Kölner Silvesternacht


Unklare Sachlage


6. Januar 2016. Erst am Nachmittag des 4. Januar konnte die Öffentlichkeit erfahren, dass in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof in großer Zahl Frauen belästigt, sexuell bedrängt und beraubt worden sind. Und auch jetzt, gut fünf Tage später, ist noch nicht umfassend geklärt, was tatsächlich geschah in dieser Nacht. Im Zeitalter des Internet eine gefühlte Ewigkeit. Oder könnte man heute noch mit einem Beitrag über die Terrorwarnungen für München irgendjemanden hinter dem Ofen hervorholen?! Dagegen ist die Sachlage für Köln, wo sich tatsächlich irgendetwas ereignet hat, nach wie vor unklar. Nach wie vor werden tröpfchenweise neue Fakten bekannt. Dieses solide Fundament an Nichtwissen hindert freilich nicht daran, das fehlende Tatsachenwissen mit vermeintlichen Realitäten aufzufüllen und das auf diese Weise gewonnene Gesamtbild entsprechend zu interpretieren.


Es kann dabei nicht überraschen, dass die fehlenden Puzzleteilchen jeweils danach ausgewählt werden, dass sie die von vornherein feststehende politische Interpretation durch die selbstgeschaffene, zur Wahrheit aufgepumpten Spekulation bestens absichern. Auch das ist Freiheit im Netz. Alle Seiten machen munter von ihr Gebrauch. Besonders intensiv - auch das kann nicht überraschen – das Spektrum der besorgten Bürger, der Asylkritiker und Flüchtlingshasser, der Rechtspopulisten und Rechts-extremisten. Sie sollen uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren. Sie werden ohnehin die politischen Gewinner der Kölner Silvesternacht und ihrer medialen Aufbereitung sein, ganz unabhängig davon, wie entschlossen demokratische Politiker die Reaktion des Rechtsstaats mit aller gebotenen Härte ankündigen. Es wird ihnen nichts nutzen. „Wir ham die Schnauze voll“ ist die Parole der Stunde.


Zurück zur Faktenlage in Köln: wie war das eigentlich in der Silvesternacht am Hauptbahnhof und auf der Domplatte? Stellten die sexuellen Übergriffe „nur“ Ablenkungsmanöver“ dar, gleichsam das Entrée für den Diebstahl, dem eigentlichen Ziel des Überfalls? Oder war es genau umgekehrt? Waren die erbeuteten Smartphones „nur“ die kleine Zugabe zum substanziellen Projekt, nämlich Frauen zu erniedrigen? Der von mir geschätzte Blogger Heinrich Schmitz, hauptberuflich Strafverteidiger, legt sich fest. Ihm zufolge „wurden hier sexuelle Handlung ganz offenkundig von Trickdieben eiskalt genutzt, um die Opfer zu bestehlen – und nicht in erster Linie um sie zu `erniedrigen´.“ Weil solch steile These hier und dort Unmut erregen könnte, ergänzt Schmitz: „Das ändert nichts an dem Leid der Opfer.“ Sicherheitshalber wiederholt: „Wie gesagt, das ändert nichts an dem Leid der Opfer.“


Damit stellt sich Schmitz ausdrücklich gegen NRW-Innenminister Jäger, der behauptet hat, Männer-gruppen würden sich organisieren, „um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen“. Jägers Schluss gehe komplett am Thema vorbei, meint Heinrich Schmitz. Man darf annehmen, dass dies auf feministischer Seite ganz anders gesehen werde. Und richtig, man darf im Rechtsstaat so einiges, zum Beispiel auch: daneben liegen. Dinah Riese, frauenpolitische Redakteurin der linksalternativen tageszeitung, schreibt heute: „Es ging in erster Linie wohl um Diebstahl. Die sexuellen Übergriffe funktionierten als wirksame Ablenkung.“ Sieh an! Selbstredend auch hier: „Das macht es nicht besser, sie bleiben ein Angriff auf die körperliche Integrität der Frauen.“ Schon klar, es wäre wirklich etwas viel verlangt, von der taz-Feministin attestiert zu bekommen, dass sexuelle Übergriffe „besser“ werden, wenn sie zum Zwecke des Diebstahls erfolgen.


Aber immerhin: um Diebstahl ging in erster Linie, meint Riese. „Wohl in erster Linie“. Ganz so sicher wie Schmitz ist sich Riese nicht, ist aber genau genommen nicht so wichtig; denn: „Auf alkoholreichen Großveranstaltungen gehört es für Frauen seit jeher zur traurigen Realität, dass sie gegen ihren Willen angefasst werden.“ Wobei es sich hier freilich nicht um den Trick beim Trickdiebstahl handelt, sondern um sexualisierte Gewalt. Womit sich Dinah Riese den Weg frei argumentiert gegen das rassistische Zeug von AfD und Konsorten. Was erstens löblich ist und zweitens – wie bei Schmitz - das Motiv für die Einschätzung, dass es in der Silvesternacht „in erster Linie wohl um Diebstahl“ ging und „die sexuellen Übergriffe als wirksame Ablenkung funktionierten“. Was ich mich nur frage: warum um alles in der Welt wurden ausschließlich den Mädels die Handys und die Kohle geklaut und nicht den Jungs?


Die häufig vorhandenen männlichen Begleiter der weiblichen Opfer wurden, so wird zuverlässig berichtet, sogleich abgedrängt, damit sie ihren Freundinnen nicht helfen konnten. Die jungen Männer selbst waren für die Täter vollkommen uninteressant. Warum nur?! Haben ihre Geschlechtsgenossen mit dem völlig anderen kulturellen Background annehmen müssen, dass das mit der Gleichberechtigung hierzulande schon so schlimm sei, dass die Herren weniger Geld in der Tasche haben als die Damen? Dass wir armen Euro-Männer nicht einmal mehr ein Smartphone unser eigen nennen dürfen? Oder hatten die Herren aus Nordafrika und / oder (!) dem arabischen Raum schlicht keinen alternativen Trick auf Lager, das potenzielle Diebstahlopfer in geeigneter Weise abzulenken. Merke: wenn Du mit einigen Männern eine Einzelne oder einen Einzelnen umstellst, musst Du sexuell ablenken! Sonst kommst Du niemals an die Kohle.


Werner Jurga, 06.01.2016



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