Bild: Serdar Somuncu


Liebe Erdoğan-Fans!

Das Beste ist, Ihr geht!


1. August 2016. Ihr riskiert ja in diesen Tagen eine ganz schön dicke Lippe. Jetzt schon seit gut zwei Wochen, seit diesem sog. gescheiterten Militärputsch in der Türkei. In Eurer Heimat, wie Ihr sagt. „Wir sind Soldaten Recep Tayyip Erdoğans“, habt Ihr auf Hamborns Straßen skandiert. „Soldaten Recep Tayyip Erdoğans“ in Duisburg-Hamborn – und gestern noch einmal in Köln-Deutz. Leute, Leute, da lachen doch die Hühner! „Soldaten Recep Tayyip Erdoğans“ - glaubt Ihr allen Ernstes, da würden auch nur einem einzigen Deutschen die Knie schlottern, wenn sie solch einen pubertären Macho-Stuss hören?! Und überhaupt: was soll das denn heißen, ein Soldat Erdoğans? In Duisburg oder sonstwo in Almanya? Ist schon Krieg? Und selbst wenn Krieg wäre, was Allah, der Allmächtige verhüten möge, hättet Ihr da auch nur die Spur einer Chance?! 30.000 wart Ihr gestern in Köln, vielleicht 40.000. Na und?!


Viel ist das ja nun gerade nicht. Und selbst wenn Ihr 100.000 gewesen wäret... - Ihr glaubt doch nicht, dass das auf die Deutschen mehr Eindruck gemacht hätte! Bei denen, also bei den seit Generationen eingeborenen Deutschen, bleibt sowieso nur hängen, dass Ihr, also die Deutsch-Türken oder Turk-Deutschen oder wie auch immer Ihr genannt werden wollt, nicht alle auf der Latte habt. Und in diesem Fall muss ich meinen ansonsten nicht immer sonderlich geschätzten Landsleuten ausnahmsweise einmal Recht geben. Was soll denn dieser ganze Schwachsinn?! Erdoğan sei Eurer Held. Ihr wärt bereit, für ihn zu sterben. Ihr fordert die Todesstrafe. Und Gott ist groß - „Allahu akbar“, habt Ihr skandiert. Das ist zwar nicht direkt eine politische Forderung, dafür aber arabisch. Was Ihr, wie ich annehmen muss, wissen dürftet. Ihr wollt also einen Gottesstaat, nun gut...


In der Türkei, nehme ich an. Also: den Gottesstaat. Denn wenn der liebe Gott hier zu sagen hätte, wäre es für Euch schon allein deshalb nicht ganz so günstig, weil der hier ja christlich wäre. Ansonsten gilt: liebe Götter, die auf Erden etwas zu sagen haben, pflegen nicht ganz so lieb zu sein. Aber genau das ist es ja, was Ihr so hammergeil findet. In der Türkei. Deswegen ruft Ihr „Allahu akbar“ und schreit nach der Todesstrafe. Ja Junge, Ihr riskiert eine verdammmt dicke Lippe. Okay Leute, ich verstehe das. Die psychologische Erklärung fällt ja auch nicht allzu schwer. Wenn man stets der Underdog ist, der Diskriminierte, der Ausgegrenzte, dann tut es schlicht und einfach auch mal gut, sich der Illusion von Macht, gar von Allmacht hinzugeben. Keine Lehrstelle bekommen, ja okay. Dafür aber ein Soldat Recep Tayyip Erdoğans.


Von Erdoğan lernen heißt Siegen lernen. Ich meine, irgendwie macht es dieser Gernegroß doch genauso. Im Grunde genommen ein Bankrotteur wie kein zweiter. Die Beziehungen zum Westen – zerrüttet. Dass er die Merkel wegen der Flüchtlinge in der Hand hat, wird auch nicht von Dauer sein. Eine Hinwendung zu Russland? Kann ebenfalls vergessen werden. Denn selbst wenn Putin über den Abschuss der russischen Maschine hinwegsähe, in Syrien steht man halt auf der anderen Seite der Barrikade. Und nicht nur dort. Beziehungen zur arabischen Welt als Ausweg? Ein kurzer Blick auf dieselbige reicht aus, um zu erkennen, dass dort alles noch viel aussichtsloser ist. Aussichtsloser selbst als in der Türkei. Wo jetzt auch der Tourismus zusammenbricht und die Intelligenzija im Knast sitzt.


Aber was macht das schon, wenn die Wirtschaft nicht läuft?! Bei Bedarf verschärft der Möchtergern-Sultan einfach die Repressionen. Die Despotie-Skala ist nach oben offen, und die Begeisterung der Massen ist ihm einstweilen sicher. Denn es trifft ja die Anderen und nicht den Massenmenschen selbst. Die Gülen-Leute, die Linken, die Intellektuellen, die Kurden, die Aleviten und alle, die nicht so sind wie wir, die Soldaten Recep Tayyip Erdoğans. Ein schönes Gefühl, liebe Erdoğan-Fans, keine Frage. In Deutschland wie in der Türkei, die, wie Ihr sagt, Euer Land sei. „Mein Land“, „meine Heimat“... - und all diese warmen Worte, für die Ihr Euch zwar nichts kaufen könnt, die aber Eure geschundenen Seelen trösten. Das macht Euch so high, dass Ihr mitunter vergesst, wo Ihr seid. Leute, Ihr seid in Deutschland! Und die Deutschen – wer wüsste es besser als Ihr – sind nicht gerade nett.


Das Allerschönste: sie sind sich einig, die Deutschen. Wenigstens in dieser Frage. Von ganz rechts (AfD, CSU) bis links gibt es gegenwärtig kaum etwas Vornehmeres, als auf Erdoğan und seine Gleichschaltung der Türkei einzudreschen. Und zwar zu Recht, wenn Ihr mich fragt. Aber Ihr stellt Euch trotzig hin und erklärt, dass Ihr Euch überhaupt nicht integrieren wollt. Besonders geistreich ist das jedoch nicht. Ihr meint, Ihr wäret drei Millionen. Seid Ihr aber nicht. Ihr vergesst nicht nur die Kurden und Aleviten, sondern vor allem diejenigen, die hier einfach ihrer Arbeit nachgehen und ansonsten ein schönes Leben führen wollen. 40.000 wart Ihr in Köln, höchstens. Insgesamt seid Ihr wahrscheinlich nicht einmal eine Milllion. Deshalb empfehle ich Euch in aller Freundschaft: schaltet mal einen Gang zurück! Macht mal eine Idee leiser!


Ansonsten, weil mich das stört, und nicht nur mich... Ihr habt das ja mitbekommen, dass Euer Idol, der Despot vom Bosporus, nicht auf die Kölner Großbildleinwand übertragen werden durfte. Ihr wisst also: die Deutschen sind nicht nett, jedenfalls nicht immer, und legen das Recht auch schon mal etwas großzügiger aus. Nicht so großzügig wie Euer Westentaschen-Faschist aus Ankara, aber Anlegen würde ich mich an Eurer Stelle mit denen trotzdem nicht. Mein Tipp: anstatt so eine dicke Lippe zu riskieren, einfach mal klar sehen! Das läuft hier doch nicht mit der Verfolgung aller Andersdenkenden und aller ethnisch-anderen Türken. Nicht einmal in den Stadtteilen, die Ihr als „fest in türkischer Hand“ fantasiert. Das hat einmal geklappt, zweimal... - aber auf die Dauer bekommt die deutsche Polizei Euch locker in den Griff. Deshalb mein wirklich gutgemeinter Ratschlag an alle fanatischen Erdoğan-Fans: das Beste ist, Ihr geht!


Werner Jurga, 01.08.2016




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