Alarm: globaler Gesundheitsnotstand


Achtung, Zika-Virus im Anmarsch


18. Februar 2016. Schreck, lass nach! Das wird doch wohl nicht dieses Zika-Virus sein. Mich hatte es nämlich ganz schön erwischt. Das hatte ich Ihnen doch erzählt – letzte Woche, dass ich mir einen grippalen Infekt zugezogen hatte. So. Und was lese ich jetzt in der Zeitung? In der Rheinischen Post? „20 Menschen sind in Deutschland inzwischen registriert worden, die sich mit dem mysteriösen Zika-Virus infiziert haben.“ Da haben wir es! Nein, mich hat niemand registriert. Wie auch? Ich habe ja die ganze Zeit das Bett gehütet. Aber langsam – weiterlesen: „Die Dunkelziffer allerdings wird weitaus höher sein: Viele Zirka-Erkrankungen bleiben unerkannt, weil die Symptome einer Grippe ähneln.“ Sehen Sie! Dass ich daran aber auch nicht gedacht habe! Dabei hatte die WHO – das ist die Weltgesundheitsorganisation – den „globalen Gesundheitsnotstand“ ausgerufen. Aber man ist ja viel zu leichtfertig in diesen Dingen.


Ärgerlich. Weil ich es doch eigentlich wissen müsste. Hatte ich doch schon vor gut acht Jahren geschrieben: „Die Viren – also ich glaube schon, dass die noch irgendwann einmal wirklich Probleme bereiten können. Mit denen ist wirklich nicht zu spaßen, mit diesen Viren!“ Und was haben wir mittlerweile alles durchmachen müssen?! SARS / H5N1, die „Vogelgrippe“ und natürlich die Schweinegrippe, vor allem die Schweinegrippe... - eigentlich ein Wunder, dass wir überhaupt noch leben. Sogar ich, obwohl mich diese Infektion jetzt... - wie gesagt: es könnte sich ja um das Zika-Virus handeln - … aber ich will nicht jammern! Jedenfalls: der „globale Gesundheitsnotstand“ ist da, und das ist, schreibt die Ärztezeitung, „zu begrüßen“. Nicht der Notstand an sich, versteht sich, sondern dass die WHO ihn ausgerufen hat. Denn „hierdurch wird die Klärung der Ursache... beschleunigt“, meint die Ärztezeitung.


Bei besagtem „globalen Gesundheitsnotstand“ handelt es sich, so die WHO-Definition, um einen internationalen Notfall, der „eine außerordentliche Bedrohung anderer Staaten darstellt und eine koordinierte Antwort der internationalen Gemeinschaft erfordert, damit sich die Krankheit nicht weltweit ausbreitet". Klar, dass sich auch, wenn einmal entschlossen durchgegriffen wird, kleinkarierte Bedenken-träger zu Wort melden. „Geht's noch?“, fragt die Süddeutsche Zeitung, die der Ansicht ist, „die schrille Warnung der WHO (sei) "besonders grotesk". „Die WHO übertreibt massiv“. Wie dem auch sei: jetzt wird erst einmal eine Stange Geld in die Hand genommen und dem „gefährlichen Virus“ der Garaus gemacht. Ein 50-Millionen-Euro-Aktionsplan soll die Weltbevölkerung aufklären, die Gesundheitssysteme fit machen für diese neue globale Bedrohung und natürlich findigen Forschern die Mittel an die Hand geben, einen Impfstoff gegen die Plage zu entwickeln.


Das Heimtückische an diesem Virus besteht darin, dass es, wie auch die SZ im bereits zitierten verharmlosenden Artikel einräumen muss, auf ganz leisen Sohlen daher kommt. „Wenn sich Erwachsene, Jugendliche und Kinder mit dem Zika-Virus anstecken, merken sie es kaum. Viele entwickeln gar keine Symptome. Die anderen bekommen Fieber, Hautausschlag, eventuell eine Bindehautentzündung und Gelenkschmerzen. Zumeist verläuft die Erkrankung ziemlich mild und ist in ein paar Tagen wieder vorbei.“ Daraus ziehen voreilige Quacksalber wie dieser Virologe von der Bonner Universität den Schluss, die „Gefahr durch das Zika-Virus (sei) in Deutschland sehr gering“. So so. Ich empfehle, einfach mal zu googeln, um zu einer realistischeren Risikobewertung zu kommen. Ich selbst bin übrigens immer noch nicht wieder richtig fit. Nein, ich habe keine Ahnung, wie und wo ich mich mit dem Zika-Virus angesteckt haben könnte. Aber trotzdem. Gut nur, dass ich nicht schwanger bin!


Die ganze Angelegenheit ist alles andere als witzig. Es geht um Mikrozephalie, also um die Fehlbildung des Schädels, in diesem Fall Neugeborener in Brasilien. Dort treten seit einiger Zeit diese Fälle gehäuft auf. Babys, die mit sichtbar zu kleinem Kopf auf die Welt kommen. Babys, denen ein Leben mit schwersten Behinderungen und geringer Lebenserwartung bevorsteht. „Von Mikrozephalie gehen die Ärzte aus“, ist in der Pharmazeutischen Zeitung zu lesen, „wenn der Kopf 32 Zentimeter oder kleiner ist.“ Verantwortlich für die Häufung dieser Fälle in Brasilien, so die Version der brasilianischen Regierung und der Weltgesundheitsorganisation WHO, die in den Leitmedien fast durchgängig als Tatsache übernommen wird, sei eine Infektion der Schwangeren mit dem Zika-Virus. Allein: der hier unterstellte Kausalzusammenhang zwischen den Zika-Ausbrüchen und den Mikrozephalie-Fällen ist keineswegs bewiesen.


Umso bemerkenswerter ist es, dass die Behörden in Brasilien nur „selten Proben heraus(geben), um sich unterstützen zu lassen“ und somit Forschungen nach einem Beweis für den Zusammenhang zwischen dem Zika-Virus und den Fehlbildungen bei Babys verschleppen (Spiegel Online). Damit sind freilich Verschwörungstheorien zu Zika Tür und Tor geöffnet, „die sich gerade so schnell wie die Mücken in Südamerika verbreiten“. So der Tagesspiegel, der davon überzeugt ist, dass „die Mücken in Südamerika das Virus übertragen“. Für diesen Zusammenhang sprechen in der Tat einige Indizien, etwa der Nachweis des Zika-Virus im Hirngewebe von Neugeborenen. Und doch darf bezweifelt werden, dass das Zika-Virus die einzige und hinreichende Ursache für die verheerenden Fälle von Mikrozephalie in Brasilien ist. Es gibt zu viele Hinweise, die es verbieten, diese Zweifel als Verschwörungstheorie zu denunzieren.


Schon der bereits zitierte Spiegel-Online-Artikel über die „zögerlichen Behörden in Brasilien“ hat die Frage aufgeworfen: „Ist das Virus wirklich der Übeltäter? Oder übersahen alle etwas, das die Fehlbildungen ebenfalls erklären könnte?“ Es sind schlicht die Zahlen, die irritieren. In einer dpa-Meldung, veröffentlicht von der Pharmazeutischen Zeitung heißt es: „Die Zahl der bestätigten Fälle von Mikrozephalie bei Babys, deren Mütter sich in der Schwangerschaft mit Zika infiziert haben, liegt in Brasilien bei 41. Insgesamt gibt es zudem 462 bestätigte und 3852 Verdachtsfälle von Mikrozephalie.“ Nur 41 infizierte Mütter bei mindestens 462 geschädigten Kindern? Der WAZ hat offenbar die gleiche Meldung vorgelegen, als sie zu dem Ergebnis kam: „Nur für 270 Fälle ist die Diagnose Mikrozephalie laut den Angaben bestätigt und nur bei sechs davon wurde der Zika-Virus nachgewiesen.“


Etwas andere Zahlen, vielleicht weil etwas später, bringt SWR Info: „Bisher sind in Brasilien 462 Fälle von Mikrozephalie bestätigt, nur bei 17 Säuglingen mit zu kleinem Kopf und geistiger Behinderung wurde tatsächlich das Zika-Virus nachgewiesen.“ Wie auch immer: Zweifel an der linearen Ursache-Wirkungs-Beziehung lassen sich vor diesem Hintergrund nicht als Verschwörungstheorie abtun. „Wissenschaftler auf der ganzen Welt diskutieren deshalb schon länger, ob hinter den Fehlbildungen tatsächlich eine Zika-Infektion steckt“. Daraufhin präsentiert SWR Info die These der argentinischen Umwelt-Vereinigung Reduas, „dass das Insektengift Pyriproxyfen für gehäufte Fehlbildungen brasilianischer Babies verantwortlich ist“. Ausgerechnet eine Substanz also, die den Moskitos, die das Zika-Virus verbreiten, etwa der Gelbfiebermücke (Aedes aegypti), den Garaus machen soll.


Das würde auch erklären“, so SWR Info, „warum zum Beispiel im Nachbarland Kolumbien trotz vieler Zika-Fälle bisher keine ungewöhnlichen Fehlbildungen beobachtet wurden. Genauso wenig wie bei früheren Ausbrüchen in anderen Ländern.“ Ähnliches ist auch in der Neuen Osnabrücker Zeitung zu finden. Gewiss: Skepsis ist angebracht, wenn Umwelt-Aktivisten statt der Mücken die chemische Industrie als Schuldigen ausmachen. Wenn der Übeltäter wieder einmal der US-Chemiekonzern Monsanto ist, den die Ökos sowieso auf dem Kieker haben. „Es klingt ein wenig nach Verschwörungstheorie“, schreibt Focus Online, ist aber doch die einzige Erklärung dafür, „dass es auch in Kolumbien eine sehr hohe Zahl an Zika-Infektionen gibt, aber keine Häufung von Mikrozephalie. Auch frühere Zika-Ausbrüche in anderen Regionen der Welt hätten keine schweren Geburtsschäden nach sich gezogen.“


Es fällt einfach ins Auge, dass „vor allem der arme Nordosten des Landes betroffen (ist), obwohl die Mückenplage hier nicht größer ist als beispielsweise in Rio de Janeiro“ (heute.de). Aber dort wurde das Pestizid zur Trinkwasserbehandlung benutzt. Die Armen haben nämlich kein fließendes Wasser, sondern fangen es in Tonnen auf. Dort tummeln sich dann die Mücken, weshalb sich die Regierung veranlasst gesehen hatte, die possierlichen Tierchen mit Pyriproxyfen zu verjagen. Konkret: sie hat das Zeug in die Trinkwassertonnen gekippt. Seit 2014. Und seitdem... Das Gesundheitsministerium erklärt freilich, das Pestizid sei nicht für Schädelfehlbildungen verantwortlich. Denn: „Es gibt keine epidemiologische Studie". Dasselbe Gesundheitsministerium, das eine epidemiologische Studie über den als gesichert dargestellten Zusammenhang zwischen dem Zika-Virus und der Mikrozephalie nach Kräften hintertreibt.


Wie dem auch sei: „Es sind vor allem arme Menschen, die von dem Virus betroffen sind“, so „Die Zeit“. Schlimmer noch: „Die meisten Mütter von Kindern mit den zu klein geratenen Köpfen kommen aus armen Bevölkerungsgruppen." Das sagt der Direktor für Infektionskrankheiten im brasilianischen Gesundheits-ministerium. Schade nur: Wir kennen bis jetzt noch nicht den Grund dafür. Es ist eine Beobachtung der Gesundheitsarbeiter vor Ort." „Ist der Grund wirklich so schwer zu erkennen?“, fragt Thomas Fischermann, Zeit-Korrespondent in Rio de Janeiro. Eine rhetorische Frage, denn seine Antwort ist klar. Es handele sich hier um eine „Zwei-Klassen-Seuche“, so auch der Titel seines Berichts. Eine gefährliche Mischung sei da entstanden: „Geldmangel, wachsender kultureller Konservatismus und ein weitverbreitetes Desinteresse der Entscheider am Schicksal der Armen“.


Derweil wächst hierzulande die Angst vor einer Invasion der ach so gefährlichen Zika-Viren. Als wenn nicht schon genug Fremde ständig in unsere ursprünglich so schöne wie gesunde Heimat strömten. Wobei wir freilich nicht fremdenfeindlich sind; im Gegenteil: unser Herz läuft über vor Mitleid, wenn wir im Fernsehen die Bilder von den Babys mit den verunstalteten, viel zu kleinen Köpfen sehen. Furchtbar. Dieses Virus muss unbedingt draußen bleiben! Von mir aus könnte unsere Regierung denen da unten ruhig mal helfen. Wenn es im Rahmen bleibt. Hauptsache, diese gemeinen Mücken und dieses gemeingefährliche Virus werden ausgerottet. Das Wichtigste zuerst! Um die eine Million hungernder Kinder, die jetzt im Süden und am Horn von Afrika wegen der Dürre in Lebensgefahr sind, können wir uns danach immer noch kümmern. Schließlich sterben sowieso weltweit jedes Jahr drei Millionen Kinder an Unterernährung. Und ich bin, wie gesagt, auch immer noch nicht so richtig auf dem Damm.


Werner Jurga, 18.02.2016






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