Die SPD und die Begeisterung


Depressive alte Tante


11. Dezember 2015. „Nur wenn wir selbst begeistert sind“, hatte er ihr zugerufen, „können wir auch Andere begeistern!“ Da war sie begeistert, die alte Tante, und so trat ein, was er geweissagt hatte: auch die Menschen waren begeistert. Sie war stolz wie Oskar. Begeisterung, endlich! Wie lange hatte sie sich nach diesem schönen Gefühl sehnen müssen?! Bestimmt ein Vierteljahrhundert lang. Doch jetzt war es wieder so weit. Der Dicke weg, sie mal wieder am Drücker, und die Menschen begeistert. Zwar nicht unbedingt von ihr. Und ganz gewiss nicht von diesem Verführer, der sogleich, als sie tat, was getan werden musste, die alte Tante im Stich gelassen hatte. Eher schon von diesem Junior-Chef, der versprochen hatte, nicht alles anders, aber vieles besser zu machen. Von dem war sie allerdings niemals so richtig begeistert. Nun gut, er hat den Laden ganz ordentlich geschmissen und dafür gesorgt, dass die Familie wieder etwas zu melden hatte. Doch geliebt hatte sie ihn nie, diesen mit der kräftigen Lache. Wirklich geliebt hatte sie nur diesen untreuen Verführer.


Einsam und verlassen wurde aus Liebe Hass. Seither konnte sich die alte Tante für nichts und niemanden mehr so richtig begeistern. Folglich auch nichts und niemanden mehr begeistern. Hass macht hässlich, denkt sie sich. Sie mag kaum noch in den Spiegel schauen. Doch wann immer sie dennoch einen Blick wagt, sieht sie diese grässlichen 25 Prozent. 25 Prozent – eine Katastrophe, denkt sie sich. Sie zweifelt an sich selbst. Und weil sie an sich selbst zweifelt, zweifeln auch die Anderen an ihr. Junge Schnösel quatschen die Über-150-Jährige schräg von der Seite an: „25 Prozent, was sagen sie denn dazu?!“ Früher hatte sie etwas patzig geantwortet: „Ach Umfragen! Warten wir doch mal die Ergebnisse ab!“ Das geht aber nicht mehr, weil schon zweimal selbst das geduldigste Abwarten nicht geholfen hat. Jetzt sagt sie: „Ja, aber sehen sie sich mal die Landtagswahlen an!“ Was soll sie bloß sagen, wenn das demnächst auch nicht mehr geht? Die alte Tante darf gar nicht daran denken. Sie geht ihrer Arbeit nach, tapfer und verantwortungsvoll.


Zur Zeit sitzt sie in Berlin. Sie fühlt sich alt und verbraucht. Das darf natürlich niemand merken. Deshalb sagt sie: „Unser Land braucht Entscheidungen und neue Ideen, damit wir in einem starken Land sicher in die Zukunft gehen. Denn wir stehen an der Seite der vielen Frauen und Männer, die sich den Herausforderungen des Alltags stellen. Mit Engagement, Mut und Kompetenz.“ Das klingt fetzig; und dass sie „Deutschlands Zukunft“ als erstes mit dem Adjektiv „sicher“ an die Wand pinnt, das liegt eigentlich nicht so sehr an ihr. Es sind die Zeiten, und die sind halt so. Wahrscheinlich unsicher, jedenfalls ist Sicherheit das Gebot der Stunde, und die alte Tante geht mit der Zeit. „Mit uns zieht die neue Zeit“, singt sie gern. Die neue Zeit ist unsicher, glauben die Leute. Die neue Zeit ist unsicher für mich, glaubt sie. Wie könnte ich nur wieder sexy werden, fragt sie sich manchmal. Ob Leuten, die solche Angst haben, dass sie sich zuvörderst nach Sicherheit sehnen, überhaupt der Sinn nach Sex steht, fragt sie sich nicht. Nach einer ganzen Reihe flüchtiger Affären hat die alte Tante jetzt schon seit sechs Jahren diesen Neuen. Der ist etwas dicklich. Ob es daran liegt?!


Nein, das kann eigentlich nicht sein. Den Langzeit-Kanzler von der Konkurrenz mussten sie auf Staatsbesuchen immer mit dem Bus vom Rollfeld abholen. Die Leute hatten ihn trotzdem gewählt. Aber diese verflixten 25 Prozent nagen am Selbstbewusstsein der alten Tante. Sie träumt von dem Märchenprinzen, von dem Jungen auf dem weißen Pferd, der sie entführen möge aus diesem 20-Prozent-Ghetto. Oder noch besser: ein Mädchen. Eine kesse junge Genossin wie die Andrea oder die Manuela, die es der angeblich so unschlagbaren Angela von der Konkurrenz mal nachmacht. Wobei: Letztere ist mittlerweile ja ganz schön ins Schleudern geraten. Komisch eigentlich, dass die nicht bei uns ist, denkt sich die alte Tante. Komisch auch, dass die eine Politik macht, die, wenn man mal ehrlich ist... - Stopp: man könnte der über-150-Jährigen Dame das ein oder andere vorwerfen; aber nicht, dass sie nicht ehrlich wäre! Sie ist nicht gut drauf, etwas dünnhäutig geworden, Fachleute würden sagen: leicht depressiv. Dann nimmt man nicht alles adäquat wahr. Man übersieht selbst die schönsten Dinge des Daseins.


Die alte Tante weiß gar nicht zu würdigen, dass im Grunde alle Anderen so sein wollen wie sie. Gut, die FDP wollte nicht. Sie ist weg vom Fenster. Und klar, diese ganzen braunen potthässlichen Wutbürger und Hasskappen, einfach abstoßend! Die wollen hässlich sein. Doch jeder, der auch nur ein Fitzelchen auf sich hält, kopiert die ältere Dame, so gut er kann. Die aber übersieht in ihrer Fixierung auf diese 25 Prozent, dass dies im Vergleich zu ihren vermeintlich besseren Zeiten eine ganze Menge ist. Ja, in den 70er Jahren schaffte sie etwas mehr als 40 Prozent; aber Union und FDP zusammen kamen stets auf mehr als 50 Prozent. Daran ist heute erfreulicherweise gar nicht mehr zu denken. Dies war übrigens auch 2009 nicht der Fall – als sich die alte Tante nach dem Tiefschlag das Jubeln nicht verkneifen konnte. Keine Frage: da ging es ihr verdammt schlecht. Verglichen damit erfreut sie sich heute geradezu blendender Gesundheit. Sie ist zwar nicht „sexy“ - warum auch? Aber schön. Allein: sie glaubt es selbst nicht. Deshalb sieht sie es nicht, deshalb sehen es Andere nicht.


Nur wenn wir selbst begeistert sind, können wir auch Andere begeistern!“ 20 Jahre ist das jetzt her, dass sie auf diesen Verführer hereingefallen ist. Seither ist sie ernüchtert. Es sollte ihr eine Lehre sein, hatte sie sich vorgenommen, die alte Tante. Begeisterung – nicht mehr mit ihr! Sie hat ja gesehen, wohin so etwas führt. Und außerdem: warum sollte sie über sich selbst begeistert sein, wie könnte sie den Leuten Begeisterung über sich abverlangen, wenn die Anderen doch im Großen und Ganzen das Gleiche im Angebot halten wie sie selbst?! Ja klar, irgendwie bekommt sie schon mit, dass fast überall drumherum die gemeingefährlichen Hässlichen das Ruder übernehmen oder dabei sind, das Ruder zu übernehmen. „Das ist aber hässlich“, sagt sie dann. Das reicht ihr freilich nicht, um sich selbst schön zu finden. Und erst recht nicht ihren etwas dicklichen Freund. Der wird es sowieso nicht, denkt sie sich. Gestern hat der Junior-Chef mal reingeschaut. Nein, Lieben tut sie ihn immer noch nicht; aber der hatte was! Die alte Tante träumt von früher. Während sie ihrer Arbeit nachgeht, tapfer und verantwortungsvoll.


Werner Jurga, 11.12.2015




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