Mathias Nowak:

Ein kurzer Brief an einen neuen Freund

17. Mai 2016. Werner Jurga mag das Bürgerliche nicht. Das Bürgerliche ist spießig, etwas verklemmt, kleingeistig und schrecklich einengend. Das verstehe ich gut. Keine zehn Pferde würden mich in irgendeine Provinz treiben. Schützenfeste, Dorfgetratsche, Stammtische und weit und breit keine vernünftige Vergnügungsmöglichkeit, wo man eben nicht die gleichen Gesichter antrifft. Wer das als heimelig und als wohltuend empfindet, hätte wahrscheinlich auch mit der gesellschaftlichen Struktur der DDR kein so großes Problem gehabt. Aber ich merke gerade, dass ich gerade nicht das Bürgertum sondern die Dorfgemeinschaft, die Provinz, beschrieben habe. Was ist überhaupt dieses Bürgertum, das Bürgerliche? Früher war das diese neue Schicht zwischen Arbeiter und Bauern auf der einen Seite und dem Adel auf der anderen Seite. Aber das ist Schnee von gestern, eher von vorgestern. Heute ist das Bürgerliche nicht so einfach zu definieren. Das Bürgertum ist prinzipiell eher gebildet, eher wohlhabend und fühlt sich gerne als Fundament der Gesellschaft. Aber das städtische Bürgertum von heute ist eher so streng wie ein Waldorflehrer. Wer empört sich heute noch über Scheidungen, Rock’n’Roll, kurze Röcke oder pinke Haare? Das schockt heute die schrulligste alte Oma nicht mehr.


Selbst die Neocons, als die Neukonservativen gestehen freimütig, dass sie AC/DC hören. Gutenberg, der große ehemalige Hoffnungsträger der CSU gestand das ein. Spätestens an dieser Stelle sollte jedem klar werden, dass das Bürgertum als klassisches Feindbild ausgedient hat. Das Bürgertum, die Konservativen von heute sind liberal. Zumindest wenn man die Maßstäbe der 1980er Jahren ansetzt. Übrigens ist es nicht ironisch, das ausgerechnet Gutenberg sich als wahrer „outlaw und Rebell“ herausgestellt hat? Während spießige Linke ihre Promotion akribisch verfassten ,wandte sich ein CSUler gegen das Establishment und schrieb seine Arbeit, zum Teil, einfach ab.


Aber ich verstehe dich. Wir beide gehören zu den Menschen, die sich zum Teil dadurch definieren, dass wir gegen etwas sind. Man braucht Feindbilder. Dann weiß man auch wer man ist und vor allem wer man nicht ist. Das verhilft einem zur inneren Struktur und schenkt Kraft. Aus deinem Text entnehme ich auch, dass du etwas an Kampfgeist eingebüßt hast. Wir wissen beide, dass es nicht daran liegt, dass du alt geworden bist, sondern weil die großen Feinde von früher einfach Stück für Stück verschwunden sind. Gewiss die AfD fordert einen zur klaren Positionierung. Aber sie ist der große eindeutige Dämon. Für alle Demokraten. Du wolltest eine Gesellschaft ohne, aus deiner Sicht, unnötige Restriktionen und eine Gesellschaft, die auf purem Humanismus basiert, so wie du den Humanismus verstehst. Dafür kämpfst du heute noch. Viel ist nicht mehr übrig geblieben. Da wäre noch die Homoehe und vielleicht noch das Recht auf Notwehr. Es ist nicht mehr so viel. Genau deshalb feierst du das Schmähgedicht von Böhmermann auch so grenzenlos. Es ist vulgär, verrucht und vor allem regt es die Konservativen mal so richtig auf. Endlich wieder ein Aufreger, wo sich die Streu vom Weizen trennt. Wo Linksliberale und Konservative einen klar getrennten Weg gehen. Nicht dieser Einheitsbrei, der inzwischen so üblich ist und dir den Wind aus den Segeln nimmt. Das Gedicht hat Kraft und diese Wut. Das Gedicht erinnert dich an die alten Zeiten, als du noch nicht spießig im eignem Haus mit eignem Grundstück gelebt hast, als du noch diese schwarze Lederjacke getragen hast mit der dicken SNP (Sex not Politics) Aufschrift.


Ich vermute mal das klingt an dieser Stelle ironisch und abwertend. Aber das ist es nicht. Ich weiß du hältst mich für jung und zynisch und degeneriert. Aber das hat Gründe. Meine rebellische Zeit ist nun mal vorbei. Ich bin angepasst, wie du auch. Nur halt eben 20 Jahre früher. Sei es drum. Jedenfalls verstehe ich dich sehr gut. Manchmal da will man wie du es so schön sagtest etwas „Rock’n’Roll“. Die Ketten der Alltäglichkeit wollen gesprengt werden, man will ausbrechen, seinen alten Träumen nachjagen.


Aber kommen wir zum Thema: Was ist Kunst? Das Schmähgedicht sei Kunst hieß es oft in den letzten Wochen. Die Sache ist nur, dass Kunst alles und zugleich nichts ist. Es gibt eben keine Institution, die sagt: Das ist Kunst und soll als solche angesehen werden. Wir haben 80.Mio Menschen in diesem Land, die alle von sich mit gutem Recht behaupten dürfen, dass sie Künstler sind und das was sie tun auch Kunst ist. Nur weil das ZDF Böhmermann eine „Künstlergage“ zahlt macht das Böhmermann nicht zu einem Menschen, der über dem Gesetz stehen darf. Kunst darf alles, sofern sie sich im Rahmen des Gesetzes bewegt. Das Gesetz ist unser aller Restriktion. Das Gesetz ist notwendig um eine liberale Gesellschaft zu sein. Ansonsten herrscht Anarchie. Anarchie klingt womöglich romantisch, aber unterm Strich eben nicht gerade förderlich für das Fortbestehen in Frieden und Wohlstand. Eine Beleidigung ist und bleibt eine Beleidigung. Egal auf welcher Metaebene sie sich bewegt und letztlich auch egal wenn sie trifft. Natürlich kann ich es menschlich verstehen, dass man Erdogan beleidigen will, aber das geht trotzdem nicht.



Ich lasse mal an dieser Stelle auch außer Acht, dass wahrscheinlich ein großer Teil der Deutschen auch deshalb „wie ein Mann“ hinter Böhmermann steht, weil „endlich“ mal ein Türke, diesmal der Obertürke aus der Türkei, schön gepflegt beleidigt wurde. Er wurde schließlich nicht irgendwie beleidigt sondern mit allem erdenklichen Ressentiments, die man so gegen einen „Türken“ finden kann. Es irritiert auch etwas, dass du diese Metaebene, die zwar ungewollt, aber doch nicht zu leugnen ist gerne ausblendest.


Also wir brauchen Grenzen, nicht die des guten Geschmacks, sondern klare rechtliche Grenzen, damit wir uns hier nicht alle gegenseitig beleidigen und am Ende die Köpfe einschlagen. Ich stelle mir gerade vor wie ein Gruppe Rechtsradikaler zu einem satirischen Abend einlädt, wo jedes erdenkliche Klischee gegen Juden, Neger und Moslems ausgepackt wird. Das ist dann alles natürlich Kunst, weil eben Satire. Gott bewahre uns. Wobei Gott uns gar nicht helfen muss. Das können wir schon gut alleine, wenn wir uns alle an die Regeln halten und keine Ausnahmen zulassen. Auch nicht für den sympathischen Böhmi.


So jetzt habe ich das Wort gesagt: Neger. Neger ist rassistisch. Das Wort ist zwar in der direkten Übersetzung nicht rassistisch, allerdings in seinem Kontext. Es diente und dient dazu Dunkelhäutige auf ihre Hautfarbe zu reduzieren, sie zu einer gesichtslosen schwarzen Masse zu machen und ihnen einen Platz unter dem Herrenmenschen, dem Weißen, zu geben. Darüber müssen wir doch nicht diskutieren. Herman müsste das eigentlich wissen. Ein Politiker, seiner Größenordnung, sollte die europäische Kolonialgeschichte nun mal kennen.


Kommen wir zum meinem „Afrikaner“ Kommentar. Offensichtlich kann man ja heute alles sagen. Selbst Richter finden, dass man zum Gegenschlag ausholen darf. Nun gut, wenn ein Richter mir das erlaubt, will ich es auch nutzen. Wenn Schneider – Mensah „Inzuchtgewächs“ sagen darf, dann darf ich auch Afrikaner sagen. Natürlich ist das unangebracht, den deutschen dunkelhäutigen Juristen als Afrikaner zu bezeichnen. Aber hierbei geht es nicht einmal um eine Beleidigung. Es ist bloß unanständig. Aber wenn Beleidigungen wie „Ziegenficker“ und „Inzuchtgewächs“ erlaubt sein sollen dann ist Afrikaner bloß ein harmloser Begriff und dann haben wir alle das Recht verwirkt Anständigkeit einzufordern.

Insofern sprengen wir die Grenzen und lassen unseren niederen Instinkten freien Lauf. Die Künstler und die links-liberalen finden das offensichtlich okay und zumindest ein deutscher Richter auch. Das ist toll: Beleidigen und trotzdem zu den Guten zu gehören. Der Traum jedes Rassisten und Nazis wird wahr.


Dann mal ein Stößchen darauf. Willkommen in der liberalen Gesellschaft ohne Restriktionen.


Mathias Nowak, 17.05.2016





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