mit Gleichheit. Denn, überlegen Sie doch nur mal: wenn wir alle gleich wären, wo bliebe dann das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen?!


Werner Jurga, 24.08.2016

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