Bild: RTL II


Aufregung in und um die Eisenbahnsiedlung

Hartz und herzlich“


23. Februar 2016. Am letzten Samstag, den 20. Februar, lief im Fernsehen eine Reportage über Hartz-IV-Bezieher in der Duisburger Eisenbahnsiedlung. Zur besten Sendezeit, am Samstagabend, drei Stunden lang. Brutto, d.h. zieht man die Werbeblöcke, die zwischendurch eingespielt wurden, waren es nicht mehr ganz drei Stunden. Die Sendung lief nämlich im Privatfernsehen, bei RTL. An einem Samstagabend zur Prime Time - freilich nicht auf deren Hauptkanal, sondern auf RTL II. Auf RTL selbst lief zur gleichen Zeit „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). Eine vermutlich vielen bekannte Casting-Show, die ihre große Beliebtheit nicht zuletzt dem Umstand verdankt, dass Menschen einem Millionenpublikum der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Das bietet dem Zuschauer die schmeichelhafte Möglichkeit, dem Herrgott danken zu können, nicht ganz so bescheuert zu sein wie der gerade im Fernsehen Vorgeführte. Bei RTL leben viele „Formate“ - so der zeitgemäße Begriff für „Sendereihen“ - davon, dass irgendwelche armen Teufel zum Gespött der Menge werden.


Private Fernsehsender müssen auf die Einschaltquote achten. Deshalb läuft bei RTL eigentlich alles nach diesem Prinzip. Letztlich sogar die seit Ewigkeiten laufende Quizsendung „Wer wird Millionär?“. Irgendwann, zumal in einer Stresssituation, steht fast jeder auf der Leitung, patzt kläglich und kann dann in den Tagen nach der Ausstrahlung seinen Ärger über den entgangenen Millionengewinn mit der Freude über die eigene Dusseligkeit kompensieren. Denn darüber berichtet die Bildzeitung, diskutiert die – inzwischen für ihre Menschenfreundlichkeit nicht minder bekannte – Facebook-Community, und das Youtube-Video mit dem Aussetzer erreicht hunderttausende Klicks. Das System RTL: „Hurra, so schlecht geht es mir auch wieder nicht! Verglichen zum Beispiel mit...“ Wie man hört, läuft das so bei allen Sendern der RTL-Gruppe. Wenn also RTL II die zweiteilige Doku-Reihe „Hartz und herzlich“ als „aufwändige Sozialdokumentation“ ankündigt, ist ein gerüttelt Maß an Skepsis kein Vorurteil, sondern mehr als angebracht.


Skepsis bedeutet nach Duden „kritische Zweifel, Bedenken, Misstrauen [bestimmtes Verhalten]; Zurückhaltung“. Als Synonyme gelten im Wiktionary die Begriffe „Bedenken, Skrupel, Zweifel“ oder auch „Vorsicht, Zurückhaltung“. Skepsis schließt freilich die Möglichkeit nicht aus, dass der unterstellte, aber ursprünglich bezweifelte Sachverhalt wider Erwartung doch zutrifft. Wenn dies dann immer noch bestritten wird, kann nicht mehr von Skepsis, Zweifel oder Misstrauen gesprochen werden. Dann liegt ein Vorurteil, Engstirnigkeit oder Schlimmeres vor. Die Sendung „Hartz und herzlich“ zeigt, wie von RTL II angekündigt, „die Lebensrealität verschiedener Menschen aus der Eisenbahnsiedlung von Duisburg“. Die Sendung beschäftigt sich mit „Menschen, die in Armut leben“, mit dem täglichen Leben und Leiden einiger Menschen in prekärer Lebenslage. Es handelt sich um eine, worauf der Sender zurecht hinweist, „aufwändige Sozialdokumentation“. Die Perspektive ist dabei keineswegs voyeuristisch, was freilich Voyeure nicht daran hindert, sich an der Reportage zu ergötzen und / oder sie als voyeuristisch zu denunzieren.


Mit „Hartz und herzlich“ ist ein dokumentarisches Fernsehwerk gelungen, das kaum jemand, auch ich nicht, RTL II so zugetraut hätte. Ich kann nur empfehlen, sich das anzusehen. Den bereits gesendeten ersten Teil finden Sie hier in der Mediathek. Der zweite Teil wird am nächsten Samstag, den 27. Februar, um 20:15 Uhr ausgestrahlt. Auch wenn sich die Reportage über mehrere Stunden erstreckt, kann es nicht das Ziel sein, möglichst viele Betroffene darzustellen. Dies würde die Fernsehzuschauer, auch und gerade mich, überfordern. Und vor allem: es geht – man beachte den Titel – „Hartz und herzlich“ eben nicht darum, irgendwelche Menschen aus der Eisenbahnsiedlung zu zeigen, sondern Arbeitslose, die naheliegenderweise staatliche Transferleistungen beziehen. Genau dies leistet der Film, und genau deshalb herrscht jetzt großes Entsetzen in der Eisenbahnsiedlung. Radio Duisburg meldet: „Anwohner der Eisenbahnsiedlung in Friemersheim sind sauer auf RTL II“. Und warum? Na klar, wegen dieser Sendung. „Dabei ging es hauptsächlich um Hartz4-Empfänger.“


Eigentlich sollte dies nicht so sehr verwundern, da doch – nochmal - der Titel der Dokumentation „Hartz und herzlich“ lautet. Doch erstens gibt es noch den Untertitel „Die Eisenbahnsiedlung von Duisburg“, und zweitens sagen einige Anwohner, „die Produktionsfirma habe versprochen, es werde um die Gemeinschaft und die Geschichte der Siedlung gehen“. Nun gut, darum ging es zwar auch, aber eben nicht „hauptsächlich“, wie die „Anwohner“ feststellen mussten. "Hauptsächlich" ging es um Hartz-4-Empfänger. Diese Leute sind nämlich, wenn man der Diktion dieser „Anwohner“ und der lokalen Medien folgt, keine „Anwohner“, weshalb es umso ärgerlicher ist, dass nunmehr Verwechslungsgefahr entstehen könnte. Wenn nur die Leute aus dem Asi-Block, über die man sich bislang intern das Maul zerrissen hatte, im Fernsehen gezeigt werden, dann drohen schlimmste Folgen. Die Eisenbahnsiedler gehen fest von der Annahme aus, sie hätten einen Ruf zu verlieren. „Nichts von dem Gezeigten ist positiv“, stellt ein Anwohner, der sich mit vollem Namen zitieren lässt, gegenüber Radio Duisburg fest.


Dabei ist die befürchtete Verwechslungsgefahr, so wie die Doku angelegt ist, völlig ausgeschlossen. Das Verhältnis oder besser Nichtverhältnis der beiden Menschengruppen zueinander kommt in dieser Fallstudie über die Eisenbahnsiedlung ganz gut zum Ausdruck. Gleich zu Beginn macht Julian, der Besitzer des Kiosks, darauf aufmerksam, dass in der Siedlung zwei Menschengruppen anzutreffen sind. Zum einen die „Siedler“, von denen sich viele in seinem Laden, der „Zum Siedlertreff“ heißt, regelmäßig treffen. Zum anderen diejenigen, die „dahinten im Block“ wohnen, die Hartzer eben, die er beschreibt als „die Hartz-Vierer, die es auch voll auskosten“. Sicher, „es gibt auch Hartz-4-Leute, die können nix dafür. Die sind gerade arbeitslos geworden und brauchen es halt." Dagegen will er nichts sagen, der Julian vom Kiosk, genannt „Julz“. „Aber es gibt auch welche, das ist deren Lebensbestimmung: Hartz 8 oder Hartz 12 wahrscheinlich.“ Eigentlich ein sympathischer Kerl, dieser Julian. Seine hier zitierten Ressentiments denen „dahinten im Block“ gegenüber erklären sich daraus, dass er ganz und gar in die Gruppe der „hier im Block“ eingebunden ist – keineswegs nur „geschäftlich“.


Julian, der clevere Kioskbesitzer mit Abitur, ist durch und durch ein Kind dieser Gemeinschaft der Siedler. In ihr ist er sozialisiert, er denkt und fühlt so wie sie, das „Geschäftliche“ kommt jetzt hinzu und verfestigt sein Weltbild. Damit seine Bude „Zum Siedlertreff“ läuft, muss er mit denen, die bei ihm eine Flasche Bier trinken oder Mutters Schnitzel essen, quatschen können. Er muss denken und fühlen können wie seine Kunden. Er kann es, natürlich, und er kann es sehr gut. Auch die Siedler sind keine vom Schicksal Verwöhnten. Die Siedlung, die, wie man hier so sagt, am Arsch der Welt liegt, befindet sich schon seit Jahren und Jahrzehnten auf dem absteigenden Ast. Und mit ihr ihre Bewohner, die „Anwohner“, die Siedler. Wenn es erst einmal eine ganze Weile abwärts gegangen ist, ist es ganz unvermeidlich, dass irgendwann die Neuen kommen. Wenn der Markt in seiner unendlichen Weisheit nicht von allein drauf kommt, hilft das Jobcenter, helfen Stadt und Arbeitsagentur. Wegen der günstigen Mieten schickten und schicken Arbeits- und Sozialverwaltung die Hartzer in die Eisenbahnsiedlung.


Hier sind sie dann auf Leute gestoßen, „die können nix dafür. Die sind gerade arbeitslos geworden und brauchen es halt“. Die litten sowieso unter gar nicht mal so unberechtigten Deklassierungsängsten. Der Anblick der Neuen, die Hartz-4 „voll auskosten“, hatte ohnehin schon eine Statuspanik ausgelöst, die nur durch regelmäßiges Dampfablassen etwa am Kiosk oder im Awo-Heim so weit unter Kontrolle gehalten werden konnte, dass sie nicht in offene Aggression umschlug. In dieser Situation kommt RTL II angewackelt und verspricht, dass eine tolle Sendung mit tollen Siedlern aus der tollen Siedlung toll im Fernsehen gezeigt wird. Und zeigt dann die... - diese Leute, an denen nichts, aber auch gar nichts „positiv“ ist. Jetzt ist man „entsetzt“. Sollte etwa die vermeintliche Verwechslungsgefahr, die angeblich von RTL 2 ausgelöst worden ist, doch schon zuvor bestanden haben? Das Geschrei ist groß. Laut genug jedenfalls, um von der Lokalpresse erhört zu werden. Und die macht bereitwillig mit. Zum Beispiel die Sarah Schröer López und der Daniel Cnotka.


Das ist nämlich ganz interessant, wenn diejenigen fast unten gegen diejenigen ganz unten hetzen. So interessant, dass der Westen, das Internetportal der Funke-Mediengruppe (hier: WAZ und NRZ) das Zeug sogar auf ihre Homepage stellen. Und weil das mit dem Lokaljournalismus heute auch nicht viel besser läuft als damals das mit der Eisenbahn, wird Sarah Schröer López´ Artikel auch von der Rheinischen Post gebracht. Auf RP Online trägt er die Überschrift: „Alle waren sich einig: `Das ist nicht meine Siedlung!´“. Sehr hübsch: dieses „Alle“ - noch wesentlich trennschärfer als die besagten „Anwohner“ und „Bewohner“. Das ist nicht mehr nur denunziatorisch, das ist nicht mehr nur Ausgrenzung. Da wird die Existenz von Menschen geleugnet, da werden Existenzberechtigungen implizit abgesprochen, da wird entmenschlicht. Unter dem Vorwand der Solidarität mit Menschen, unter der Maske der Kritik an RTL. Mit der Attitüde einer Kritik an Starken und Mächtigen (RTL / Bertelsmann) wird gnadenlos auf die Schwächsten der Schwachen eingedroschen. Die Qualitätsjournalistin entblödet sich nicht, in ihrem Genfälligkeits-Geschreibsel die RTL-Reportage als „sogenannte Sozialdokumentation“ zu bezeichnen.


Noch getoppt wird Frau Schröer López von ihrer Kollegin Petra Schmidt, die in der WAZ den Kommentar schreiben durfte. Den „Kommentar“, verstehen Sie?! Das heißt, dass es sich bei den Elaboraten von Schröer López und Cnotka um „objektive Berichte“ handeln soll. Nun ja, die Hyperlinks sind weiter oben gesetzt. Das muss reichen. Ich mag nicht in Verdacht geraten, Leseempfehlungen abzugeben. Zu Petra Schmidt: leider oder Gott sei Dank steht ihr Kommentar nicht online. Er heißt und ist „einfach nur peinlich“. Sie werden sich denken können, wie und was Frau Schmidt ihren Lesern darin so verabreicht. Eine RTL-Kritikerin, ganz schön auf Zack, auch intellektuell und so. Und sozial sensibel: „Die meisten Hartz-4-Empfänger sind auch charakterlich nicht so gestrickt wie die dargestellten.“ Nein, ich habe meinem ersten Impuls, das WAZ-Abo zu kündigen, nicht nachgegeben. Denn die meisten WAZ- und NRZ-Redakteure und -Reporter sind auch charakterlich nicht so gestrickt wie die dargestellten. Man darf nicht eine ganze Gruppe für die Gehässigkeiten Einzelner verantwortlich machen.


Dieser Artikel ist zu lang geraten. Und dabei wollte ich auch noch... - egal. Mir schwant, die ganze Angelegenheit ist noch nicht durch. Ich vermute, die Sprecher der Siedler und / oder die Lokaljournalisten legen nach. Zumal, nicht vergessen: RTL II sendet am Samstag den zweiten Teil. Eigentlich bin ich sicher: da kommt noch was. Die WAZ kopiert das RTL-System: die Unterschichten aufpäppeln mit dem Verweis auf die Gescheiterten ganz, ganz unten. Das jedoch ist, wie die – sorry: einige - WAZ-Leute mit Nachdruck unterstreichen, mit seriösem Journalismus nicht in Einklang zu bringen. Ich würde sagen: es ist eine Riesensauerei. Und ergänzen: wer das Leiden des einen „Hartzers“ oder der anderen „Hartzerin“ gesehen hat, aber nicht in der Lage ist, Mitgefühl zu entwickeln und stattdessen mit dem Finger zeigt und „Bäh“ ruft, ist charakterlich überhaupt nicht gestrickt, sondern allenfalls notdürftig getackert. Mögen sie nachlegen! Mögen Sie weiterhin an den Schwächsten der Schwachen ihre lokaljournalistische Statuspanik ausleben! Ich wollte ohnehin zu dieser Angelegenheit noch das ein oder andere anmerken.

Werner Jurga, 23.02.2016








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