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Coaching: Aufstieg in schwerer Zeit – heute:

Politkarriere, Teil 2: Die Vernetzung


22. August 2016. Sie wollen in der Politik etwas werden, also: richtig was werden. Sie wollen mit der Politik ihren Lebensunterhalt verdienen und deshalb in den Landtag, in den Bundestag oder – das wäre freilich wie ein Sechser im Lotto – ins Europaparlament. Dazu müssen Sie freilich von einer Partei nominiert werden, und wir sind so verblieben, dass wir dies am Beispiel der SPD einmal durchgehen. Ich werde mich bemühen, Ihnen einige Tipps zu geben; denn Sie müssen sich freilich auf Konkurrenz gefasst machen. Vermutlich werden Sie um eine Kampfabstimmung auf einem Parteitag nicht herumkommen. Keine leichte Hürde, aber immerhin geht es ja um etwas. Für Ihr Universitätszeugnis hatten Sie sich doch auch mächtig ins Zeug gelegt. Wie bitte?! Sie sind gar nicht studiert? Jetzt enttäuschen Sie mich aber; wir hatten doch gesagt: „Sie sind über den Zweiten Bildungsweg gekommen und haben einen normalen Fachhochschulabschluss.“ Mann, Mann, Mann! Oder auch Frau... - Aber Sie sind doch, wenn schon nicht Akademiker, dann wenigstens ein Single mit Niveau? Na, dann ist es ja gut. Ausnahmsweise, meinetwegen.


Das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen soll auch für Sie gelten. „Kein Kind zurücklassen“ sage ich schließlich immer. Zumal ein anständiger Hochschulabschluss noch längst nicht alles ist. Das hat doch der Fall Hinz gezeigt. Aber was er vor allem gezeigt hat: ohne die richtigen Protegés läuft nichts. Gar nichts. Schauen Sie, es geht doch nicht allein um Sie! Wir leben in einer Demokratie, und das bedeutet, dass das Volk im Parlament vertreten sein muss. Und das Volk wird repräsentiert durch den Ortsverein. Durch „Ihren“ Ortsverein, und nicht durch die Heinis vom Nachbarverein. Die sind uns doch schon vor gut zwanzig Jahren in den Rücken gefallen. Da ging es um... - nun gut, das gehört nicht hierher. Genauso wenig wie die nicht zu leugnende Tatsache, dass der damalige Vorsitzende dieses Ortsvereins über Jahre ein Krösken mit unserer Kassiererin hatte. Sicher, das spielt alles keine Rolle; nur: Wissen müssen Sie so etwas schon. Sonst können Sie sich auf dem alles entscheidenden Parteitag die Haare noch so schön gekämmt haben. Wenn Sie auf so eine Tretmine latschen, können Sie all Ihre Ambitionen abhaken.


Wichtig ist, dass Ihr Ortsverein Sie bei Ihrem Vorhaben, künftig die Diäten eines Parlaments Ihrer Wahl abzugreifen, unterstützt. Wobei: „wichtig“ ist stark untertrieben, „basic“ müsste man sagen. Denn der Ortsverein ist die Basis und ohne ihn läuft in der SPD rein karrieretechnisch gar nichts. Das ist – rein basisdemokratisch betrachtet – ganz hübsch, für Sie allerdings auch mit einer kräftezehrenden Ochsentour verbunden. An ihr kommen auch weibliche Interessenten nicht vorbei; denn eine Färsen- oder Kälbinnentour hat die SPD nicht gemeinsam mit der Frauenquote eingeführt. Egal: einfach mal beim Sommerfest an die Zapfanlage oder an den Grill! Frauen sind heutzutage nicht mehr an Kaffee und Kuchen gebunden. Regelmäßig am Infostand stehen, hin und wieder mal beim Plakatieren helfen, mit keinem der Alphatiere Krach anfangen – und schwupp: schon könnte es hinhauen mit der Unterstützung durch den Ortsverein. Dann brauchen Sie nur noch die Mehrheit auf dem Unterbezirksparteitag. Der Unterbezirk ist bei den Sozis das, was bei den Anderen Kreis heißt, und umfasst - abhängig von der Größe der Stadt bzw. des Wahlkreises - zig Ortsvereine.


Insofern wäre es schon ganz günstig, Sie wären im richtigen Ortsverein. Denn genauso, wie Sie gut vernetzt sein müssen, muss sich auch Ihr Ortsverein um entsprechende Absprachen bemühen. Oft zu Unrecht als Kungeln denunziert, sind es doch gerade die Vernetzungen und Vereinbarungen, die dafür sorgen, dass es in der Demokratie nicht so zugeht wie im ukrainischen Parlament. Und bei allem Verständnis für Ihren Wunsch, in der Politik Karriere zu machen: es geht doch um Dinge, die wichtiger sind als wir selbst. Zum Beispiel um den Wohnort. Angenommen, Sie leben nicht mehr in Ihrem Elternhaus. Nein, das ist keine Voraussetzung, eher ein Nachteil. Sollten Sie es wirklich werden, müssen Sie bedenken: so ein Wahlkampf kann ganz schön stressig werden. Und dann im Bundestag – die ganze Hin- und Herfahrerei. Da ist es schon besser, wenn die Mutti die Suppe kocht und die Klamotten wäscht. Es ist sowieso besser, Sie gehen in den Landtag – wenn Sie nicht mehr im Hotel Mama wohnen. Das ist nicht so ein Aufwand und wird trotzdem gut bezahlt. Und vor allem: im Vorfeld ist – wegen des größeren Angebots – die Nachfragekonkurrenz nicht so gnadenlos.


Der Ortsverein, Ihr Wohnort, das Elternhaus: wichtig ist auf jeden Fall, dass Sie nicht umziehen. Denn ein Umzug zieht ja einen Wechsel des Ortsvereins nach sich, und da bekommen Sie ein anständiges Standing logischerweise nicht von heute auf morgen hin. Ich weiß: in der Berufswelt sind Ortswechsel heutzutage modern bis postmodern. In der Demokratie aber – und das gilt für alle Parteien – echte Karrierekiller. Sie müssen sich also schon entscheiden, ob Sie in Ihrem Beruf oder in der Politik etwas werden wollen. Keine halben Sachen, bitte sehr! Apropos Elternhaus: Sie sind doch Arbeiterkind, oder? Wenn nicht, kein Problem. Sagen Sie bei der Kandidatenvorstellung einfach, Sie seien Arbeitnehmerkind. „Arbeitnehmer“ ist ohnehin besser als Arbeiter. Am besten ist, Sie sagen, Sie stammten aus einem Arbeitnehmerhaushalt. Das klingt nach guten Manieren trotz tadellosen Abstammungsnachweises. Um die Kandidatenvorstellung kommen Sie in keinem Fall herum; die Frage ist, ob Sie eine Bewerbungsrede halten müssen. Ich meine nicht ein paar nette Worte. Ich meine: wenn Sie – trotz aller Vernetzungen und Vereinbarungen - Konkurrenz haben, dann müssen Sie eine richtig gute Rede halten.


Werner Jurga, 22.08.2016



So weit für heute. Was die Rede als solche betrifft, worauf Sie unbedingt achten müssen, was auf jeden Fall angesprochen gehört und was Ihnen auf gar keinen Fall passieren darf, erfahren Sie beim nächsten Mal.


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