Doch Steinbrück

 

Dienstag, 25. Oktober. „Werner, Du bist doch Mitglied der SPD!“ Dies teilte mir gestern ein Freund mit, der, wie Sie sich schon gedacht haben dürften, eben nicht Mitglied der SPD ist. Natürlich nicht. Der Inhalt seiner Mitteilung war mir, wie Sie sich vermutlich ebenfalls gedacht haben, nicht völlig neu. Allerdings hat dieses „Doch“ ein wenig in meinem Gehörgang geruckelt. „Du bist doch Mitglied der SPD“ – ja, hatte ich dies jemals bestritten?! So ein „Doch“ ist konzessiv, d.h. es soll auf eine Widersprüchlichkeit aufmerksam machen. Aber – auch so ein Konzessivwort – ich hatte doch meine SPD-Mitgliedschaft niemals verleugnet.

Übrigens: hier passt das „Doch“: so, wie es mein Freund formuliert hatte, hätte man annehmen können, mir sei es nicht recht, auf mein Parteibuch angesprochen zu werden; doch dem ist gar nicht so. Oder er hatte irgendeine andere Widersprüchlichkeit implizit unterstellt. Vielleicht: „Werner, an sich bist Du ja ganz in Ordnung“ – wie gesagt: eine reine Hypothese – „doch wie kannst Du da Mitglied der SPD sein?!“ So nach dem Motto: die Brüder mal als kleineres Übel zu wählen, wäre ja noch verständlich; aber in diesen Laden auch noch einzutreten, geht echt zu weit. Ich weiß es nicht; ich kann nur versichern: mit genau dieser Formulierung hatte er mich angesprochen.

Ich muss fairerweise hinzufügen, dass er diesen uns beiden bestens bekannten Umstand nur deshalb angeführt hatte, weil er zur Begründung seines Ansinnens herhalten sollte. Es folgte: „Da musst Du doch etwas über den Steinbrück schreiben!“ Da mich, wie eingangs dargelegt, dieses „Doch“ so stark beschäftigt hatte, war der Arbeitsspeicher meines Gehirns um eine schnelle Antwort verlegen. „So, muss ich?!“ Für diese Antwort hatte es bei denkbar geringer Inanspruchnahme meines Hirns noch so eben gereicht. Ich weiß, ich weiß: es gehört sich nicht, auf eine Frage mit einer Gegenfrage zu antworten.

Das fiel mir schon auf, als mir diese Worte über die Lippen gingen. Das fand ich suboptimal. Andererseits war ich auch froh, dass eine andere Gegenfrage, die mir ebenfalls bereits auf der Zunge lag, nicht den Weg nach draußen gefunden hatte. Sie lautete „Ja, was denn?!“ und wäre nun wirklich ziemlich beknackt gewesen. Der Aufforderung „Du musst doch etwas über den Steinbrück schreiben!“ mit der Frage zu begegnen, was ich denn wohl schreiben solle, hätte meine Reputation als Autor leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Und dies nur wegen eines blöden „Dochs“. Na, da hatte ich aber nochmal echt Glück gehabt! Wie gesagt: meine Mundmotorik wählte: „So, muss ich?!“

„Ja, Du musst!“, erwiderte mein Freund. Es ging alles so schnell. Ich meine, ich hätte dann noch so etwas gesagt wie: „Na, wenn Du meinst.“ Und Tschüss, liebe Grüße, Danke auch, und das war´s. So, und jetzt stehe ich da. Diese Sache ist gelaufen, kein Entkommen möglich, aus dieser Nummer komme ich nicht mehr raus. Sehen Sie, und das ist der Grund dafür, warum diese Kolumne dem Genossen Steinbrück gewidmet ist. Klare Kiste: was man verspricht, muss man halten. Dabei wollte ich weder etwas versprechen noch etwas über Peer Steinbrück schreiben. Nun könnte ich freilich argumentieren, bei diesem „Na, wenn Du meinst“ habe es sich überhaupt nicht um ein Versprechen gehandelt. Unter Freunden?




Irgendwie kann man das nicht machen, finde ich. So geht man nicht mit Freunden um. Ja sicher, es war nicht mehr als ein Ausweichmanöver. Das brauchen Sie mir nicht zu sagen; ich kann mich noch sehr genau an diese Situation erinnern. Aber stellen Sie sich vor: ein Freund spricht Sie an und fragt Sie: „Kannst Du mir mal zehn Euro leihen?“ Oder sagen wir: „Tausend Euro“. Und Sie antworten: „Na, wenn Du meinst.“ Wenn Sie dann tags darauf erläutern, dass es sich bei dieser Antwort doch (!) nur um ein Ausweichmanöver gehandelt habe und Sie sich damit beide Optionen offengehalten haben, tja … - Dann dürfen Sie sich jedenfalls nicht wundern, wenn Ihre Freundschaft Schaden nimmt.

Das ist der Grund für mich, etwas über Peer Steinbrück zu schreiben. Es ist ja auch nicht so, dass ich noch nie etwas über ihn geschrieben hätte. Leider ist mir dies gestern bei der kurzen Begegnung mit meinem Freund nicht so schnell eingefallen. Aber selbstverständlich habe ich schon einmal etwas über den Genossen Steinbrück geschrieben. Doch, doch. Trotz seines norddeutschen Akzents – „er ist einer von uns“, hatte ich erklärt. Seine Brandrede in der Fraktion nach der verlorenen Bundestagswahl hatte ich kommentiert. Und auch seine Einschätzung der weltweiten Finanzkrise beim Beckmann. Und dass der Krugman mit seiner Finanzpolitik Ende 2008 nicht hundertprozentig einverstanden gewesen war.

Ja, was soll ich sagen? Ich stehe noch zu all diesen Artikeln. Damit wäre von meiner Seite im Grunde alles über Peer Steinbrück gesagt. Ja, ich weiß: jetzt möchte Steinbrück Bundeskanzler werden. Er sagt es zwar noch nicht; aber Helmut Schmidt schlägt ihn schon einmal vor. Unüberhörbar, unübersehbar. Am Sonntagabend beim Jauch, am Montag als Titel und Titelgeschichte des Spiegels und als Aufmacher der WAZ. Ja, Bundeskanzler … - Steinbrück ist ein Politiker, der das klare Wort nicht scheut. Deshalb hat er so hohe Beliebtheitswerte im Volk. So eine Art sozialdemokratische Variante des Guttenbergismus´. Allerdings verlangt das höchste Politikeramt auch ein gewisses Maß an Diplomatie.

Menschen können sich ändern, und es wäre nicht fair, wollten wir Peer Steinbrück seine ein wenig unglückliche Formulierung über Ouagadougou ewig nachtragen. Man wächst auch im Amt. Zumal lobend hervorzuheben ist, dass Steinbrück niemals in Erwägung gezogen hatte, die Kavallerie nach Burkina Faso zu schicken. Und über die Schweiz brauchen wir unter erwachsenen Menschen nicht zu reden. „Er kann es“, meint Helmut Schmidt. Da wird er sich schon etwas bei gedacht haben. Die Interpretation, der Altkanzler sei hier bloß dem berüchtigten Enkeltrick aufgesessen, halte ich dabei zumindest für gewagt. Was sich Schmidt / Hamburg genau dabei gedacht hat, kann ich Ihnen verständlicherweise auch nicht sagen.

Es spielt ja auch keine Rolle. Peer Steinbrück wird sowieso Kanzlerkandidat der SPD. Dies ist schon seit etwa einem halben Jahr deutlich zu erkennen. Dass ich dies nicht ins Internet gestellt hatte, lässt sich nicht dadurch erklären, dass ich aus Angst vor einer Fehlprognose dazu neigte, erkennbare Entwicklungen für mich zu behalten. Es ist eher so, dass ich … - na, wie soll ich sagen? - … meinem Freund erst gestern begegnete und der mich freundlich gebeten hatte, „etwas über den Steinbrück zu schreiben“. Eingeleitet mit dem nicht minder freundlichen Hinweis: „Werner, Du bist doch Mitglied der SPD.“ Ich klage doch nicht. Es war doch klar, dass irgendwann so etwas passieren musste.

 

Werner Jurga, 25.10.2011



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