Schwarz-rot-gold am Auto

Unser Land


30. Juni 2016. Es ist Fußball-Europameisterschaft. Die UEFA Euro2016 in Frankreich. Schon seit drei Wochen. Die Gruppenspiele und die Achtelfinale sind abgehakt, jetzt stehen die Viertelfinale an. Die deutsche Mannschaft - „La Mannschaft“, wie es das DFB-Marketing will – muss gegen Italien ran. Gegen den Angstgegner. Mal sehen... - im Fernsehen. Das Achtelfinale gegen die Slowakei hatten sich mehr als 28 Millionen Landsleute angesehen. Beim Viertelfinale dürften eher noch mehr Deutsche vor der Flimmerkiste mitfiebern. Das heißt ja wohl: das Volk nimmt durchaus Anteil am Schicksal seiner Elitekicker in den gallischen Stadien. Man muss nur einmal vor die Tür gehen, dann kann man es auch sehen. Deutsche Flaggen hier, deutsche Flaggen dort. Mitunter ist das ganze Haus liebevoll in schwarz-rot-gold verpackt. Das ist natürlich die Ausnahme. 


Die Regel ist das Deutschlandfähnchen vorn links am Auto. Oder vorn links und rechts. Etwas diskreter: das Deutschlandfähnchen am Außenspiegel, die Spiegelflagge. Vom Handel „passend für alle mittelgroßen Außenspiegel von PKWs“ angeboten. Sehr praktisch. Das geht jetzt schon seit zehn Jahren so. Bei jeder EM und bei jeder WM, also bei den Fußball-Europameisterschaften und Weltmeister-schaften, wird geflaggt. Die WM in Deutschland 2006 – das war der Befreiungsschlag. Das „deutsche Sommermärchen“. Wir hatten uns einfach mal getraut, zu unseren Nationalfarben - und damit zu unserer Nation – zu stehen. Ganz unverkrampft, ganz unbefangen. Und siehe da: unsere Nachbarn, die Holländer und Franzosen und wie sie alle heißen, die fanden das sogar gut. Dass wir ganz normal das machen, was andere Nationen wie selbstverständlich auch machen würden.


Es war ja auch nicht so, dass uns die anderen das vorher verboten hätten. Letztlich waren wir es selbst. Wir hatten bis dahin immer gedacht, wenn wir mit unserem nationalem Kram zu sehr auf den Putz hauen, kämen die anderen an und würden uns unsere Nazi-Vergangenheit um die Ohren hauen. Welch angenehme Überraschung, dass wir damit total daneben gelegen hatten! Seither wird geflaggt. Alle zwei Jahre. Jede EM und jede WM. Klar, ein Fußballturnier muss schon als Anlass herhalten. Trotzdem: ich kann mich einfach nicht dazu durchringen. Ich bringe es nicht fertig, mein Auto mit schwarz-rot-goldenen Zeichen zu verzieren. Es ist nicht so einfach zu erklären. Ich spüre tief im Inneren eine handfeste Abneigung gegen diese nationale Symbolik. Und ich gebe zu: gegen deutsche Symbolik mehr als gegen nationale Anwandlungen anderer Länder.


Es kommt immer mal vor, dass ich mich Ende April in den Niederlanden aufhalte. Die Holländer pflegen dann aus Anlass des Koningsdags - vormals des Koninginnedags - allerorten die rot-weiß-blaue Flagge zu hissen und das ganze Ortsbild in Oranje zu tauchen. Ich nehme dies, ohne mich in irgendeiner Art und Weise bedrängt zu fühlen, zur Kenntnis und sage mir: „Andere Länder, andere Sitten.“ Kein Zweifel: solch ein Fahnenmeer hierzulande, also in schwarz-rot-gold, könnte ich keineswegs so gleichmütig hinnehmen. Unter diesen Umständen würde ich zu dem Anti-Deutschen mutieren, für den mich, wie ich hören musste, ohnehin der ein oder die andere hält. Dabei bin ich alles andere als anti-, ich würde her schon sagen: ich bin ausgesprochen pro-deutsch. Es muss ja nicht gleich in eine irrwitzige Deutschtümelei ausarten.


Auch einem unkritischen Verhältnis zur sozialen Realität soll keineswegs das Wort geredet werden. Mir wäre dies ohnehin völlig fremd. Mir passt so dies und jenes nicht. Warum sonst sollte ich mir die Mühe mit dieser Homepage hier machen?! Das Soll stimmt nicht mit dem Ist überein. Wäre es anders, bräuchte man sich mit politischen Dingen gar nicht zu befassen. Entscheidend aber ist, dass ich mit Anspruch und Wirklichkeit dieses Landes, dieser Bundesrepublik Deutschland, im Grunde einverstanden bin. Gerade deshalb fallen mir bestehende Defizite so ins Auge. Gerade weil ich von der rechtsstaatlichen Substanz dieses Staates so überzeugt bin, entsetzen mich die (bis dato bekannt gewordenen) Begleitumstände der NSU-Mordserie. Gerade weil ich die sozialen Sicherungssysteme hierzulande für ziemlich tragfähig halte, empört mich das stetige Öffnen der Schere zwischen Arm und Reich.


Manches funktioniert bei diesen Nachbarn besser, anderes bei jenen. Doch insgesamt kann sich diese deutsche Bundesrepublik durchaus sehen lassen, finde ich. Aber trotzdem: mir kommt kein schwarz-rot-goldenes Fähnlein ans Auto. Das läuft bei mir nun wirklich nicht! Nichts zu machen. Dabei: eigentlich ist das ja komisch. Ich mache diesen Flaggenkult nicht mit, obgleich ich gegen die soziale und rechtliche Wirklichkeit unseres Landes keine prinzipiellen Einwände habe. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass diejenigen, die ihr Auto, ihr Haus oder sonstwas gar nicht genug in die Nationalfarben einwickeln können, gar nicht mal so zufrieden mit dem von ihnen vermeintlich so verehrten Land sind. Aber vielleicht ist das ja nur so ein Gefühl. Man kann den Leuten schließlich nur vor den Kopf, äh: vors Auto gucken.


Werner Jurga, 20.06.2016




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