Spiegel-Titel Nr. 18 / 2016

Warum eigentlich nicht?

Länger leben


30. April 2016. Der neue Spiegel ist erschienen. Ausgabe Nr 18 / 2016. Die Titelgeschichte beschäftigt sich mit zwei Fragen. Ja, es sind Fragesätze, auch sie wenn auf dem Titelbild nicht mit Fragezeichen, sondern mit Punkt abgeschlossen werden. Ich nehme an, weil der Spiegel auch die Antworten mitliefert. Das mag orthographisch nicht hundertprozentig korrekt sein, wird dafür aber dem gehobenen Anspruch an den Spiegel gerecht. Fragezeichen auf der Titelseite? Ich bitte Sie! Die Rede ist hier nicht von Bild und BamS oder sonst irgendeinem Marktschreier auf dem Boulevard, sondern von Forschung und Wissenschaft. In der Printausgabe läuft die Geschichte unter „Medizin“, im kurzen Online-Werbebeitrag unter „Altersforschung“. Spiegel-Leser wissen mehr. Ab heute zum Beispiel auch „Warum Frauen länger leben“ und „Wie Männer länger leben können“. Wir befinden uns auf dem Gebiet der Gerontologie.


Wie Männer länger leben können“ - ja, in der Tat, das ist eine spannende Frage. Zumindest für uns Männer. Allerdings ist sie nicht ganz klar gestellt. Länger als wer oder was? Länger als die Frauen oder länger als heutzutage? Also als überhaupt und so. Über die Geschichte im Spiegel sind sechs große Symbolbilder gesetzt – drei auf der linken Seite (die Verbote) und drei auf der rechten (die Gebote). Links: „Nicht trinken“, „Keine Schwerarbeit“ und „Nicht rauchen!“ Wobei „Nicht trinken“ für sich genommen nicht unbedingt der Geheimtipp für ein langes Leben sein muss. Mit etwas Phantasie lässt sich aber die Flasche in der Hand auf dem Schaubild als Bierflasche interpretieren. Angeraten ist offenbar, keinen Alkohol zu trinken – wobei ich ja mal gelesen habe, dass ein Gläschen Wein am Tag das Leben durchaus etwas verlängern könnte. Sei´s drum; darum geht es hier nicht.


Die drei großen Bilder auf der rechten Seite symbolisieren „Viel bewegen!“, „Gesund ernähren“ und – Achtung, echte Überraschung!“ - „Kinder erziehen“. Das ist ja ein Ding! Gut, auf die ersten fünf Tipps hätten eventuell auch schon klügere Nicht-Spiegel-Leser kommen können. Nicht rauchen, saufen, wullachen, dafür aber vernünftig ernähren und Sport treiben. Aber wenn ich das dritte Lebens-verlängerungsgebot hätte erraten müssen, hätte ich doch nicht auf Kindererziehung getippt. Eher schon auf gepflegten Sex – habe ich mal gelesen, echt! - oder auf Gelassenheit, Ruhe, Yoga oder sowas – was nicht ganz genau dasselbe wie Sex sein muss. Damit hätte ich aber daneben gelegen. Ja, wer kommt denn auf sowas?! Dass ausgerechnet diese geldvernichtenden, schlafraubenden Nervensägen dereinst unser eigenes Ableben nach hinten schieben werden. Grotesk.


Im Spiegel-Artikel, den übrigens Jörg Blech verfasst hat, wird diese Kuriosität nicht näher erläutert. Woran wir erkennen, dass mit „länger leben“ im Kern doch an das anzustrebende längere Leben der Männer im Vergleich zu den Frauen gemeint ist. Dabei: schon diese kurze Ge- und Verbotsliste liefert erste, keineswegs unwesentliche Hinweise auf die Ursachen der niedrigeren Lebenserwartung von uns Männern gegenüber der der Frauen. Kindererziehung? Wessen Aufgabe ist das denn? Wer darf sich denn um die lieben Kleinen kümmern? Und Schwerarbeit? Ja, wer macht die denn? Im Bergbau unter Tage und so? Bekanntlich führte und führt die ursprüngliche, weil natürliche Arbeitsteilung immer wieder zu Konflikten unter den Geschlechtern. Denn das weibliche neigt zur Undankbarkeit... - und zum Klagen.


Das bisschen Haushalt“ quengelt Johanna von Koczian. Astrein gekontert von Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier: „Dat bisken Frühschicht“. Hier hätte der Spiegel ansetzen können, ja müssen, wenn er sich den Unterschieden in der Lebenserwartung von Männlein und Weiblein ihren Wurzeln – sprich: ganz radikal – angenähert hätte. Stattdessen leitet Blech die Titelgeschichte stochernd im Nebel ein: „Frauen sind sieben Jahre mehr auf Erden vergönnt als Männern. Dieser Überlebensvorteil des weiblichen Geschlechts ist eines der größten Rätsel der menschlichen Biologie.“ So der Anfang der Story, die laut Überschrift „die Methusalem-Formel“ zu enthüllen verspricht. Und das ist das Ende: „Selbst ist der Mann. Wer gern die Lebenserwartung einer Frau hätte, muss nicht nach Sardinien auswandern. Es würde vermutlich schon reichen, nicht zu rauchen, sich jeden Tag ausreichend zu bewegen und sich so gesund wie ein Ziegenhirte im vorigen Jahrhundert zu ernähren.“


Das wollen Forscher nämlich in abgelegenen Bergdörfern Sardiniens herausgefunden haben. „In der Barbagia und der nicht minder unwirtlichen Nachbarprovinz Ogliastra entstand eine Fläche, wo die Wahrscheinlichkeit, ein Lebensjahrhundert zu durchmessen, doppelt so hoch ist wie sonst auf der Insel. Und das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen“, lesen wir in dem SpOn-Summary. „Gemeinhin müssen Männer durchschnittlich etliche Jahre vor den Frauen sterben, doch in der blauen Zone ist die Lebenserwartung der Geschlechter gerecht verteilt.“ Na prima, und schon hat der Spiegel die Antwort auf eine der himmelschreiendsten Ungerechtigkeiten aller Zeiten gefunden. Und zwar: immer schön Joggen, und zwischendurch, also immer wenn sich der kleine Hunger meldet, den Fraß in sich hineinstopfen, den sich im letzten Jahrhundert sardinische Herren, die Gottes lieben langen Tag mit Ziegen verbracht hatten, sozusagen als Sahnehäubchen gegönnt hatten.


Selbst wenn es auf diese Art und Weise eine Chance gäbe, die eigene Lebensdauer auf ungeahnte Höhen zu schrauben, wer würde das denn wollen?! Man fasst sich an den Kopf! Dabei liegen die wissenschaftlichen Rohdaten vor. Jörg Blech hat sie im Spiegel – graphisch hübsch aufbereitet – präsentiert. Man könnte sich doch bspw. einfach mal fragen, wo auf der Welt die Differenz zwischen weiblicher und männlicher Lebenserwartung besonders hoch, und vor allem: wo sie besonders niedrig ist bzw. überhaupt nicht existiert. Hat Blech wohl irgendwie nicht getan. Wir schauen schlicht auf Seite 107 des neuen Spiegel und finden eine Weltkarte, auf der sämtliche Staaten dbzgl. in fünf Gruppen eingeteilt und dementsprechend farblich dargestellt sind. Graphisch für jeden Leser offensichtlich scheut man sich offenbar, die Dinge, so wie sie sind, im Text zu formulieren.


Das wird Gründe haben. Welche es sind, muss uns nicht interessieren. Hier gelten sie nicht. Und so sieht es aus: tatsächlich ist es in den meisten Ländern dieser Erde um die Geschlechtergerechtigkeit ähnlich schlecht bestellt wie hierzulande. Wobei: es gibt einige Staaten, in denen die Männern noch übler, oder sagen wir mal: kürzer dran sind. In den Staaten der ehemaligen Sowjetunion segnen die Herren im Durchschnitt mindestens acht Jahre früher das Zeitliche als die Damen. Eigentlich nur dort. Sonst nur noch in Syrien – klar, anderswo ist auch Krieg, in Syrien herrscht aber der totale Krieg. Wenn Du dort ein Mann bist... Und in Venezuela – tja, das wäre ein Thema für sich. In Russland und in dessen ehemaligem Einflussgebiet könnte der relativ hohe Wodkakonsum der männlichen Bevölkerung die relativ niedrige Lebenserwartung derselbigen teilweise mit auslösen. Negativbeispiele, die uns nicht weiter interessieren müssen.


Uns interessieren die anderen, die Positivbeispiele. Staaten, die exemplarisch zeigen: ja, ein anderes, ein gerechteres Dasein ist möglich. Die solche „Experten“ wie die des Longvity Science Advisory Panel Lügen strafen, wenn sie unterstellen, ein Abstand von ein paar Jahren werde immer bleiben. Und Journalisten wie die des Economist gleich mit, die diesen Unfug genüsslich kommentieren mit: „Das mag Ihnen, falls Sie ein Mann sind, unfair erscheinen.“ Ja, das erscheint mir unfair, gelinde ausgedrückt. Es sollte jeden Menschen, egal ob Mann oder Frau, bedrücken. Der Economist philosophiert zynisch: „Nehmen Sie es als Preis der Ewigkeit!“ Nein, ich nehme das nicht hin. Zumal Marc Luy, ein deutscher (!) Bevölkerungswissenschaftler, die Rolle der Biologie mittlerweile für überbewertet hält: „In Ländern wie Deutschland sind die Sterblichkeitsunterschiede zwischen Frauen und Männern vor allem auf nicht-biologische, also beeinflussbare Faktoren zurückzuführen.“


Zumal es reihenweise Länder auf dieser Welt gibt, die wie Leuchttürme der Hoffnung zeigen, dass schon heute ganz real Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern möglich ist. In denen die Männer im Durchschnitt nur zwei Jahre, manchmal auch noch weniger, früher sterben müssen als die Frauen. In Pakistan und in der Türkei zum Beispiel, in Kasachstan und in Bhutan, und keineswegs nur, falls Sie dies annehmen sollten, in Ländern mit überwiegend muslimischer Bevölkerung. Nein, auch in Zentralafrika, wo Christen und Muslime, wenn auch nicht immer ganz friedlich, zusammenleben. Oder im Südsudan, der christlichen Abspaltung vom islamistischen (Rest-) Sudan. In beiden Ländern leben Männer fast genauso lange wie die Frauen. Auch in Vietnam und El Salvador – beides Staaten ohne muslimischen Bevölkerungsanteil. Im (christlichen) Swasiland und im (islamischen) Mali ist es schon geschafft. Die Männer haben die Frauen in Sachen Lebenserwartung eingeholt.


Zusammengefasst: die These, die heute noch überwiegend anzutreffende kürzere Lebenszeit der Männer sei biologisch bedingt, muss als überholt gelten. Dies legt letztlich auch der Spiegel-Artikel nahe. Dort heißt es: „Im Tierreich gibt es etliche Gegenbeispiele. Bei etlichen Vogelarten, darunter Eichelspecht und Pfeifschwan...“ - ja okay, vielleicht nicht die optimalen Beispiele. Pfeifschwan, ja von mir aus – aber Eichelspecht... ich weiß ja nicht - „...leben die Männchen in der Regel länger als die Weibchen.“ Na immerhin. Aber eigentlich wollte ich nichts mit Vögeln zitieren, sondern das mit dem Hund. Aha, hier habe ich es: „Auch bei manchen Säugetieren werden die Männchen statistisch gesehen älter als die Weibchen, zum Beispiel beim Afrikanischen Wildhund...“ So, das ist der Beweis bzw. der Gegenbeweis zur Theorie der biologisch induzierten geringeren Lebenserwartung.


In dieser Theorie kommt dem männlichen Sexualhormon Testosteron die Schlüsselrolle zu. Testosteron ist verantwortlich für eine höheres Maß an Aggressivität und Risikobereitschaft und so weiter. Für das „Tier im Mann“, von uns im Grunde immer gedacht als das männliche Tier im Mann. Würde diese Theorie stimmen... - nein, anders: der Blech-Artikel beinhaltet dazu einen Satz, den der Spiegel für so bedeutsam hält, dass er ihn als Augenfang nochmal groß und fett hervorgehoben hat. Oder, wie es im Fachjargon heißt: als Eyecatcher. Sie wissen, dass Catcher auf Deutsch Fänger heißt und Eye – ganz wichtig! - Auge. Immer und nur Auge! Würde diese Theorie stimmen... - also, der Eyecatcher-Satz lautet: „Nach der Theorie müsste die Entfernung der Hoden wie eine Anti-Aging-Kur wirken.“ Das wäre folgerichtig. Wenn die biologische Theorie zuträfe.


Sie trifft aber nicht zu. Und selbst wenn: diese Anti-Aging-Kur ist nun einmal nicht jedermanns Sache. Einmal ganz abgesehen von ihren Risiken und Nebenwirkungen. Dann vielleicht doch besser Gottes lieben langen Tag mit den Ziegen verbringen und das komische sardinische Zeug futtern. Hilfsweise stets und ständig joggen – mit demselben Fraß, aber ohne die Ziegen. Andernfalls bliebe nur, der Menschen-frau am Ende doch ein paar Jährchen mehr zu gönnen. Sicher, der Gedanke ist emotional unbe-friedigend. Ihn müsste man sich von besagter Menschenfrau dadurch versüßen lassen, dass man mit ihr auf der Couch rumhängt und Glotze guckt. Oder sonstwas anstellt. Vielleicht finden Sie etwas, was wenigstens ein bisschen gesund ist. Nun ja, letztlich muss das ja jeder selbst wissen. Sterben müssen wir irgendwann alle mal. Früher oder später. Bis dahin: Machen Sie das Beste draus! Machen Sie sich, gerade als Mann, schlau in Gerontologie. Man weiß ja nie...


Werner Jurga, 30.04.2016



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