Oberbürgermeister Sören Link (Foto: R. Levc)

Veranstaltung im Gedenken an die Pogromnacht des Jahres 1938, 
7. November 2013, im Rathaus Duisburg
Grußwort von Oberbürgermeister Sören Link 

 


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir haben uns heute hier zusammengefunden, um uns gemeinsam an die Pogromnacht des Jahres 1938 zu erinnern, den unheilvollen Auftakt zum Massenmord an den europäischen Juden, der sich am 9. November zum 75. Mal jährt.  

75 Jahre nach jener schicksalhaften Nacht, in der in Duisburg wie überall in Deutschland die Synagogen und jüdische Gebetshäuser brannten, in der jüdische Geschäfte demoliert, jüdische Wohnungen zerstört und ihre Bewohner mit unvorstellbarer Brutalität misshandelt wurden, sollten wir uns einmal mehr die Frage stellen: Wie sieht es heute mit der Judenfeindlichkeit in Deutschland aus? 

Mit der Beantwortung dieser Frage, meine Damen und Herren, hat sich auch ein Expertenkreis intensiv beschäftigt, der nach einem entsprechenden Bundestagsbeschluss im Jahre 2008 zum 70. Jahrestag der November-Pogromnacht eingesetzt wurde. Sein Bericht, der auf Meinungsumfragen basiert, ist – man kann es nicht anders formulieren – beschämend. Noch immer sind judenfeindliche Einstellungen in „erheblichen Umfang“ in der deutschen Gesellschaft verankert. Etwa jeder fünfte Deutsche ist latent antisemitisch. Und gefährlich naiv ist, wer verharmlosend behauptet, Judenfeindlichkeit fänden wir heutzutage allenfalls noch an den Rändern unserer Gesellschaft. Tatsache ist, mittlerweile gibt es „eine bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltäglichen judenfeindlichen Tiraden und Praktiken.“  

Der heutige Gedenktag erinnert uns, wohin die Gewöhnung einer Gesellschaft führen kann. Damals hatten sich Millionen Menschen daran gewöhnt, dass man Jüdinnen und Juden als Menschen „zweiter Klasse“ diskriminiert und aus der Gesellschaft ausgrenzt. Für Millionen Menschen war Gewalt gegen Jüdinnen und Juden zur Normalität geworden; sie war erlaubt und vom Staat sogar erwünscht. Ohne Gewöhnung, ohne das Verständnis von Judenfeindlichkeit als gesellschaftliche Normalität, wäre die industrialisierte Vernichtung von Millionen Menschen, unter ihnen mehr als sechs Millionen Jüdinnen und Juden nicht durchführbar gewesen. Voraussetzung für Planung und Durchführung des Holocaust waren Hunderttausende Täter. und eine große Mehrheit der Bevölkerung, die zusah, tolerierte und die Barbarei des NS-Regimes damit unterstützte. 

Auch 75 Jahre nach den Novemberpogromen ist die Feindlichkeit gegenüber jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern nicht überwunden. Und es sind alte und neue Vorurteile, Klischees und Unwissen über Juden und das Judentum, aus denen sich antisemitisches Gedankengut in unserer Gesellschaft nährt. Dass jüdisches Leben und jüdische Kultur in unserer Stadt wieder eine Heimat haben, macht mich froh. Und ich bin dankbar für das große Vertrauen, das dieser Stadt und ihrer Bürgerschaft von den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde entgegen gebracht wird. 

Aus diesem Vertrauen heraus erwächst für uns alle Verantwortung und der Auftrag,  jedweder Diskriminierung einzelner Bevölkerungsgruppen oder Personen entschieden entgegenzuwirken. Wir alle wollen in einer Stadt leben, in der Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus keinen Platz haben. Wenn wir uns aber vor Augen führen, wie oft wir es in unserem Duisburg alleine in diesem Jahr mit Aufmärschen von rechten Propagandisten zu tun hatten, dann zeigt dies, dass die Bedrohung durch extremistisches Denken und Handeln nicht kleingeredet werden darf. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Bedrohung entlarvt und klar benannt wird! Wir müssen dafür arbeiten, dass keine neuen Gräben in unserer Gesellschaft entstehen können. Und wir dürfen nicht nachlassen, uns auch weiterhin intensiv gegen Intoleranz, Rassismus und Extremismus zu stellen. 

Leider könnte es dazu bereits den nächsten Anlass geben. Zum wiederholten Mal versucht die rechtspopulistische Partei Pro NRW auf dem Rücken von Asylsuchenden und Zuwanderern aus Ost-Europa die sozial sehr angespannte Stimmungslage in den betroffenen Duisburger Stadtteilen für sich auszunutzen. Es ist umso widerwärtiger und an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten, dass sie das ausgerechnet am Jahrestag des Pogroms vom 09. November 1938 tun will.  

Die Vorstellung ist mir unerträglich und es erfüllt mich mit stiller Wut, wenn ich daran denke, dass an dem Tag, an dem auch in unserer Stadt die Synagoge und die jüdischen Betsäle brannten und jüdische Mitbürger gedemütigt, misshandelt und an Leib und Seele verletzt wurden, die ewig Gestrigen in unserer Stadt aufmarschieren wollen, um ihre menschenverachtenden Parolen zu verbreiten. Und ich hoffe inständig, dass es dazu nicht kommen wird. 

Der Nationalsozialismus und seine schrecklichen Folgen haben uns gezeigt, was geschieht, wenn Menschen Unrecht zulassen, wenn sie wegsehen, wenn sie nicht eingreifen, wenn sich in der Gesellschaft Gleichgültigkeit und Gewöhnung breit machen. Umso mehr sind wir in der Pflicht, nicht aufzuhören, positive Zeichen zu setzen und denjenigen mutig gegenüberzutreten, die die Kultur der Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit in unserer Stadt und in unserem Land mit „Stiefeln“ treten. 

Dieser Pflicht sollten wir uns in Duisburg am 75. Jahrestag der Pogromnacht des Jahres 1938 in besonderer Weise bewusst sein. Damit lade ich Sie herzlich ein, sich nach dieser Gedenkveranstaltung auch dem Schweigemarsch anzuschließen, der uns zur Gedenkstätte am Rabbiner-Neumark-Weg führt. 

Ganz herzlich will ich mich bei allen bedanken, die zu dieser Gedenkveranstaltung beitragen: bei Dr. Jobst Paul, für seinen Gedenkvortrag, beim Geigen- und Streichquartett der Musik- und Kunstschule der Stadt Duisburg und auch bei ihrem Kammerchor. Ein weiteres herzliches Dankeschön geht außerdem an die Schülerinnen und Schüler der Realschule Hamborn II, die mit ihrer Projektarbeit einen vorbildlichen und intensiven Beitrag zu unserem heutigen Gedenken leisten, und an alle Schülerinnen und Schülern, die gleich unseren Weg zur Kranzniederlegung an den Gedenksteinen begleiten. 

Vielen herzlichen Dank!



Sören Link, 07.11.2013
es gilt das gesprochene Wort



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