Abu Bakr al-Baghdadi
Kalif Ibrahim des Islamischen Staats


Sogenannt, selbsternannt, allerhand


Der Islamische Staat (IS)


25. November 2015. Endlich ist es so weit, endlich auch von mir ein paar Zeilen zum Islamischen Staat (IS). Zugegeben: es mag Autoren geben, die mehr vom IS verstehen als ich, die über mehr Sachkenntnisse über die Ziele, die Struktur und die Strategie des IS verfügen. Dafür kann ich Ihnen etwas bieten, was sonst niemand, so weit ich es übersehe, im Angebot hat. Ich nenne – ganz tabulos, wie man heute so sagt - den IS Islamischer Staat. Das heißt: ich verzichte auf den, wenn der Islamischer Staat erwähnt wird, obligatorischen Hinweis, dass es sich um einen „selbst ernannten“ handele. Oder um einen „so genannten“. Beide Wörter sind miteinander „übrigens eng verwandt“, worauf Deniz Yücel bereits im März 2014 aufmerksam gemacht hat – sprich: zu einem Zeitpunkt, als uns der IS bzw. ISIS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) noch völlig unbekannt war.


Die enge Verwandtschaft von „selbsternannt“ und „sogenannt“ resultiert dabei weniger daraus, dass beide Wörter sowohl zusammen als auch getrennt geschrieben werden dürfen, sondern rührt eher daher, dass sie „ Ausdruck einer halb trotzigen, halb neurotischen Realitätsverweigerung“ sind. Yücel: „Da gibt es etwas, das mir so nicht in den Kram passt. Weil ich es aber nicht beseitigen kann, verweigere ich ihm performativ die Anerkennung und schaffe es dadurch aus der Welt.“ Den sprachlich nicht ganz so Versierten steht darüber hinaus noch die Möglichkeit zur Verfügung, von der „Kurzversion, den politischen Gänsefüßchen, der stilistischen Waffe des kleinen Mannes“, Gebrauch zu machen. Das geht zwar nur im Falle schriftlicher Äußerungen; doch aus den Redaktionen der Zeitungen lässt sich der kleine Mann nicht verbannen.


Im Radio und im Fernsehen bleibt es allerdings den sprachlichen Florettfechtern vorbehalten, den Islamischen Staat mit sogenannten und selbsternannten Feinsinnigkeiten zu bekämpfen. Was aber wollen uns die Qualitätsjournalisten damit sagen? Beziehungsweise: was ist die Message, wenn sie in Schriftform den Islamischen Staat in Anführungszeichen setzen? Vielleicht: „Der IS ist scheiße.“ Nun gut, da wären wir ohne Gänsefüßchen oder „selbsternannt“ und „sogenannt“ gar nicht drauf gekommen. Nein, das kann nicht sein. Wer meint, sich derart plump distanzieren zu müssen, litte unter einer Abgrenzungsneurose. Ich denke eher, die Anführungszeichen bzw. der „so genannte“ sollen uns signalisieren, der Islamische Staat sei im Grunde gar kein islamischer Staat. Wäre dem so, würfe dies allerdings eine Reihe von Fragen auf.


Etwa: nicht islamisch oder kein Staat? Oder: was wäre denn ein richtiger islamischer Staat? Der schiitische Iran vielleicht, immerhin eine Islamische Republik? Freilich ohne Gänsefüßchen und selbst-verständlich nicht nur so genannt. Oder das sunnitische Saudi-Arabien? Unser strategischer Partner in der Region sowie Schutzmacht des Islamischen Staates. Wobei man sich in diesem Fall wiederum zu fragen hätte, warum und inwiefern die Mullahs und die Saudis islamischen Staaten vorstehen, der "selbst ernannte" Kalif Ibrahim aber nicht. Weil Bakr al-Baghdadi, so der „bürgerliche“ Name des IS-Chefs, Leute enthaupten lässt, eine expansionistische Politik betreibt und Terroreinheiten in westliche Länder entsendet? Nun gut, beim Iran liegt dies schon eine Weile zurück. Selbst die Enthauptung wird, obgleich in der Verfassung verankert, seit einiger Zeit nicht mehr vollzogen. Im Iran.


Doch dass Enthauptungen unislamisch seinen, lässt sich nun beim besten Willen nicht sagen. Aus der Kulturgeschichte der Enthauptung wissen wir, dass „obwohl sich die Männer dieses Stammes in Gefangenschaft befanden, sie enthauptet wurden; Kinder und Frauen wurden versklavt, Hab und Gut vereinnahmt. Die meisten Enthauptungen soll Ali, Schwiegersohn des Propheten Mohammed, vollzogen haben. Ali soll von den Enthauptungen so ermüdet gewesen sein, dass er das Schwert ständig von der einen in die andere Hand habe wechseln müssen. Der Prophet selbst soll das Geschehen von seinem Zelt aus beobachtet haben.“ Schwiegersohn Ali, also der, dem die Hand fast schlapp machte, ist die Leitfigur der Schiiten (Vormacht Iran), letztlich der theologische Grund für die Abspaltung von den Sunniten. Und Sunniten, also sowohl das Königshaus Saud wie auch der IS, verfahren exakt so wie überliefert.


Vielleicht wollen auch nicht alle, die das "Sogenannt" voranstellen, bezweifeln, dass der IS islamisch wäre. In vielen Medien geschieht zwar genau dies; doch genau so häufig wird auch bestritten, dass es sich beim Islamischen Staat um einen Staat handelt. Doch der Islamische Staat existiert – real, also: der IS ist ein real existierender Staat. Dies lässt sich von Syrien nicht sagen. Auch vom Irak nicht. „Failed States“, gescheiterte Staaten, zerfallene Gebilde, die zwar völkerrechtlich, also auf dem Papier existieren, die es aber real nicht mehr gibt, und die m.E. auch nicht wiederzubeleben sind. Der Islamische Staat dagegen hat alles, was ein Staat braucht. Das Territorium ist etwa so groß wie Großbritannien, also von beträchtlichen Ausmaßen. Dort leben etwa acht Millionen Menschen – ob freiwillig oder nicht, ist dabei für die Frage der Staatlichkeit kein Kriterium. Ausschlaggebend dafür ist das Vorhandensein eines monopo-listischen Gewaltapparates.


Staatliche Gewaltstrukturen sind ohne jeden Zweifel im IS präsent. Sie durchdringen dort jeden Winkel und exekutieren ein für die gegenwärtigen regionalen Verhältnisse relativ entwickeltes Justiz- und Sozialsystem. Dass der IS einen außergewöhnlich hohen Militarisierungsgrad aufweist, ist bekannt. Der IS verfügt über keine Kampfflugzeuge, jedoch über Raketen-, auch Luftabwehrsysteme, möglicherweise sogar über chemische Kampfstoffe. Seine „Verteidigungsfähigkeit“, besser: sein Angriffspotential ist unbestreitbar gegeben, das Gewaltmonopol im Inneren unangefochten. Es gibt zwar keine eigene exklusive Währung, doch die haben Euroländer bekanntlich auch nicht. Der IS ist in der Lage, das Finanzsystem im Lande recht engmaschig zu kontrollieren. Ziemlich ungewöhnlich im heutigen Staaten-system ist hingegen, dass der Islamische Staat keine festen Grenzen kennt.


In diesem Punkt erinnert der IS an den Hitlerfaschismus. Der gesamte Staatsapparat ist strukturell auf Expansion angelegt. Jakob Augstein zitiert den Londoner Terrorexperten Peter Neumann mit den Worten: „Der IS ist eine Beuteökonomie. Genau wie Nazi-Deutschland muss er immer neue Gebiete an sich reißen, um den Staat zu füttern.“ Damit geht einher, und darin setzt sich die Parallele fort, dass sich das gesamte staatliche Gebilde fest, streng und nahezu lückenlos in den Händen einer zu allem entschlossenen Bande von Schwerverbrechern befindet. Der IS ist grenzenlos, weil auch sein Ziel grenzenlos ist: die Weltherrschaft. Nach außen demonstriert dadurch, dass al-Baghdadi zeitgleich mit der Ausrufung des Kalifats, um nicht als räumliche Begrenzung missverstanden zu werden, die Umbenennung von Isis in IS bekannt gab. Der Islamische Staat hat sich vom Zusatz „in Syrien und im Irak“ verabschiedet.


Damit sind wir beim ebenso substanz- wie hilflosen Wort „selbsternannt“ angekommen. „Die Sinnlosigkeit dieses Wortes“, ich zitiere noch einmal Deniz Yücel, „erschließt sich – jetzt ein Supertrick, den Sie ruhig mal zu Hause bei einem anderen Wort ausprobieren können – aus der Umkehrung: Was ist das Gegenteil von `selbsternannten Freiheitskämpfern´?“ Nun gut, das mit den Freiheitskämpfern passt hier jetzt nicht mehr so richtig; aber daran sehen Sie, dass Yücel nun wahrlich nicht an den IS dachte, als er diesen Artikel schrieb. „Egal, wofür eine bewaffnete Truppe kämpft, fast immer gibt sie vor, für die Freiheit zu kämpfen.“ Sein „Supertrick“ funktioniert dennoch: was wäre das Gegenteil von „selbst ernannt“? „In freier und geheimer Wahl gewählte? Fremdernannte? Von den Vereinten Nationen oder der Föderation der Planeten bestimmte?“


Man stelle sich nur vor, zu welcher Hochform etwa ein Xavier Naidoo aufliefe, wenn die Bundesrepublik Deutschland nicht darauf bestünde, eine selbst ernannte zu sein. Wobei – aber bitte: erzählen Sie es diesem Spinner nicht! - die BRD in der Tat bei weitem nicht so selbsternannt ist wie der IS. Tatsächlich „gibt es keine objektive Instanz zur Anerkennung anderer Staaten, nicht einmal die Vereinten Nationen taugen dafür“, so Yücel. „Die Helden der einen sind die `Selbsternannten´ der anderen.“ Um nicht missverstanden zu werden: mir geht es keineswegs, wie offenbar einigen Vollpfosten von der DFG-VK, darum, den IS „anzuerkennen“. Im Gegenteil: mir geht es darum aufzuzeigen, dass mit der Abwertung des Islamischen Staats als „so genannt“ oder „selbst ernannt“, als „Terrormiliz“ oder gar als „Terror-gruppe“ eine m.E. völlig unverantwortliche Bagatellisierung einhergeht.


Der Islamische Staat ist nicht einfach eine Terrororganisation, er ist ein terroristischer Staat. Als solcher unterhält oder unterstützt er Terrororganisationen nahezu überall auf der Welt. Der IS ist, auch wenn von Wikipedia noch (?) als „ein dschihadistisches Staatsbildungsprojekt“ klassifiziert, ein Staat, eine Beute-ökonomie mit eigenem Territorium. Der IS nennt sich nicht nur Staat, er ist einer. Darin besteht ja gerade das Problem. Wer das verkennt, unterschätzt eine der größten Bedrohungen unserer Zeit Es besteht Anlass genug, den IS so zu nehmen, wie er sich selbst sieht. Nämlich als einen Feind, übrigens nicht nur der westlichen Welt, sondern jeglicher Zivilisation. Es besteht jedoch keinerlei Anlass, ihn mit irreführenden Zuschreibungen wie „so genannt“ bzw. „selbst ernannt“ oder mit einer – weil einen Teilaspekt für das Ganze nehmenden - unzutreffenden Bezeichnung wie „Terrormiliz“ zu verharmlosen.


Werner Jurga, 25.11.2015




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