Riskant und selbstbewusst Zeichen setzen


Deutsche, wehrt Euch!



Sonntag, 10. November 2013. „Wo Grundrechte bedroht sind, haben sich die Deutschen noch immer auf das Bundesverfassungsgericht verlassen können“, hat Petra Sorge am Donnerstag auf 
Cicero Online festgestellt. Ja, da ist das Bundesverfassungsgericht hellwach – sogar am Freitagabend, als es galt, das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit entschlossen zu verteidigen. Wo kämen wir denn auch hin, wenn man für Anliegen wie „Kein Asyl in Neumühl“ und „Rheinhausen darf nicht Klein-Bukarest werden“ nur deshalb nicht auf die Straße gehen dürfte, weil sich an dem ins Auge gefassten Kundgebungstag zufälligerweise irgendetwas zum soundsovielten Male jährt. Ich meine: irgendetwas jährt sich schließlich immer. Wenn es danach ginge, sähe es aber schlecht aus für unsere Grundrechte. Aber nichts da! So etwas macht das Bundesverfassungsgericht natürlich nicht mit. Darauf konnten sich die Deutschen verlassen. Deshalb konnten die pro-NRW-Kameraden demonstrieren. Für ein Grundrecht, versteht sich: „Kultur und Heimat sind Menschenrechte auch für Deutsche“, verkündeten ihre Transparente und Pappschilder. Was auch immer damit gemeint ist, es könnte ja hinkommen. Trotzdem: „Kultur und Heimat“ - irgendwie klingt das so ein bisschen verstaubt. Heutzutage sind doch ganz andere Menschenrechte ernsthaft in Gefahr. 


pro-NRW, Duisburg am 9. November 2013

Abhöraffäre! Schon vergessen? Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Kultur und Heimat der Generation Smartphone. Die jüngeren Leute leben da doch förmlich drin! Nicht direkt im Smartphone, aber so ähnlich. So, und jetzt noch einmal Petra Sorge: „Wo Grundrechte bedroht sind, haben sich die Deutschen noch immer auf das Bundesverfassungsgericht verlassen können. Könnte man der Justiz nicht auch die Aufklärung der Abhöraffäre anvertrauen? Eine Strafanzeige gegen amerikanische Spione, eine Vorladung der NSA: Das wäre doch mal was.“ Keine Sorge – Volksfürsorge. Große Sorge – Petra Sorge. Genau: wir laden die Amis vor. Nicht nur den Botschafter, sondern gleich alle Spione. „Das wäre doch mal was“! Und ob das etwas wäre! „Doch zu einer Anklage ist es noch nicht gekommen“, muss Frau Sorge besorgt registrieren. „Bislang gibt es nicht einmal ein Ermittlungsverfahren in Sachen NSA. Und...“ - jetzt halte man sich fest! - „...das hat auch mit dem Spiegel zu tun.“ Was für eine Welt! Das gibt es doch gar nicht! „Warum hält der Spiegel Snowden-Dokumente zurück?“, muss sich Petra Sorge fragen. Und ich hatte gedacht, der Spiegel kämpft für „Asyl für Snowden!“, weil er glaubt, tun zu müssen, was er tut. Jedenfalls hatte ich Ihnen versprochen, Ihnen die politischen Absichten, die der Spiegel mit diesem Kampagnenjournalismus verfolgt, bekannt zu machen.  


Jetzt muss es heißen: „die politischen Absichten, die der Spiegel vorgibt, mit diesem Kampagnenjournalismus zu verfolgen“. Wie auch immer: die Lage ist nach wie vor komplex und kompliziert. „Gewiss wird der Spiegel dieses Pamphlet bald online stellen; aber wer weiß schon wann?!“, schrieb ich – dem Prinzip Hoffnung folgend – am Dienstag. Doch der Spiegel stellt und stellt diesen bemerkenswerten Text einfach nicht online. Und das heißt für mich: nix mit Copy & Paste. Vielmehr: selbst in die Tasten hauen, was Klaus Brinkbäumer, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur des Spiegel, auf den Seiten 28 und 29 der Ausgabe 45/2013 vom 4. November so von sich gegeben hat. Schön ist das nicht! Kann Gott das gewollt haben? Egal, es hilft nichts: oh Herr, lass es geschehen! Also: Klaus Brinkbäumers Essay trägt den schönen Titel: „Die bösen Absichten“. Untertitel: „Die USA als Gegner – warum Deutschland sich wehren muss“. Erster Satz: „Die USA greifen die Freiheit, die Werte und die Zukunft des Westens an.“ Zweiter Satz: „Sie greifen uns alle an.“ So weit, so klar. Jetzt erst einmal eine Pause; denn – auch das ist klar: ich darf freilich nicht den ganzen Text Brinkbäumers abtippen. Copyright und so. Ich möchte das auch nicht. Ich könnte zwar diese Gedanken umformulieren und als meine eigenen ausgeben (zur Zeit sehr modern!), aber das möchte ich auch nicht. Also mache ich jetzt erst einmal einen Absatz.  



Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool


Klaus Brinkbäumer erläutert nach der Einleitung den Charakter des heimtückischen US-Angriffs. Ausführlich, irgendwann dann – jetzt wieder ein Zitat: „Mit diesen Daten sollen Handlungen von Freund und Feind vorhergesagt und kontrolliert werden. Und damit soll den USA ein Vorteil entstehen und dem Rest der Welt, Deutschland inklusive, ein Nachteil“. Könnte hinkommen; „denn wer die deutsche Kanzlerin abhört, der denkt nicht an innere Sicherheit, sondern an strategische Vorteile“. Ach ja, richtig: Merkels Handy. Menschenrechte. Da könnte ich richtig in Rage geraten. Und Brinkbäumer auch. Die Seite 28 hatte er voll gekriegt. Da ist aber auch ein großes Foto drauf. Die US-Botschaft in Berlin im Dunkeln, angestrahlt von so einem Laser-Ding oder sowas, bestimmt zehn Meter Durchmesser: „Don´t spy on us!“ Gezeichnet: „UnitedStasiOfAmerica“. Geil! Der Spiegel betitelt das Bild mit „Protestaktion an der US-Botschaft in Berlin“. Ich hätte jetzt so ein paar Ideen, mit welchen Sprüchen man die deutsche Botschaft in Washington großformatig anstrahlen könnte. Aber lassen wir das! Das würde nur weg vom Thema führen. Und das Thema dieses Artikels heißt: „Deutsche, wehrt Euch!“ Und nicht: „Amerikaner, wehrt Euch!“ Ich meine: die hören doch uns ab, und nicht umgekehrt. Na also! Unsere hören eigentlich niemanden ab. Bestimmt aber keine Staatschefs. Höchstens Putzhilfen.  


Klaus Brinkbäumer hat auf Seite 28 alles erklärt, weiter geht’s auf Seite 29. Jetzt aber mal: „Es ist von seltener Chuzpe, die Staatschefs der wichtigsten Verbündeten auszuspionieren.“ So. Jetzt hat er es aber mal gesagt, der Klaus! Merkel Abhören: wirklich eine seltene Chuzpe! Gut, wenn man sich so aufregt, in diesem Fall: zu Recht – dann fällt auch mal ein hartes Wort. Man hätte auch sagen können: Dreistigkeit, Frechheit, Unverschämtheit, vollkommene Unverfrorenheit oder so etwas. Hat man aber nicht. Man hat den Begriff „Chuzpe“ gewählt. Der fällt uns Deutschen ja bekanntlich als erstes ein, wenn wir mal so richtig in Rage sind. Wie bitte?! Ihnen nicht? Aber Sie kennen doch „Chuzpe“? Chuzpe, so steht es im Duden und ausführlicher im Wiktionary, bedeutet genau dies: Dreistigkeit, Frechheit, Unverschämtheit, vollkommene Unverfrorenheit oder so etwas. Nur eben: „salopp abwertend“ gemeint. Und „Schlitzohrigkeit“ bedeutet es auch noch, das Wort „Chuzpe“. Die „Gegenwörter“, also die Gegenbegriffe, heißen Bescheidenheit, Höflichkeit, Zuvorkommenheit. Okay: „Zuvorkommenheit“ wird von meiner Rechtschreibhilfe beanstandet. Aber egal: es dürfte klar geworden sein, um welche Gegensätze es sich handelt. „Chuzpe“ - abwertende Schlitzohrigkeit dort. Hier dagegen: höfliche Bescheidenheit. Anti-Chuzpe, sozusagen.  



Riskant und selbstbewusst gewehrt:
Deutsche vor 75 Jahren


Deutschland muss sich wehren. Gegen die bösen Absichten der – na, wie heißen sie noch? Ach ja: „Amerikaner“. „Es braucht etwas“, schreibt Brinkbäumer, “was die Amerikaner `leverage´ nennen, ein Druckmittel“. Ja genau. Richtig! Nur was? Sag es uns, Klaus! „Es gäbe Möglichkeiten, natürlich. Ein technologisches Wettrüsten ist nicht geübt, aber denkbar.“ Geil. Dann werden die aber Augen machen, diese Amis. Noch was? „Die Ausweisung von Botschaftern oder Agenten wäre zumindest ein Zeichen.“ Na sicher. Und Zeichen – Zeichen sind wichtig. Wir Deutsche lieben Zeichen. Wir müssen denen jetzt endlich einmal zeigen, wo der Hammer hängt. „Wer nämlich blinzelt und wegguckt, wenn der andere kalt geradeaus blickt, der hat verloren bei dem, was in den USA „chicken game“ heißt“, sagt Klaus. Klaus Brinkbäumer, stellvertretender Chefredakteur des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel»: „Sie müssen sehen, dass es eine realistische Möglichkeit ist, dass Deutschland sich von Amerika abwenden könnte.“ Dann stünden die aber gelackmeiert da, diese Amis, meint Klaus. Egal, wir lassen uns jetzt von denen nichts mehr gefallen! „Und ein eindrucksvoller, nämlich riskanter und selbstbewusster Schritt...“ - ja geil - „...wäre...“ - los, Klaus, sag´s schon! - „...Asyl für Edward Snowden“. Jaaa! „Wo Grundrechte bedroht sind, haben sich die Deutschen noch immer...  


Werner Jurga, 10. November 2013






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