Bild: ARD Tagesschau


Amokläufe, Terroranschläge und anderer Unbill

Was für ein Chaos!


25. Juli 2016. Die ganze Welt ist ein Chaos, und wir leben mittendrin. Paris, Brüssel, Nizza – und jetzt auch in Deutschland: Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach. Das nimmt ja überhand. Wo soll das alles nur hinführen?! Zu der Frage, ob es sich bei dem jeweiligen Mörder um einen psychisch gestörten Amokläufer oder einen islamistisch motivierten Terroristen handelt? Ein heiteres Beruferaten. Angestellt oder selbständig? Welches Schweinderl hätten Sie denn gern? Oder macht man sich auch in diesem Fall wieder zu viele Gedanken um die Täter? Den Opfern wird, wie leider nur allzu oft, auch in diesen Fällen kaum oder keine Beachtung geschenkt. Wie geht es eigentlich den Bahnreisenden, auf die der Irre nahe Würzburg mit einer Axt losgegangen ist? Ach so, das sind Chinesen. Nun gut, aber trotzdem: woher hätten das die Polizisten wissen sollen, die zufälligerweise gerade in der Nähe waren und den flüchtenden Axtmann erschossen hatten?! In Notwehr, versteht sich. Und was bildet sich diese Künast ein, diese Version zu bezweifeln?!


Unerhört. Fest steht nämlich: der Axtangreifer war ein Islamist. Er hatte nämlich „Allahu Akbar“ gerufen, das ist der Beweis. Damit steht fest: hier war kein psychisch gestörter Amokläufer unterwegs, sondern der Islamische Staat. Ein Soldat desselbigen, ja gut – aber immerhin. Man kann allerdings auch Pech haben. So wie die Dinge liegen, handelte es sich bei dem Kerl, der am Münchner Einkaufszentrum wahllos neun Menschen abgeknallt hatte, nun partout nicht um einen Jihadisten, sondern um einen stinkgewöhnlichen Amokläufer. Bestens, um nicht zu sagen: fast schon professionell, vorbereitet, aber – man kann es drehen und wenden, wie man will – eben kein Kämpfer oder Soldat für eine feindliche Macht, sondern schlicht und einfach nur ein durchgeknallter Flachkopf. Wobei: „Flachkopf“ - das sagt sich so leicht. Betrachtet man die Angelegenheit nach den Kriterien der Aufmerksamkeitsökonomie, hat dieser Typ unbestreitbar eine ganze Menge erreicht.


Das erste Fernsehprogramm hat den gesamten Freitagabend live über „München“ berichtet. Das Zweite hat sogar den Krimi unterbrochen, und den Nachrichten-Spartensendern blieb ohnehin keine andere Wahl, als in dieser Sache „drauf zu bleiben“. Der Star des Abends war der Polizeisprecher, der mit seiner „ruhigen und besonnenen“ Art... - ja, was eigentlich?! Jedenfalls sprach er - freilich nicht aus Bösartigkeit, sondern mangels besserer Information – von drei (!) Tätern, die sich mit Langwaffen (!) ausgerüstet vermutlich auf den Weg in die Münchner Innenstadt gemacht hätten. Dort sind dann, als Resultat dieser „ruhigen und besonnenen“ Informationspolitik, Leute aus dem Fenster gesprungen. Fairerweise ist an dieser Stelle hinzuzufügen, dass der Sprecher der Münchner Polizei niemals auch nur angedeutet hätte, das vermeintlich dreiköpfige Terrorkommando könnte seinen Opfern in Privatwohnungen auflauern. Andererseits: Ausschließen lässt sich so etwas freilich auch nicht. Nicht mehr heutzutage, in diesen bedrohlichen Zeiten.


Der Terror – und das ist die Message – kann uns heutzutage überall treffen. Zugegeben: in Privatwohnungen vielleicht (noch?) nicht. Um ehrlich zu sein: ganz bestimmt noch nicht. Wenn wir mal von dem Mord an Ponto absehen; aber das war damals und etwas völlig anderes. Nein, je mehr man drüber nachdenkt, haben wir hier den Königsweg in Sachen höchstmöglicher Sicherheit gefunden. Einfach zu Hause bleiben! Da werden die aber blöde gucken, all diese Jihadisten, Amokläufer und anderen Lebensmüden, die sich lieber in Begleitung ins Jenseits aufmachen. Wenn kein Mensch mehr auf der Straße ist, hilfsweise im Einkaufszentrum oder im Restaurant, dann kann auch kein Selbstmordattentat mehr stattfinden. So einfach ist das alles. Nehmen wir nur mal so als Beispiel mich! Ich halte mich sehr viel, eigentlich fast nur, zu Hause auf. Und soll ich Ihnen etwas sagen?! Ich bin bis heute noch kein Opfer eines Terroranschlags, Amoklaufs oder sonst einer Wahnsinnstat geworden. Das ist der Beweis.


Wobei – ich muss an dieser Stelle präzisieren. Dieser Ratschlag richtet sich ausschließlich an die männlichen Leser. Für die weiblichen eignet sich der Tipp, einfach mal zu Hause zu bleiben, leider nicht. Denn, das Statistische Bundesamt macht seit Jahren und Jahrzehnten darauf aufmerksam, die meisten Unfälle, leider auch die tödlichen, ereignen sich in den eigenen vier Wänden. So haben die im Durchschnitt an Körperlänge etwas kleineren Frauen gerade beim Gardinenaufängen oftmals feststellen können, dass Gott groß ist („Allahu Akbar“), auch ohne dass es ihnen ausdrücklich irgendjemand sagen musste. Männer hingegen, obwohl sich gerade für sie Zuhausebleiben geradezu aufdrängt, begehen häufig den Fehler, zur Arbeit zu gehen. Noch häufiger: zu fahren, und das noch mit dem eigenen Auto, wodurch das ganze Projekt geradezu suizidale Züge erhält. Aber auch diese sog. Arbeit selbst hat es durchaus in sich. Für Männer, versteht sich.


Die ganze Sache ist nämlich enorm unfallträchtig. Tatsache: noch gefährlicher als Gardinenaufängen. Jedes Jahr kommen in Deutschland rund 400 Menschen bei Tätigkeiten, die auch offiziell als „Arbeit“ gelten, ums Leben. Etwa 90 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle ereilt dabei Männer. Für die Statistik-Freaks unter uns: etwa einen jeden Tag. So gesehen wäre es im Sinne der Volksgesundheit, insbesondere der Männergesundheit, durchaus zielführend, sich für einen signifikanten Abbau von Arbeitsplätzen stark zu machen. Doch, überflüssig zu erwähnen: mit sowas kann man in einer Demokratie keine Wahlen gewinnen. Mit dem Versprechen, den Terrorismus zu bekämpfen, allerdings schon. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit den Einschaltquoten beim Fernsehen. Oder würden Sie sich stundenlang eine TV-Reportage nach den anderen über Arbeitsunfälle ansehen?! Eine Sondersendung über den Gerüstbauer Erwin K. aus Wanne-Eickel? Und danach Hart aber fair mit der Arbeitsministerin? Na, sehen Sie! Die ganze Welt ist ein Chaos, und wir leben mittendrin.


Werner Jurga, 25.07.2016




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