Edward, der Held  

Zero the hero


Donnerstag, 7. November 2013. So, wo war ich Stehen geblieben? Ach ja. Bei dem aktuellen Spiegel-Heft, in dem die sich so für diesen Mister Snowden in die Matsche werfen. Oder wenigstens so tun als ob. Und dann hatte ich Ihnen am Ende des Artikels versprochen, Ihnen zu berichten, warum die das wohl machen, diese Spiegel-Leute. Nun ja, und in diesem Zusammenhang überhaupt fast alle. Nicht dass ich in deren Köpfe gucken könnte. Aber einer vom Spiegel, der plaudert da so locker drüber, das ist eine wahre Pracht. Okay, nächstes Mal. Und außerdem wollte ich Ihnen noch etwas über diesen Mister Snowden erzählen. Das ist ja alles auch kein Geheimnis. Also: kein Geheimnis mehr. Hi hi... Genau, so war das. Am Ende war ich so fertig von allem – Spiegel gelesen, Artikel geschrieben – so was von fertig, dass ich erst einmal etwas abschalten musste. Ich wollte mir das 1983 erschienene Born-Again-Album von Black Sabbath anhören. Und was soll ich Ihnen sagen?! Genau dies hatte ich dann auch gemacht. Wow! Richtig harter Rock. Der geht voll ab. Wie gesagt, die Scheibe ist von 1983, also schon ein wenig älter. Sagen wir mal: vor dreißig Jahren aufgenommen. Vor dreißig Jahren – okay, da müsste der ein oder die Andere schon etwas nachdenken. Was da alles so abging, 1983. Wenn man zur Vergesslichkeit neigt oder zufälligerweise zum besagten Zeitpunkt noch nicht unter uns geweilt haben sollte.

Zero the hero - vor der OP
Screenshot aus dem Black-Sabbath-Video


Tja. 1983 – die große Zeit des Hard-Rock war definitiv vorbei. In den 1970er Jahren hatten vor allem die drei englischen Bands Deep Purple, Black Sabbath und Led Zeppelin weltweit die Charts gestürmt. Damit war 1983 schon seit einigen Jahren Schluss. Led Zeppelin, obgleich freilich auch britisch, wurde immer „amerikanischer“. Und zu Amerika brauche ich Ihnen ja nichts zu sagen: Kapitalismus pur und alles Schlechte in der Welt. Die hatten ihren Bandnamen an einen Konzern verhökert, waren millionenschwer, konnten halt nur nicht mehr auftreten. Waren aber auch sowieso am Ende. Doch auch bei den beiden Anderen war total die Luft raus. Frühjahr 1983 dann die absolute Gelddruckmaschinen-Mega-Idee! Die Gruppe Black Sabbath hatte ihren Sänger Ozzy Osbourne gefeuert wegen erwiesener Sozialunverträglichkeit. Nein, das war nicht die Mega-Idee: Ozzy war – abgesehen von der ersten Hälfte der 80er Jahre - stets der absolute Hallenfüller-Superstar. Die Gelddruckidee bestand vielmehr darin, dass der Sänger Ian Gillan, der schon zehn Jahre zuvor seinen Dienst bei Deep Purple quittiert hatte, bei Black Sabbath einsteigt und mit diesem Coup der ganze Krach wieder weltsensationell von vorn losgeht. „Born Again“. Im Mai 1983 aufgenommen, im Juni auf dem Markt. Stück 5 wurde die Single-Auskopplung: „Zero the hero“.  


Ich hatte doch vorgeschlagen, dass Sie sich das schon mal anhören und ansehen könnten. Nun ja. Hat diese ganze Rock-History eigentlich irgendetwas mit Politik zu tun? Ich meine: das ist ja hier kein Rock-Blog. Ich bin vielmehr angetreten, um meine unmaßgebliche Meinung zum politischen Geschehen abzusondern. Die Antwort: nein, mit Politik im engeren Sinne haben diese Ränkespiele meiner Idole nichts zu tun. Die Herren hatten eine schwierige Phase, totaler Absturz und so... - Politik? Nee. Wobei: dieser Sänger, dieser Ian Gillan, der dachte zu dieser Zeit über einen Berufswechsel nach. In die Politik wollte er gehen. Labour-Party, linker Flügel. Und die Sänger, die hatten (und haben) ja immer die Texte geschrieben. Außer Ozzy natürlich, aber sonst alle. Der Gillan hatte sich auf seinen Solo-Platten zuvor – neben seinem Lieblingsthema – nur noch mit der Atomkriegsgefahr befasst. Das hatte den richtig gehend kirre gemacht. Sehr viele Songs dazu. 1983, das war das Jahr, in dem der NATO-Nachrüstungsbeschluss von 1979 vollzogen wurde. Ab Sommer 1983 sind diese Pershing-2-Raketen in Westdeutschland – und nur dort! - aufgestellt worden. Born again. Ebenfalls im Juni 1983 erblickte unser Held, Edward Snowden, das Licht der Welt. 



Zero the hero - vor der Ehrung
Screenshot aus dem Black-Sabbath-Video


Ich hatte ebenfalls vorgeschlagen, dass Sie sich vielleicht schon einmal Snowdens Wikipedia-Eintrag ansehen. Auch nicht gemacht?! Ja Herrgott, Sie sind aber auch schwer zu führen! Also gut: am 21. Juni 1983 erfüllte sich im fernen Örtchen Elizabeth City der Wunsch der Eheleute Mr. und Mrs. Snowden: die Tochter des Hauses bekam ein kleines Brüderchen und die Eheleute einen Stammhalter. Sie tauften den Helden auf den schönen Namen Edward. Mr. Snowden, ein Beamter der US-Küstenwache, und Mrs. Snowden, eine leitende Angestellte des US-Bundesstaates Maryland, zu dem Elizabeth City gehört und wo Klein Edward aufwachsen durfte. North Carolina, dennoch ein Südstaat, aber ein schönes Fleckchen Erde. Das Staatsmotto – in lateinischer Sprache: „Esse quam videri“. Das Sein ist wichtiger als der Schein. So etwas prägt. North Carolina, von der Atlantikküste und „den dort lebenden amerikanischen Alligatoren bis hin zu den von Bären und Weißwedelhirschen bewohnten Nadelwäldern in den Appalachen“ (Wikipedia) - das ideale Gelände, um einen Helden zu zeugen. „Das Sein ist wichtiger als der Schein“ - die ideale Atmossphäre, um zu einem Helden zu reifen. Unserem Beamtenspross Klein Edward war das Heldentum gleichsam in die Wiege gelegt. Und als er so um 13 war, zog die Familie um nach Maryland. Motto dieses Bundesstaates: „Fatti maschii parole femine“.  


Das ist Italienisch und heißt auf Deutsch: „Männliche Taten, weibliche Worte“. Der Tag würde kommen, an dem Held Edward mit männlichen Taten und weiblichen Worten wird beweisen können, dass sein Sein wichtiger ist als sein Schein, das bei einem verwöhnten Beamtensöhnchen naheliegenderweise nicht allzu viel hermachen konnte. Er wirkte wie wenig so wie die Figur des „Zero the hero“ in dem Black-Sabbath-Video. Dieser jedoch wurde das Heldentum via Frankenstein-Operation und neuem Hirn eingepflanzt. Nun ja, Unterhaltungsindustrie. Egal, ob Monsterstory oder gehobene weiße US-Mittelklasse, entscheidend ist das Resultat: ein anerkennungssüchtiger Sonnyboy, den irgendwelche Herrschenden als Frontblödmann präsentieren können – wahlweise als Helden oder als zu Kreuzigenden. Nicht erst in modernen Zeiten läuft kein Heldenepos ohne Bürschchen dieser Sorte, auf dass auch während übelster Machtkämpfe dem gaffenden Volk die Idee des Guten in Form eines opferbereiten jungen Mannes präsentiert werden kann. Zero the hero. Der sowjetische Oberst Stanislaw Petrow, nur mal so als ein Gegenbeispiel, war am 26. September 1983 bereits 44 Jahre alt, konnte da also schon qua definitione kein Held mehr sein. Nun, ich komme auf ihn, diesen Petrow, weil der sich seinerzeit auch eigenmächtig einer militärischen Befehlskette widersetzt hatte.  


Zero the hero - während der Ehrung
Screenshot aus dem Black-Sabbath-Video


Da er kein Held ist, der Petrow – allein schon der Vorname: Stanislaw, ganz witzig – soll der Typ uns hier nicht weiter interessieren. Er hatte nämlich auch einfach nur nichts gemacht, damals, an diesem 26. September 1983. Das ist natürlich auch strengstens verboten, zum Beispiel dann, wenn es Vorschrift ist, etwas zu machen. Logisch. Der hätte nämlich auf den roten Knopf drücken müssen. Hat er aber nicht gemacht. Insofern fast so ähnlich wie etwa dreißig Jahre später bei unserem Prinz Edward: Gewissensbisse. Damit haben sich aber auch die Parallelen. Nichts tun kann schließlich jeder. Wie auch immer: am 26. September 1983 wäre den Deutschen um ein Haar die „Nachrüstung“ um die Ohren geflogen. Dass das nicht gut gehen konnte, war klar. Aber dass beinah schon Schicht im Schacht gewesen wäre, noch bevor die erste Pershing hierzulande aufgestellt war, kam dann doch etwas überraschend. Es waren halt alle ein wenig gereizt, damals. Nur Petrow, dieser Befehlsverweigerer, blieb cool und drückte nicht ab. Das ist vielleicht ein Held! Eher so eine Art Anti-Held, würde ich sagen. Jedenfalls hatte Stanislaw mit seiner Untätigkeit dafür gesorgt, dass die deutsche Rasse nicht in einem dritten Weltkrieg, den sie innerhalb von nicht ganz siebzig Jahren angezettelt hätte, ultimativ vom Erdboden verschwunden ist. Happy End, wenn Sie so wollen.  


Dennoch: absolut kein Stoff für eine Heldensaga. Die Story ist einfach zu langweilig (russischer Oberst macht nix, blöd). Und ihre Message passt niemandem, absolut niemandem, in den Spielplan. Den Amerikanern nicht, den Russen nicht, und den Deutschen sowieso schon mal nicht. Es ist zwar eine wahre Geschichte – sehr anschaulich dargestellt etwa in dem von mir so geschätzten deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel oder auch auf Petrows-Wikipedia-Eintrag. Allein: Wahrheit interessiert uns nicht. Wir wollen nämlich Politik machen. Und Heldengeschichten erzählen. Wie etwa die von unserem Helden Edward. Bei dem, nach den Idealbedingungen seiner Kindheit, aber auch wirklich gar nichts mehr schief gehen konnte. Als er 16 war, also 1999, hatte er schon angefangen, am Community College in Maryland Informatik zu studieren. Richtig so, allerdings nichts für einen richtigen Helden. Informatik ist interessant, kann aber auch langweilig werden. 2003 hatte Snowden junior die Faxen dicke und meldete sich für die U.S. Army, um in den Irak-Krieg zu ziehen. Es musste doch mal langsam etwas passieren. Doch blöd: manchmal kommt zu allem Unglück auch noch Pech hinzu. Trainingsunfall bei der Vorbereitung auf das große Kriegs-Abenteuer, beide Beine gebrochen, ausgemustert... - alles Scheiße! Was jetzt?! Der Auftrag! Held werden war angesagt!


Viele Jahre später: Edward Snowden
Ausschnitt aus Spiegel-Titel 4.11.13


Das Sein ist wichtiger als der Schein. Männliche Taten mussten getan werden, weibliche Worte dafür gefunden werden. Die Zeit drängte, der Junge war schon über 20! Jetzt aber los: Informatikstudium abgebrochen und zur CIA gewechselt. 2005 war das. Zero the hero, 22 Jahre alt, nichts gelernt, aber talentiert. So konnte er als Techniker im Bereich der IT-Sicherheit relativ schnell aufsteigen. Und dann lief das! Schon zwei Jahre später, also 2007, hatte Snowden ungehinderten Zugang zu geheimen Informationen und Überwachungsdaten der CIA. Recht schnell seien ihm, sagt er heute, Zweifel gekommen, ob das menschenrechtlich gesehen alles so ganz astrein sei, was CIA, NSA und Kollegen den ganzen Tag so machen. Ihm dürfte aufgefallen sein, dass diese Geheimdienste ganz geheim alle möglichen Daten sammeln. Und Recht brechen! Wie auch immer: sechs Jahre lang hatte sein Gewissen noch mit Müh und Not mitgespielt, 2013 ging es nicht mehr. Held werden war angesagt! Nun ist das in so einer Zentrale eines Nachrichtendienstes nicht viel anders als in einer Filiale einer Bank oder Sparkasse. Man kann ziemlich leicht Nachrichten bzw. Gelder klauen, die einem nicht gehören. Man kann Glück haben und – trotz Deal mit dem Feind oder Knarre in der Volksbank – durchkommen, ohne erwischt zu werden. Dann wird man aber kein Held. Bist Du jedoch einmal erkannt, kannst Du noch so viel Nachrichten, Geld, Knarren, Freunde oder sonstwas haben. Du kommst aus der Nummer einfach nicht mehr raus. Held Sein hat auch Schattenseiten.  


Werner Jurga, 07.11.2013



Zero the hero


You stand there captain and we all look, you really are mediocre

You are the champion in the Acme form book

But I think you're just a joker

Your facedown life ain't so much of a pity

But the luv-a-duckin' way you're walkin' around the city

with your balls and your head full of nothing

it's easy for you sucker but you really need stuffing


What you gonna be, what you gonna be brother

Zero the Hero

Don't you wanna be, don't you wanna be brother

Zero the Hero

When you gonna be, when you gonna be brother

Zero the Hero

Impossibility impossibolity mother really a Hero


Textauszug aus Black Sabbath: „Zero the hero“ aus dem Album „Born Again“ (1983)




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