Was für ein Jahr!


2015: Historisch?


17. Dezember 2015. „Historisch“, so ist allerorten zu lesen, jedenfalls hierzulande, sei es, dieses ausklingende Jahr 2015. „Historisch“, selbstverständlich wegen der Flüchtlingskrise. Obgleich der Zustrom von Flüchtlingen die Medien dieses Landes erst in der zweiten Hälfte dieses Jahres dominiert hat. Zuvor wurde er eher am Rande zur Kenntnis genommen, bis er erst im letzten Drittel des Kalenderjahres zum alles beherrschenden Thema geworden ist. Hierzulande. Wobei allerdings der Weg der vielen Menschen über die Balkanroute und deren Ankunft im gelobten Land Germany durchaus auch international große Beachtung gefunden hatte. Ob deshalb aber die Weltgeschichte dereinst das Jahr 2015 als historisch besonders bemerkenswert einstufen wird? Auch wenn dies heute nicht sicher prognostiziert werden kann, ist es kein allzu großes Wagnis, das Gegenteil vorauszusagen. Also: eher nicht. Wenn sich in den verbleibenden letzten beiden Wochen nicht noch etwas ganz besonders Außergewöhnliches ereignet, wird das Jahr 2015 in der Geschichte der Menschheit keinen Logenplatz zugewiesen bekommen.


Sei´s drum. Es muss ja nicht gleich immer die Geschichte der Menschheit sein; es gibt ja auch so etwas wie deutsche Geschichte. Man mag es betrüblich finden, dass die Erinnerung der jetzt 80 Millionen (Tendenz: fallend) nicht eins zu eins identisch ist mit derjenigen der jetzt 7 Milliarden, also 7000 Millionen (Tendenz: steigend). Aber so ist das. Seien wir also bescheiden oder – je nach dem – unbescheiden und begrenzen das Attribut „historisch“ auf die Geschichtsschreibung der relativ kleinen Gruppe! Auf die deutsche Geschichte. Auf die Geschichtsbücher der Nachfahren der gegenwärtig 80 Millionen. Wird wenigstens dort das Jahr 2015 dereinst als „historisch“ gewürdigt werden? Dies ist ganz unmöglich zu prognostizieren, und zwar aus mehreren Gründen. Denn wir wissen nicht, ob in den Jahren 2016 und 2017 usw. wieder eine Million Flüchtlinge in Deutschland eintreffen werden – oder sogar zwei Millionen oder nur ein paar Hunderttausend. Wir wissen auch nicht, welchen Lebensweg diese Menschen und vor allem deren Kinder gehen werden. Und vor allem wissen wir nicht, was sonst noch in 2016, 2017 usw. passieren wird.


Für sich genommen ist die Ankunft von geschätzt rund einer Million Menschen in der Bundesrepublik Deutschland nicht weiter bemerkenswert. Historisch gesehen, versteht sich. Na klar, die Organisation der staatlichen Instanzen ist stark gefordert, nicht selten auch überfordert. Ehrenamtliche Helfer sind am Ende ihrer Möglichkeiten. Die Neuankömmlinge werden in Turnhallen oder noch dubioseren „Aufnahmezentren“ gestapelt. Die Einheimischen beginnen, sich große Sorgen zu machen. Einige besonders Besorgte greifen die Neuen an oder setzen ihre Notbehausungen in Brand. Die meisten Deutschen bleiben jedoch hilfsbereit oder befürworten zumindest, dass die Neuen anständig behandelt werden. Gleichzeitig beschleicht sie aber auch ein Gefühl der Unsicherheit. Weniger wegen der von ihnen als Grund angegebenen vermeintlich zu vielen Fremden, sondern wegen der von ihnen in den Medien gemachten Beobachtung, dass der Staat, eigentlich ihr Staat, ein Problem nicht wie gewohnt gleichsam per Knopfdruck zu lösen in der Lage ist. Eine Minderheit, fast ausschließlich in den neuen Bundesländern, kündigt dem Staat ihre Gefolgschaft auf.


Das ist, schon für sich genommen, unappetitlich, allerdings nicht „historisch“. Die Integrationsprobleme deklassierender Teile der Bevölkerung in den neuen Ländern waren schon vor Beginn des „Flüchtlingszustroms“ hinlänglich bekannt. In den alten Ländern dagegen waren bereits lange zuvor wiederholt diverse rechtsradikale Gruppierungen in einzelne Landtage eingezogen, um dann nach einer, spätestens zwei Wahlperioden wieder hinauszufliegen. Sollte der AfD der Sprung in die (süd-) westdeutschen Landtage gelingen, wäre dies weder „historisch“ noch 2015. Sondern erst im Frühjahr 2016. Ob das Kalenderjahr 2016 „historisch“ zu nennen wäre, kann aber erst in einem Jahr halbwegs seriös diskutiert werden. An dem nun zu Ende gehenden Jahr ist m.E. jedoch nichts zu entdecken, was von besonderer, nämlich „historischer“ Bedeutung wäre. Eine Million Neuankömmlinge in einem Kalenderjahr? Ja, eine organisatorische Herausforderung und, wie dargelegt, teilweise auch eine Überforderung. Und ja, die anderen europäischen Länder weigern sich, Flüchtlinge aufzunehmen, was übrigens ein sehr schwerer Fehler ist.


80 Millionen Deutsche, in Relation zur Weltbevölkerung eine relativ kleine Gruppe, sind bezogen auf diejenigen, die zu uns kommen, eine ziemlich große Zahl. Die geschätzt eine Million Flüchtlinge machen nach Adam Riese etwas mehr als ein Prozent (1,25%) aus. Eine Zuwanderungsquote von 1,25% pro Jahr würde, auch wenn die Geburtenrate der Einheimischen jetzt um ein Fitzelchen gestiegen ist, längst nicht den Rückgang der Bevölkerungszahl aufhalten können. Dazu wären nach übereinstimmenden Schätzungen jährlich rund doppelt so viele Einwanderer erforderlich, also etwa zwei Millionen Leute bzw. eine Zuwanderungsquote von 2,5%. Damit wäre die ansässige Bevölkerung unter keinen Umständen einverstanden – also auch dann nicht, wenn „die Politik“ alle dafür erforderlichen Voraussetzungen bereit stellte (woran ebenfalls nicht zu denken ist). Offensichtlich ist schon die jetzt zur Debatte stehende Zahl von einer Million gefühlt zu hoch. In der Tat: eine Zuwanderungsquote von 1,25% ist recht hoch. Sog. „klassische“ Einwanderungsländer weisen eine Quote von 0,5% bis 0,75% pro Jahr auf.


Geschätzt eine Million Flüchtlinge sind 2015 in Deutschland angekommen. Das sind viele, „historisch“ ist daran aber gar nichts. Zur Stunde weiß niemand so ganz genau, wie viele es wirklich sind. Einige wurden doppelt gezählt, andere gar nicht. Niemand weiß, wie viele hier bleiben werden. Viele, das ist klar; aber gewiss nicht alle, das ist auch klar. Gehen wir von einer Million resp. 1,25% aus, so lässt sich sagen: es sind zu viele für die gegenwärtige Leistungsfähigkeit des staatlichen Apparats und zu viele für den Geschmack großer Teile der einheimischen Bevölkerung. Es sind zu wenige, um die Größe der hiesigen Bevölkerung auch nur annähernd halten zu können. Hinzu kommt, dass es ganz unabhängig vom Flüchtlingsthema noch andere Wanderungsbewegungen gibt: Menschen, die ganz legal zu uns kommen. Deutsche, die nach Jahren im Ausland zurückkehren. Aber auch Deutsche, die der Heimat den Rücken kehren, und Ausländer, die in ihre Heimat zurück- oder anderswohin weiterziehen. Im Kalenderjahr 2015 war der Saldoeffekt aus diesen Migrationsbewegungen stark negativ. Deutschland hat mehr als eine halbe Million Menschen verloren.


Nicht zu vergessen die „natürliche Bevölkerungsbewegung“ (Sterbefälle minus Geburten) – in den letzten Jahren immer so etwa ein Verlust von 200.000 Menschen. Ohne den „Zustrom“ der Flüchtlinge wäre Deutschland in diesem Kalenderjahr um fast eine Million Menschen geschrumpft (Migrationssaldo plus „natürliche Bewegung“). Die Neuankömmlinge haben den Bevölkerungsrückgang kompensiert. Vielleicht ein wenig überkompensiert, aber Genaues weiß man (noch) nicht. Es ist in jedem Fall ein Segen. Man stelle sich die Alternative vor: ein Rückgang der Population um etwa ein Prozent! Und dies womöglich Jahr für Jahr – hierzulande gern in das unscheinbare Wort vom „demographischen Wandel“ gepackt. Ja, auch ein stetiger Bevölkerungsrückgang kann, muss politisch gestaltet werden. Es ist nicht leichter, dafür aber deutlich schmerzhafter als das heute beklagte „Flüchtlingschaos“. Die Bürgermeister und Landräte müssten dann nicht mehr darlegen, wo ein Flüchtlingsheim entsteht. Dafür aber, wo was dichtgemacht wird. Und den städtischen Mitarbeitern: wer wann rausfliegt. Jahr für Jahr ein Prozent. Dagegen geschieht jetzt relativ wenig. Das ist doch nicht historisch.


Werner Jurga, 17.12.2015






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