Abb.: flags.de



Jetzt, wo Philosophie, Ökonomie und Sozialität hinter uns liegen, wo das Gesamtbild des Schriftstellers vor uns steht, den wir im einzelnen zu beurteilen hatten, jetzt können menschliche Rücksichten in den Vordergrund treten; jetzt wird es uns gestattet, manche sonst unbegreifliche wissenschaftliche Abirrungen und Überhebungen zurückzuführen auf persönliche Ursachen, und unser Gesamturteil über Herrn Dühring zusammenzufassen in den Worten: Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn.

Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (1878)

Engels: Anti-Dühring, MEW 20



Duisburger Integrationsrat

Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn


14. Juni 2016. Starker Tobak: Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn“. Friedrich Engels sah sich gezwungen, gegen Eugen Dühring richtig in die Vollen zu gehen. Hatte sich doch 1877 auf dem Gothaer Parteitag gezeigt, dass Dührings Position innerhalb der SPD deutlich stärker war als angenommen und dass es seinen Leuten beinah gelungen wäre, Engels aus dem Autorenkreis des sozialdemokratischen Vorwärts zu verbannen. Daraufhin legte Engels 1878 seinen Anti-Dühring vor, in dem er ausführlich gegen „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“ polemisierte und den er mit dem eingangs zitierten „Gesamturteil“ beendete: „Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn“. Keine Frage: Dührings Gebräu aus Antisemitismus und Antimarxismus stieß in der Endphase des deutschen Kaiserreichs auf positive Resonanz. Einigen Schichten konnte das Dühringsche Geschwätz von Blut und Sozialismus und alledem identitätsstiftenden Halt bieten.


Heute, fast 140 Jahre später, lassen sich diese sozialen Gruppen und Schichten nur noch in Geschichtsbüchern finden. Eugen Dühring ist längst vergessen, über Karl Marx wird nur noch an Universitäten gesprochen, an einigen wenigen, ganz erlesenen sogar auch über dessen Freund und Förderer Friedrich Engels. Doch unterm Strich: alles Expertenwissen versteckt in irgendwelchen akademischen Nischen. Über die genannten Herren ist die Zeit hinweg gezogen. Über ihre Themen ist Gras gewachsen. Anderes ist uns freilich erhalten geblieben. Phänomene, die so hartleibig sind, dass es fast scheint, als seien sie gleichsam aus der Zeit gefallen. Als handele es sich bei ihnen fast um so eine Art von Charakterzügen, die einfach zum menschlichen Dasein dazu gehören. Um anthropologische Konstanten sozusagen, wie zum Beispiel der Antisemitismus oder der Antimarxismus. Oder eben um – als eine der besonders auffälligen unter den „Abirrungen und Überhebungen“ - die von Engels bei Dühring ausgemachte „Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn“.


Nehmen wir zum Beispiel den Beschluss des Duisburger Integrationsrates zur Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages. Sie stellt ein hübsches Beispiel für diese kleine, doch scheinbar unüberwindliche menschliche Schwäche dar. Am 2. Juni hatte der Bundestag mit den Stimmen aller Fraktionen den Genozid an den Armeniern in den Jahren 1915-1917 durch das Osmanische Reich als Völkermord bezeichnet und sich damit die völkerrechtlich vorherrschende Lesart zu eigen gemacht. Am 7. Juni fühlte sich der Integrationsrat der Stadt Duisburg bemüßigt, mit einer„Resolution gegen die Verleumdung der Türkei“ diesen Bundestagsbeschluss zu missbilligen. Darin heißt es, ganz im Stil der offiziellen türkischen Lesart: „Ein(en) Völkermord oder eine beabsichtigte Vernichtung einer ganzen Volksgruppe hat es in der Türkei nie gegeben.“ Wobei freilich der Umstand, „dass es zu Vertreibungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen kam, unstrittig (ist), ebenso dass dabei viele Menschen ihr Leben verloren.“


Irgendwie, irgendwo, irgendwann ist es also dazu gekommen, zu diesen „tragischen Ereignissen“; aber – und das ist das Entscheidende – eine Absicht lag nicht vor. So jedenfalls sieht es der Integrationsrat, der zwar als „Duisburger“ firmiert, aber in seiner Fixierung auf die Politik Ankaras eher als eine Außenstelle des türkischen Staates daherkommt. Wird sie hier schon sichtbar? Diese von Engelszungen beschriebene Dühringsche „Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn“? Ist es etwa kein Fall von Größenwahn, wenn ein kleiner, unter recht eigentümlichen Bedingungen gewählter, von osmanischen Affenpaschas dominierter, weitgehend kompetenzloser Beirat eines Kommunalparlaments meint, sich mit dem Plenum des Deutschen Bundestags, sprich: dem höchsten Verfassungsorgan dieser Republik, auf eine Stufe stellen zu können?! Ist es etwa kein Fall von Unzurechnungsfähigkeit, wenn derselbe orientalische Herrenclub, der ansonsten stets und ständig schwerste Verletzungen der Menschenrechte wittert, einen planmäßigen Völkermord, dem zig-, wenn nicht gar hunderttausende Menschen zum Opfer gefallen sind, als „bedauerliche Ereignisse“ bagatellisiert?!


Haben wir es hier also um einen klassischen Fall von Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn zu tun? Nun, schon die Fragestellungen legen nahe, dass man die Sache so sehen kann. Man muss aber nicht. Denn es ist nun gerade für kein Zeichen von Größenwahnsinn, wenn man allseits attestiert bekommt, etwas angemerkt zu haben, was man gar nicht anmerken durfte. Genau dies ist aber im vorliegenden Fall geschehen. Mit der unsäglichen Resolution habe der Integrationsrat seine Kompetenzen überschritten, erklärt etwa Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link. Zu Recht weist er darauf hin, dass Gemeinden kein allgemeinpolitisches Mandat besitzen. Den Beschluss vom 7.6.2016 werde er „deshalb umgehend beanstanden“. Damit kommt OB Link seiner Pflicht nach; klar ist aber auch: eine Anmaßung ist eben kein Größenwahn. Mehr noch: die Anmaßung kann nur dann als Anmaßung empfunden werden, wenn sie außer Verdacht steht, größenwahnsinnig zu sein.


Die Erklärung des Duisburger Integrationsrates ist für sich genommen eine Anmaßung und keineswegs ein Zeichen von Größenwahn. Dies ist unschwer daran zu erkennen, dass sie sich nahtlos einbettet in die Verleumdungs- und Einschüchterungskampagne Ankaras gegen deutsche Bundestagsabgeordnete türkischer Abstammung. Diese müssen um ihre Sicherheit fürchten, sind sie doch seit der Armenien-Abstimmung im Bundestag massiven Bedrohungen ausgesetzt. Die Mehrzahl der türkischsprachigen Medien entfacht, höchstselbst angestachelt von Präsident Erdogan, eine gnadenlose Hetze gegen diese Abgeordneten – auch ganz persönlich und auch dann, wenn sie der Armenien-Resolution des Bundestags gar nicht zugestimmt, sondern sich nur der Stimme enthalten bzw. an der Abstimmung gar nicht teilgenommen haben. Gegen die elf türkischstämmigen MdB´s, die namentlich mit Ja gestimmt haben, wird in der Türkei gar die Eröffnung eines Strafverfahrens geprüft.


Selbstüberschätzung“ kann also dem Duisburger Integrationsrat in Bezug auf seine Armenien-Resolution nicht unterstellt werden, reiht sie sich doch stramm in die Erdogan-Linie ein. Da gibt es nichts zu überschätzen, im Gegenteil: da kann nur davor gewarnt werden, sie zu unterschätzen. Erdogan ist außer Rand und Band. Die Synode der Evangelischen Kirche in Duisburg hat ganz Recht mit der Feststellung, dass „Mitglieder des Integrationsrates (alle oder „nur die Mehrheit, W.J.) sich hier in Deutschland offenbar wie ein verlängerter Arm der Regierung Erdogan verhalten“. Sie „treten nicht nur die Integration mit Füßen, sondern spielen auch den rechten ausländerfeindlichen Populisten, die sich in unserem Land breitmachen, in die Hände“ (aus der Erklärung der Synode des evangelischen Kirchenkreises). Juristisch betrachtet stellt sich die Frage, ob die unsägliche Armenien-Resolution des Integrationsrates, selbst wenn die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern in Deutschland nicht wie in anderen Ländern einen eigenständigen Straftatbestand darstellt, den Tatbestand der Volksverhetzung nach § 130 StGB erfüllt.


Keine Frage: der Duisburger Integrationsrat äußert sich – keineswegs zum ersten Mal – in einer Art und Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören. Ihm hier – in Anlehnung an das Engels-Wort anti-Dühring - „Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn“ zu bescheinigen, könnte in Anbetracht der „teilweise martialischen Wortwahl (und der) Beschimpfung und Bedrohung einzelner Mandatsträger“ (OB Sören Link) als Verharmlosung (miss-) verstanden werden. Und doch: der Abschluss der Erklärung, die von dem Deutsch-Türken Rainer Grün verfasst worden sein soll, eine Drohung an alle im Bundestag wie im Stadtrat vertretenen demokratischen Parteien, versöhnt dann doch die Duisburger Leser mit den von ihnen alimentierten Profi-Integrationisten. Wegen seiner unnachahmlichen Schönheit sei er hier wörtlich zitiert.SPD, CDU, Grüne und Linke haben im Deutschen Bundestag klar gezeigt, dass sie die Stimmen der türkischstämmigen Bürger gerne einsammeln, aber keinerlei Rücksicht auf deren Interessen nehmen. Dies werden wir nicht vergessen, und dies wird auch Folgen haben...“


Aha! „Interessen“ - so so. Aber welche Folgen? Achtung! Die Grün´sche Resolution bringt Klartext, nämlich: „Die nächste Wahl kommt bestimmt.“ Paff! Das haben die jetzt davon! Alle. Die SPD und die CDU, die Grünen und die Linken. Sie alle können künftig die Wählerstimmen der Erdogan-orientierten Duisburger Volksmassen abschreiben. Es ist aus: der normale Duisburger Türke wird seine deutsche Wählerstimme zukünftig nicht mehr an die Systemparteien verjubeln. Keine Stimme mehr für Rote und Schwarze, Grüne und ganz Rote... - sondern... - ja, das ist die Frage. Da in diesem Zusammenhang vom Bundestag die Rede ist, also offenbar die nächste Bundestagswahl gemeint ist, drängt sich die Frage auf: wen wählen die heimattreuen Türken – schon aus Protest – denn dann? Neben denn angesprochenen vier etablierten Parteien geben die Meinungsforschungsinstitute noch der FDP und der AfD die reaale Chance, die Fünf-Prozent-Hürde in den Bundestag zu überspringen. Da ein Wahlboykott naturgemäß nicht die Lösung sein kann und man die FDP auch bislang schon hätte wählen können, bleibt eigentlich nur die AfD als DIE Alternative für Deutschtürken. Merken Sie etwas? Genau: irgendwie kommt das doch hin. Das Engels-Zitat von derUnzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn“... und es trifft doch!


Werner Jurga, 14.06.2016




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