Reine Selbstverteidigung


Waffen für Alle!


30. Januar 2016. Duisburg rüstet auf. Duisburg ist nämlich nicht dumm. In der Zeitung steht: „Mehr Duisburger bewaffnen sich“. Gekauft werden „Gaspistolen, Schlagstöcke und Alarmgeräte“. Verständlich. „Die Nachfrage nach Schreckschuss-Pistolen und Pfefferspray ist sprungartig gestiegen. Bei der Polizei gingen im Jahr bereits drei Mal mehr Anträge auf den kleinen Waffenschein ein als in den vergangenen Jahren zur gleichen Zeit.“ Das steht auch in der Zeitung und ist mehr als verständlich. Wenn man so liest, was so alles passiert. Sie lesen doch Zeitung, oder?! Na sicher, Sie dürfen natürlich nicht alles glauben, was in der Zeitung steht. Das ist ja klar. Aber „Lügenpresse“ - so pauschal formuliert geht mir das zu weit. Zum Beispiel: dass die „Duisburger nach den Silvester-Übergriffen aufrüsten“, wie es heute die WAZ schreibt - ja, das glaube ich!


Duisburg – das sagt doch schon alles! Gut, in der NRW-Kriminalstatistik 2014 nur auf einem Mittelfeldplatz. Darin immer wieder Grafiken, die Dortmund, Düsseldorf, Köln und so rot darstellen, die ländlichen Gebiete grün und Duisburg gelb. Kaum zu glauben! Wahrscheinlich haben nicht nur diese Presseverschwörer festgelegt, dass man nichts gegen Ausländer sagen darf, sondern auch die von der Polizei, dass Duisburg gut wegkommen muss. Ich sage nur: Marxloh! Die Polizeipräsidentin vermeldet „weniger Straftaten“ und eine „höhere Aufklärungsquote“. „Kriminalstatistik“ - ich sage lieber nix. Wer soll das denn glauben?! Die Duisburger schon mal nicht; die rüsten auf. Wie gesagt: verständlich. Es muss doch nur irgendjemand „Duisburgisierung“ sagen, und schon weiß jeder, was gemeint ist. Jedenfalls in etwa: Ausländer und so...


Aber man darf ja nichts sagen! Schweigekartell. Jetzt sagt die Duisburger Polizeipräsidentin, “Flüchtlingsstraftaten sollen auch als solche benannt werden“. Na, da bin ich aber mal gespannt! „Flüchtlingsstraftaten“ - was soll das eigentlich sein?! „Flüchtlingsstraftaten“ - ob damit wohl die „Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte“ gemeint sind? Die haben sich nämlich verfünffacht, schreibt jedenfalls „Die Zeit“: „Mehr als 1.000 Angriffe auf Flüchtlingseinrichtungen registrierte die Bundespolizei 2015. Besonders hoch ist der Anstieg bei Brandstiftungen und Gewalttaten. Schlimm ist das. Da muss man doch verstehen, dass nicht nur in Duisburg, sondern überall in Deutschland Waffen gekauft und Selbstverteidigungskurse gebucht werden. Reine Selbstverteidigung. Ich halte Amerika wirklich nicht für ein Vorbild. Aber in diesen schweren Zeiten...


Das wird doch alles immer schlimmer. Vor allem mit diesen „Flüchtlingsstraftaten“. Gestern haben sie eine entsicherte Handgranate auf eine Flüchtlingsunterkunft in Villingen-Schwenningen geworfen. Es ist wohl der mangelnden technischen Übung geschuldet, dass der Sprengkörper nicht hochgegangen ist. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte über den Handgranatenanschlag: "Also das ist wirklich unfassbar, dass jetzt schon mit Handgranaten - quasi mit militärischen Waffen - auf Asylsuchende losgegangen wird." Diese – etwas einseitige – Bewertung des Geschehens könnte sich aber noch als voreilig erweisen; denn, so die Süddeutsche Zeitung: „Ob der Anschlag wirklich auf die Flüchtlinge gerichtet war, daran gibt es noch Zweifel.“ Aha! Und warum? „Die Handgranate wurde in Richtung des Containers geworfen, in dem Sicherheitskräfte untergebracht sind.“


Die Leute in Villingen-Schwenningen mögen noch etwas ungelenk sein in militärischen Angelegenheiten. Aber sie haben Erfahrung in Sachen Fremdenverkehr. Wenn nämlich die Granate den Secutity-Leuten gegolten haben sollte, ließe sich von so einer Art Praktikum sprechen. Fortbildung sozusagen. Sollte der Sprengsatz jedoch für die Flüchtlinge bestimmt gewesen sein, wäre dieser – wenngleich gescheiterte – Versuch ein schönes Stück Schwarzwälder Willkommenskultur: eine gewohnte Atmosphäre schaffen! Sich fühlen wie zu Hause. Heimat in der Fremde. Wobei... - ganz so ungewöhnlich sind diese Bekundungen wahrer Freundschaft auch hierzulande nicht. Deutschland ist nämlich eine Kulturnation. Gut, im südwestlichen Zipfel klappt es noch nicht so richtig mit den modernen Sachen. Aber immerhin: der Wille ist da...


Dagegen im Rest der Republik... Deutschland ist richtig gut im Form. Echte Aufbruchstimmung. Es wirkt, als knüpfte das Land an seine besten Zeiten an. Als stünde Deutschland vor einem sagenhaften Comeback! Nicht nur wegen dieser blöden Flüchtlinge, auch sonst so. Die Menschen wehren sich wieder. Zum Beispiel gegen diese Politiker. „Die politisch motivierte Gewalt gegen Politiker“, kann das Fernsehmagazin „Panorama“ berichten, hat kräftig „zugenommen. Allein zwischen Oktober und Dezember gab es 25 Attacken gegen Bundestags- und Landtagsabgeordnete oder deren Büros. Die Angriffe sind meist politisch motiviert, die Täter stammen offenbar aus dem rechten Lager...“ ja, logisch! Rechte - und sie richteten sich im gesamten Jahr 2015 (75 Angriffe) vor allem gegen Linke (46) und Sozis (22), aber auch gegen Grüne, Konservative und Liberale.


Also: die sollen sich mal nicht so anstellen, diese Flüchtlinge! Es geht doch nicht nur gegen sie. Es geht gegen Asylbewerber und deren Helfershelfer (wenn Helfer etwas Bösem helfen, sind sie nicht einfach nur „Helfer“, sondern stets Helfer derselbigen). Es geht auch gegen Sozialarbeiter, Rotkreuz-Mitarbeiter und eben Politiker. Es geht gegen alle, die nicht so sind, wie es sich gehört. Gegen alle, die anders sind. Insbesondere gegen Schwule, ein tagtäglicher Abgrund an „Hasskriminalität“ mit einer erschreckend hohen Dunkelziffer. Zugegeben, das macht keine Angst (wenn man nicht ungünstigerweise gerade selbst schwul ist); deshalb muss sich keine Frau bewaffnen. Außerdem ist das ja heutzutage kein Thema mehr, ob jemand homosexuell ist oder sonst was. Das macht heute nichts mehr aus.


Heutzutage geht ja alles Mögliche. Heutzutage ist das alles Privatsache. Ja gut, wenn Sie jetzt aussehen wie so ein Kanake... - da machen Sie den normalen Leuten Angst. Das ist klar. Aber ansonsten können Sie machen, was Sie wollen. Sie können sogar Politiker sein. Anything goes. Die Kritik Andersdenkender müssen Sie dabei freilich einkalkulieren. Das gehört nun einmal in der Demokratie dazu. Dass dabei die Emotionen schon mal hochkochen... - mal ehrlich: das ist ja im Bundestag nicht anders. Heutzutage engagiert sich aber auch der kleine Mann auf der Straße. Und meistens kriegt der nicht einmal Geld dafür. Logisch, dass so einer nicht ganz so geschult ist, folglich etwas grobschlächtiger vorgehen muss. Aber, wie gesagt: er kann das machen, Sie können das machen. Freiheit für jedermann. Ein Traum ist wahr geworden.


Sie können sogar schwul sein oder sonst was. Wenn Sie unbedingt wollen. Nur: Sie sollten es nicht übertreiben, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Was Sie zuhause so alles anstellen, geht niemanden etwas an. Wie sich die Zeiten geändert haben! Es ist noch gar nicht so lange her, da war das total verboten. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen – das liegt nun aber schon etwas länger zurück: die Juden. Was sind die verfolgt worden – damals. Eine Schande! Heute dagegen: kein Problem. Wer Jude ist, ist halt Jude. Nur, auch hier gilt: nicht übertreiben! Religion ist Privatsache. In der Öffentlichkeit ist das so eine Sache. Gerade für Juden, das ist ja kein Wunder. Da fühlt sich manch einer schnell provoziert und reagiert über. Die Bilanz: knapp 1600 Straftaten gegen Juden, darunter Delikte wie Brandstiftung, Friedhofsschändung oder Misshandlung.


In einem Jahr, natürlich. Die Zahl hat Robert Kiesel am Mittwoch, den 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, online in der SPD-Zeitung Vorwärts genannt. „Was sich anhört wie ein Rückblick in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, ist deutscher Alltag. Allein im Jahr 2014 registrierten Sicherheitsbehörden knapp 1600 Straftaten gegen Juden, das entsprach einer Steigerung im Vergleich zu 2013 um 25 Prozent.“ Mehr als tausend Angriffe auf Flüchtlinge oder ihre Einrichtungen, mehr als anderthalb Tausend auf Juden oder ihre Einrichtungen. Tja, da haben die Juden ja wieder einmal eindeutig die Nase vorn. Man muss die Zahlen nicht vergleichen, darf es aber – auch wenn die Zahl der antisemitischen Angriffe aus 2014 stammt.


Robert Kiesel dazu: „Die Zahlen für das Jahr 2015 sind zwar noch nicht bekannt, mit einem Rückgang der Straftaten gegen Juden oder jüdische Einrichtungen ist jedoch nicht zu rechnen. Eher das Gegenteil ist der Fall: Weil viele aus Judenhass begangene Straftaten gar nicht erst an die Öffentlichkeit gelangen, dürfte ihre tatsächliche Zahl noch deutlich höher liegen.“ Ohnehin sind antisemitische Attacken nicht ganz so interessante Nachrichten. Verständlicherweise. Sie sind nicht neu, sie gibt es immer, sie gehören zu Deutschland wie das Eichenlaub oder die Germania. Seien wir ehrlich: auch was die Anschläge auf Flüchtlingsheime betrifft, hat der Gewöhnungseffekt längst eingesetzt. Gestern hatten sich die Täter im Schwarzwald richtig Mühe gegeben und sogar eine Kriegswaffe eingesetzt. Und doch: eine Randnotiz, mehr nicht...


Wildwestzustände, Anschläge, Terror... - wenn der Bürger nicht mehr sicher ist, wenn der Staat ihn im Stich lässt, nimmt er irgendwann seine Verteidigung selbst in die Hand. Ralph Giordano zum Beispiel hatte bereits im November 1992 nach den ausländerfeindlichen Brandanschlägen in Mölln und Solingen, bei denen drei Türkinnen - darunter zwei Kinder – starben, dem damaligen Bundeskanzler mitgeteilt, dass angesichts der unverantwortlichen Schwäche des Staates gegenüber den rechtsextremistischen Gewalttätern Juden in Deutschland dazu übergegangen seien, ihre Verteidigung gegen Angriffe in die eigenen Hände zu nehmen. Verständlich eigentlich... - allein: damals war einfach die Zeit noch nicht reif für eigenverantwortlich denkende Bürger, weshalb Giordano – aus heutiger Sicht unverständlicherweise – auch jede Menge Kritik einstecken musste.


Wie schön für uns Duisburger, dass uns in der heutigen – mindestens ebenso schlimmen – Situation deutlich mehr Verständnis entgegen gebracht wird. Gaspistolen und Schlagstöcke, Schreckschuss-Pistolen und Pfefferspray – Duisburger sind nicht dumm, und alles ist voll okay. Bleibt nur die Frage, was mit der Sicherheit der Flüchtlinge ist. Okay, die sind nicht so stark gefährdet wie die Juden, doch mitunter sogar noch stärker als die Duisburger. Auch die müssen doch wehren können! Den armen Teufeln fehlt leider auch das Geld, sich die zur Selbstverteidigung nötigen Waffen zu kaufen, weil es ihnen vom Staat, der sie nicht schützen kann, abgenommen wird. Deshalb mein dringender Appell an alle Gutmenschen: spendet endlich etwas Nützliches! Verteilt Pfeffersprays, Schreckschuss-Pistolen und alles, was sonst noch Eindruck macht, in den Flüchtlingszentren!


Werner Jurga, 30.01.2016




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