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10 Jahre Merkel


Schicksalstage einer Kanzlerin


22. November 2015. Wie die Zeit vergeht! Seit zehn Jahren ist Angela Merkel jetzt schon Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Kein Sozialdemokrat war länger im Amt, im Kanzleramt, als sie; und von den anderen haben auch nur Adenauer und Kohl länger durchgehalten. Unter uns wächst eine Generation junger Deutscher heran, die sich gar nichts anderes vorstellen kann, als dass Merkel dieses Land regiert. Das hat vor zehn Jahren gänzlich anders ausgesehen. 2005 konnten sich allenfalls wenige – auch nur wenige eingefleischte Unionswähler – vorstellen, dass überhaupt eine Frau, geschweige denn diese Frau, Deutschlands Regierungschefin werden könnte. „Jetzt wollen wir aber mal die Kirche im Dorf lassen“, polterte ihr Amtsvorgänger am Abend der Bundestagswahl am 18. September 2005, “Sie glauben doch nicht im Ernst, dass meine Partei Sie...“


Doch Schröder seine Partei hatte Merkel am 22. November 2005 zur Bundeskanzlerin gewählt, und der Altkanzler hat seinen Auftritt in der Berliner Runde längst als „suboptimal“ bezeichnet. Frau Merkel regiert seither sachorientiert und unauffällig, heißt es – mal gemeinsam mit der SPD, mal mit der FDP, jetzt wieder mit der SPD... - und wenn die Grünen sich, wie zur Stunde auf ihrem Bundesparteitag, als regierungsfähig in Szene setzen, dann meinen sie damit selbstverständlich eine weitere Regierung unter Bundeskanzlerin Merkel. Das muss gar nicht ausgesprochen werden, das ist sonnenklar. Dass Merkel Vorsitzende der CDU ist, wird nicht ausgesprochen. Das weiß zwar jeder, ist aber dafür wiederum nicht ganz so klar. Merkel ist keine Konservative, glaubt man jedenfalls. Genaueres weiß man nicht. Bei den Grünen nicht, in CDU und CSU nicht. Niemand kann das wissen.


Es ist logisch, dass so etwas gut ankommt. Keine Ideologien mehr und sowas. Deshalb ist Merkel absolut unschlagbar. So unschlagbar, dass ein sozialdemokratischer Ministerpräsident den Vorschlag machte, die SPD solle am besten gleich auf die Aufstellung eines Kanzlerkandidaten verzichten. Das ist – Sie werden staunen – gerade einmal vier Monate her. Man kennt das: ist irgendetwas ganz besonders spannend, vergeht die Zeit wie im Flug. Und hier beginnt das Problem: wie auch immer man über Merkels Regierungsstil denken mag, spannend ist er nicht. Im Gegenteil, und das ist keine Denunziation, sondern sozusagen Merkels Markenzeichen: ihr Regierungsstil ist langweilig. Präziser: totlangweilig. Passend zu ihrer Rhetorik und passend – sorry, es ist wirklich nicht denuziatorisch gemeint! - zur ganzen Person. Das ist Merkels Erfolgsrezept.


Dies wird verständlich, wenn wir statt des ein wenig negativ konnotierten Begriffs der Langeweile den Ausdruck „Sicherheit“ verwenden. „Sicherheit“ - das ist es! „Sicherheit“ - die Sehnsucht der Deutschen, und zwar nicht nur derjenigen im klassischen Wählerklientel der Union gefangenen, sondern auch derer, denen es vor Klimawandel und Genfood graut, sowie derjenigen, die sich um ihre Gehälter oder Renten sorgen, weil die Griechen und Konsorten unser ganzes Geld verprassen. Merkel redet nicht viel, und wenn, dann nichts Spektakuläres. Merkel macht keine Show, sie macht ihren Job. Dagegen kommt keiner an. Nicht bei diesen Deutschen. Im Grunde bei niemandem auf dieser Welt, schließlich wollen es letztlich alle Menschen genauso oder zumindest fast genauso gut haben wie wir. Merkel ist gesetzt! Kanzlerin auf Lebenszeit. Respektiert, geachtet oder gar bewundert überall auf der Welt.


Doch – oh böser Fluch! - genau an dieser Stelle wird aus der mächtigsten Frau der Welt urplötzlich deren schwächste. Wie dereinst bei Siegfried das Lindenblatt die Schwachstelle zwischen den Schulterblättern verursachte, wie – noch ein Ideechen zuvor – Achilleus´ Ferse verwundbar blieb, weil seine göttliche Mama ihn ja irgendworan, nämlich genau dort, festhalten musste, während sie den Knirps in den Fluss hielt, so droht nun Mutter Merkel vom Strom der Habenichtse und Bedrängten dieser Welt erfasst und in den Abgrund gerissen zu werden. Merkels Problem ist dabei nicht der düstere Vollhorst mit den schlechten Manieren. Merkels Problem ist, dass ihre Langeweile nur so lange enthusiasmierend wirkt, solange sie das Gefühl von Sicherheit verbreitet. Das ist viel verlangt, zu viel. Die Verdammten dieser Erde lassen sich nicht stoppen. Und einer Merkel ließe man Schaumschlägerei nicht durchgehen.


So schaltet Angela Merkel auf stur. Es sind ja nicht nur die bajuwarischen Unholde und die braunen Horden aus dem Osten, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass Mutti, wie Merkel von den Eingeborenen schon lange vor den unerwünscht Einreisenden genannt wurde, endlich mal wieder eine kleine Pirouette in ihre Langeweile schiebt und eine 180-Wende aufs Parkett legt: „Liebe Landsleute, die verheerende Situation hat mich zum Umdenken gezwungen. Ab sofort sind unsere Grenzen dicht.“ Erfolgsgeschrei auf der Pegida-Demo, Ekstase an den Biertischen im Hofbräuhaus, anerkennende Worte von SPD-Landräten, und Cem Özdemir erklärt, wieso Realpolitik Realpolitik heißt. Allein: Merkel wird’s nicht machen. Und warum? Weil es nicht geht. Wie bitte? In Ungarn geht’s doch auch? Kunststück: da will ja auch niemand hin.


Merkels Politik ist alternativlos. Ein Attribut, auf das sie seit einiger Zeit verzichtet, weil erkannt worden ist, dass es sich dabei um die etwas gefälligere Version des Schröder´schen Basta handelt. Doch die Politik der offenen Grenze ist tatsächlich alternativlos. Es sei denn, man nähme in Kauf, dass der andernfalls sich bildende „Rückstau“ den gesamten Balkan plus Griechenland plus der Türkei aus den Angeln hebt. Dies kann niemand in Kauf nehmen. Folglich werden auch weiterhin viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Dadurch wird zwar dieses Land nicht aus den Angeln gehoben, dafür aber Merkels nahezu unnachahmlicher Regierungsstil. Schaumschlägerei lassen ihr die Deutschen nicht durchgehen. Wenn schon das Unvermeidliche auf sie einprasselt, nämlich Veränderungen, dann wollen sie wenigstens Geschichten dazu erzählt bekommen.


Die Sozialdemokraten könnten sie den Deutschen bieten. Schöne Geschichten. Denkbar ist aber leider auch, dass den Germanen nicht danach der Sinn steht, sondern dass sie ganz andere Geschichten hören wollen. Solcherlei weniger schöne Geschichten könnte ihnen nicht einmal die blonde Julia aus der Pfalz bieten, an die der Cicero gerade denkt. Dies wiederum dürfte sich auch der ungehobelte Horst aus dem Bayernland gedacht haben, der diese Herkulesaufgabe freilich nicht dem (zweifellos zu) alten Schwaben im Rollstuhl überlassen mag. Deswegen, ja deswegen musste er auf dem CSU-Parteitag Kohls Mädchen nach Strich und Faden zusammenstauchen. Gut, er hatte den Überraschungseffekt auf seiner Seite und das Mikrofon in der Hand. Aber was hätte sie schon erwidern sollen?! „Jetzt wollen wir aber mal die Kirche im Dorf lassen. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass meine Partei Sie...“ - Das war damals nicht gut ausgegangen. Vielleicht jetzt besser die Opfernummer. Viel Glück, Frau Merkel!


Werner Jurga, 22.11.2015



Siehe auch: Schicksalstage, freie Meere, einfach mal Abhauen (xtranews, 7. Juni 2010)


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