
Foto: Wolfram Huke (via Wikipedia)
Steffen Seiberts
Lob des Kreises
Donnerstag, 23. Juni (Fronleichnam). Ein Zyklus ist ein Kreis. Bei Wikipedia steht: „Zyklus (altgriechisch κύκλος, kýklos, bzw. lateinisch cyclus ‚Kreis‘), adjektivisch: zyklisch, bezeichnet periodisch wiederkehrende gleichartige, ähnliche oder vergleichbare Ereignisse.“ Es folgt eine ganze Reihe von Stichwörtern mit der Endung –zyklus; denn in der Welt, in der wir leben, sind wir nur so umgeben von allen möglichen zyklischen Prozessen.
Steffen Seibert, um ein Gegenbeispiel anzuführen, ist Chef des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung. Zuvor war der Journalist beim ZDF beschäftigt, wo er zuletzt das heute journal moderierte. Seiberts Fortkommen verläuft nicht zyklisch, sondern linear-progressiv. Regierungssprecher verdienen zwar deutlich weniger Geld als Fernsehjournalisten, dafür hat er jetzt jedoch deutlich mehr Arbeit.
Heute konnte Seibert namens der Kanzlerin verkünden, dass aus den kürzlich wieder einmal ins Spiel gebrachten Steuersenkungsplänen nichts wird. Jedenfalls zunächst einmal nicht: „Die Bundesregierung wird in dieser Legislaturperiode Steuererleichterungen für kleine und mittlere Einkommen beschließen - aber noch nicht zum 1. Januar 2012.“
Doch Union und FDP beobachteten, wie Seibert weiter ausführte, „sehr genau“, welche finanziellen Spielräume sich ergäben. Und dann, der Satz der Sätze: „Denn es versteht sich, dass die Haushaltsentwicklung vorgibt, welche Entlastungen wir den Bürgern verschaffen können.“ Wir merken uns: Vorsicht bei Sätzen, die mit „versteht sich“ beginnen! Am Rande: ein „versteht sich“ am Ende ist nicht ganz so gefährlich.
Was Seibert sagen will: sprudeln die Steuereinnahmen, weil die Konjunktur gut läuft (wie, nebenbei bemerkt, jetzt), sind Steuersenkungen eigentlich eine „Vorgabe“. Läuft sie nicht so gut, geht also das Steueraufkommen zurück, sind dagegen Steuersenkungen so gut wie ausgeschlossen. Kurz: im Aufschwung Steuern runter, im Abschwung Steuern rauf.

Grafik: Bernard Ladenthin (Wikipedia)
Wäre Seibert auch jetzt noch beim heute journal, könnte er anhand obiger Grafik seine dahinter stehende Theorie anschaulich erläutern. Wenn Klaus Kleber oder Marietta Slomka heutzutage durch das Studio gehen, vor bzw. inmitten einer übergroßen Abbildung, da fallen dem Zuschauer selbst die kompliziertesten Zusammenhänge wie Schuppen von den Augen.
Okay, eine etwas unappetitliche Redewendung. Sie trifft den Nagel aber auf den Kopf, falls Ihnen diese besser gefallen sollte. Also, siehe Grafik oben: im Aufschwung, im Schaubild „Expansion“ genannt, Steuererleichterungen. Dann haben die Bürger mehr Geld in der Tasche, können mehr einkaufen und so richtig die Konjunktur ankurbeln. Im Abschwung, im Schaubild „Rezession“ genannt, das Gegenteil.
„Pro-zyklisch“ nennen die Fachleute die konjunkturpolitische Konzeption, auf die Steffen Seibert hier diskret Bezug nimmt. Diskret, aber verbindlich. „Es versteht sich, …“ Der Seibert macht seinen Job richtig gut. Muss man neidlos anerkennen. Neidlos, im wahrsten Sinne des Wortes. Sich für das Gehalt eines Staatssekretärs den ganzen Tag lang von der Kanzlerin herumkommandieren zu lassen und in den verbleibenden Zeitporen auf Pressekonferenzen mit verwegenen Theorien wie der obigen vor die Öffentlichkeit zu treten, wer hätte da schon Bock drauf?!
Werner Jurga, 23.06.2011