Bild: Jungfrau Zeitung


Coaching: Aufstieg in schwerer Zeit – heute:

Politkarriere, Teil 1: Die Basis


20. August 2016. Wer in der Politik etwas werden will, also: richtig was werden will, wird nicht um eine Kampfabstimmung auf einem Parteitag herumkommen. Ein Posten innerhalb der Partei oder ein „nur“ kommunalpolitisches Mandat – nun gut, das mag auch unkomplizierter über die Bühne gehen. Doch wer mit der Politik seinen Lebensunterhalt verdienen will, also in den Landtag, in den Bundestag oder – auch sehr schön, aber wirklich ungemein kompliziert – ins Europaparlament will, der muss sich auf Konkurrenz gefasst machen. Es ist klar, dass so etwas nicht direkt bei Ihnen um die Ecke entschieden wird, sondern mindestens mal auf der Kreisebene. Also auf der Ebene einer (kreisfreien) Großstadt bzw. eines Landkreises. Sprich: auf einem Kreisparteitag. Oder auf einem, wie es bei der SPD heißt, und um diese Partei soll es im folgenden gehen, Unterbezirksparteitag. Unterbezirk – so heißt das nun einmal bei den Sozis. Zugegeben: das klingt ein wenig nach Funktionärsdeutsch. Der Vorteil: es klingt auch nach Insider-Sprache. Also nach Familie, wenn Sie so wollen. In der Tat: der Unterbezirksparteitag ist ein sozialdemokratisches Familientreffen.


Nehmen wird also – nur mal so als Beispiel – einmal an, Sie wollten Parlamentarier werden und wären Mitglied der SPD. Okay, ich gebe zu: das ist, wie gesagt, nur ein Beispiel, kein Tipp. Denn bekanntlich befindet sich der Genosse Trend im Augenblick nicht in Topform, will sagen: die Anzahl der der Sozialdemokratischen Partei zustehenden Abgeordnetenmandate nimmt nicht gerade trendmäßig zu. Sollte es bei Ihnen also arg pressieren mit dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung und / oder auskömmlicher Versorgung, dann würde ich momentan eher eine Alternative empfehlen. Zum Beispiel die Alternative für Deutschland. Das Problem: ich kenne mich, was diesen Laden betrifft, nicht so sehr aus. Ich weiß nur, was jeder weiß. Sie müssen, wenn Sie bei denen etwas werden wollen, gegen drei M´s zu Felde ziehen: gegen die Muslime, gegen die Merkel und gegen Multikulti. Lassen Sie durchblicken, dass hinter all diesen Gefahren der Jude steckt – aber nur andeutungsweise! Man wird sie dann für besonders clever halten. Sagen Sie dann noch so etwas wie „Man darf ja nichts sagen“! Dann feiert man Sie für Ihren Mut. Schließlich haben Sie ja trotzdem etwas gesagt.


Mehr kann ich Ihnen aber zu diesen Alternativlingen beim besten Willen nicht sagen. Mir fehlt da schlicht die Kompetenz. Bleiben wir also bei dem Beispiel, dass Sie es in der SPD versuchen wollen! Zunächst einmal gehe ich davon aus, dass Sie nicht nur deshalb in die Politik wollen, weil sie sonst nichts gelernt haben. Für Sozialdemokraten ist nach wie vor die Arbeit das A und O, d.h. Sie haben einen erlernten Beruf. Das muss schon sein. Das beste wäre: einen akademischen Beruf. Das muss eigentlich nicht unbedingt sein; uneigentlich aber doch. Sagen Sie das aber nicht laut! Sagen Sie stattdessen: „Bei uns ist ein Hochschulabschluss nicht so wichtig. Bei uns kommt es auf Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit an.“ Dies hat zusätzlich den Charme, dass der Eindruck entsteht, dass Sie sich auf Ihr Unizeugnis nichts einbilden. Sie haben doch ein Diplom oder Examen oder, wie die Dinger heute so heißen: Master oder Bachelor. Nun ja, „Bachelor“ will ich ja nicht hoffen. Erstens ist das ja wohl echt popelig, und zweitens... „Bachelor“ - wie sich das schon anhört! Englisch. Irgendwie unsozialdemokratisch. Also: Sie haben ein Diplom oder einen Master, sonst könnten ja auch Hinz und Kunz antreten.


Apropos Hinz: Ihre Zeugnisse sollten schon real existieren und nach Möglichkeit auch echt sein. Nein, nein, auch zukünftig werden in der SPD keine Urkunden geprüft. Andererseits lässt man so eine Sache wie die mit der Hinz nicht noch einmal durchgehen. Auch außerhalb Essens nicht. Also, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei Ihrem Uni-Abschluss. Sie haben doch nicht etwa einen Doktor, oder? Ich meine: wie soll man das denn kontrollieren?! Hinterher haben Sie die Doktorarbeit irgendwo abgeschrieben oder von einem Ghostwriter verfassen lassen. Sie sind aber auch gut! Sie müssen bedenken: die SPD ist nicht die CDU. Bei den Schwarzen gehören die zwei Buchstaben sozusagen zum guten Ton, und wenn da mal geschummelt wurde... Bei den Roten lässt man so etwas jedenfalls nicht so ohne weiteres durchgehen, so ein Reingeschummel in die höheren Stände. Und selbst wenn er echt sein sollte, der Doktortitel: lassen Sie es besser bleiben. Der geht doch zulasten Ihrer Glaubwürdigkeit. Warum sollte denn so jemand in den Bundestag wollen. Das kapiert doch kein Mensch! Beim Lauterbach ist das etwas anderes. Zumal: Gesundheitsminister ist der ja schließlich auch nicht geworden. Das wurde dann der Gröhe von der CDU.


Gröhes Hermann, juristisches Staatsexamen Eins und Zwei, tüchtiger Parteiarbeiter. So ist es richtig! Bundesvorsitzender der Jungen Union, Generalsekretär der CDU, dann der Wahlsieg 2013. Hermann Gröhe flippt an Tagen wie diesen völlig aus und verteilt kleine Deutschland-Fähnchen auf der Bühne – sein entscheidender Karriere-Schritt. Mutti Merkel war dermaßen begeistert, dass sie die Wimpelchen unverzüglich einsammeln ließ und Gröhe das Gesundheitsministerium aufs Auge drückte. Hermann on Top – in diesem Haifischbecken der Lobbyisten fangen Politkarrieren nicht an, dort hören sie auf. Karl Lauterbach darf dagegen weiter in allen möglichen Talkshows schlaue Sachen über Gesundheitspolitik erzählen, die zwar in Berlin niemanden sonderlich interessieren, wo sich aber das Publikum draußen im Lande sagt: „Sieh mal einer an! Der Mann ist in der SPD und trotzdem richtig gebildet.“ Ein Exot. Nun aber zurück zu Ihnen, Sie wollen ja jetzt erst einmal auf der Hinterbank anfangen. Also das Beste ist: Sie sind über den Zweiten Bildungsweg gekommen und haben einen normalen Fachhochschulabschluss. Das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen... - herrlich!

wird fortgesetzt

Werner Jurga, 20.08.2016


So weit für heute. Ein paar Tipps, wie Sie in der Politik etwas werden, also: richtig was werden können, gebe ich Ihnen beim nächsten Mal. Denn die Hürde ist hoch; um eine Kampfabstimmung auf einem Parteitag werden Sie wohl nicht herumkommen.



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