Warum protestiert eigentlich niemand

gegen Frankreich


20. November 2015. Eine Woche liegt sie nun zurück, die barbarische Anschlagsserie in Paris. Der Schock sitzt noch tief. In Frankreich, selbstverständlich. Aber auch hier bei uns in Deutschland. Schließlich ist Frankreich Deutschlands Nachbarland – und zwar nicht irgendein Nachbar, sondern der Nachbar. Ohne die Achse Paris-Berlin (ehedem: Paris-Bonn) gäbe es keine Europäische Union, ginge nichts in der EU. Insofern ist ein Angriff auf Frankreich auch ein Angriff auf uns. Solidarität mit Frankreich muss uns eine Selbstverständlichkeit sein – zumal: ohne Frankreich wären wir nicht wir. Unsere Art zu leben, von den Dschihadisten ins Visier genommen, ist nur deshalb verteidigenswert, weil sie wesentlich vom französischen savoir vivre beeinflusst ist. Frankreich ist unser Partner und unser Gegenpart, ohne den die deutsche Dominanz in Europa schlicht unerträglich wäre. Erinnern wir uns an die Eurokrise, die nicht überwunden, sondern nur von den aktuellen Dramen überdeckt ist! Es ist Frankreich, das das Risiko Deutschland einigermaßen einzugrenzen in der Lage ist.


An der barbarischen Anschlagsserie heute vor einer Woche in Paris gibt es nichts zu relativieren. Wer sich als Gefühlsaristokrat aufspielen möchte, indem er auf Beirut oder Ankara, Nigeria oder Syrien verweist, outet sich nicht nur seine Gefühllosigkeit, sondern darüber hinaus den von Grund auf unpolitischen Charakter seines Denkens. „Paris“ ist eine Zäsur. Zwar hat Sigmar Gabriel Recht mit seinem Hinweis, der Satz „Nach Paris ist alles anders“ sei „der falscheste“, weil nach Paris nichts anders sein dürfe. Aber Gabriel weiß freilich, dass sich dieser Terrorakt „im Kern gegen die Idee von Freiheit und Selbstbestimmtheit eines Lebens“ richtete. Er galt allen Menschen, die diese Freiheit leben und hinter dieser Idee des Zusammenlebens stehen. Die politische Klasse, die Leitmedien, die Netzgemeinde und auch die normalen „Menschen auf der Straße“ teilen durchweg Sigmar Gabriels Appell: „Deswegen ist es auch die Aufgabe, die wir miteinander haben, unser Leben und diese Ideen zu verteidigen“. Umso mehr verwundert es, dass niemand die Stimme erhebt und gegen die skandalösen Vorgänge in unseren großen westlichen Nachbarland protestiert.


Dabei wird über die Vorgänge in Frankreich in allen Medien breit und ausführlich berichtet. Und zwar nicht nur über die Fahndung nach den islamistischen Terroristen und deren Erfolg („Neutralisierung“) vorgestern im Pariser Vorort St. Dénis. Sondern auch und gerade über die Formierung der französischen Gesellschaft im Innern, über die Pariser Initiativen im Rahmen der EU und über die außen- und militär-politischen Schritte Frankreichs auf internationaler Ebene. Alles ist „der Politik“ und der Öffentlichkeit bekannt, doch niemand schreitet ein. Schlimmer noch: niemand sagt irgendetwas. In Frankreich selbst ist der Ausnahmezustand „zunächst“ auf drei Monate verlängert worden. Keine Demonstration anlässlich des Klimagipfels, dafür anlasslose Hausdurchsuchungen ohne richterlichen Beschluss mitten in der Nacht. Die EU-Partner sind um militärischen Beistand gebeten worden und brav gefolgt, freilich ohne zu wissen, was Paris genau vorhat. Dabei hat Frankreich sich an die EU und nicht an die NATO gewandt, um andere Partner wie etwa Russland nicht von gemeinsamer Kriegsführung abzuhalten.


Man relativiert nicht die barbarische Anschlagsserie vor einer Woche in Paris, wenn man fragt, wie die Reaktion hierzulande ausgefallen wäre, wenn Putin auch nur annähernd ähnlich reagiert hätte. Zur Erinnerung: keine zwei Wochen „vor Paris“ hatte der IS ein russisches Flugzeug über dem Sinai mit einer Bombe an Bord zum Absturz gebracht. 224 Menschen kamen dabei ums Leben, unschuldige Badeurlauber. Wer einwendet, immerhin seien diese Menschen nicht von Angesicht zu Angesicht massakriert worden, dem sei gesagt, dass Russland auch damit schon grässlichste Erfahrungen gemacht hatte. Und dennoch: Putin wäre niemals eine „Reaktion“, wie wir sie von Hollande sehen, ohne irgendeinen kritischen Kommentar durchgegangen. Übrigens auch den Amerikanern nicht. Auch wenn es in den USA seit einiger Zeit nicht mehr zu vergleichbar verheerenden islamistischen Anschlägen wie letzte Woche in Paris gekommen ist und Obama für eine relativ „weiche“ Linie steht – man möchte sich nicht ausmalen, was hierzulande los wäre, würden die Amerikaner so durchknallen wie dereinst Bush jun. oder heute Hollande.


Warum darf Frankreich, was Amerika oder Russland im Traum niemals dürften? - Ich weiß es nicht. Ich phantasiere, es könnte daran liegen, dass den beiden Großmächten ohnehin -  also auch, wenn sie gerade vom Terror heimgesucht wurden, bösartige Absichten unterstellt werden, während das kleine, vermeintlich unschuldige Frankreich für das Gute in der Welt steht. Die USA, so ist zu lesen, trügen ohnehin die Schuld am ganzen Chaos in der arabischen Welt. Und für Russland sei die „Waffen-brüderschaft“ mit Frankreich ein „willkommener Anlass“, von der völkerrechtswidrigen Ukraine-Politik abzulenken. Es ist wahr: Staaten haben Interessen. Sie sind an sich weder gut noch böse, sondern verfolgen ihre Ziele. Dabei machen sie Fehler, die USA ganz offensichtlich mehr als andere. Staaten verstoßen mitunter auch gegen das Völkerrecht, wenn sie anderswo unerlaubterweise militärisch eingreifen. Frankreich ganz offensichtlich mehr, viel mehr als alle anderen. Das Chaos in der arabischen Welt ist übrigens nicht nur eine Folge der von den USA angeführten Invasion in den Irak, sondern vor allem ein Resultat des „arabischen Frühlings“. Hier jedoch hatte Frankreich die führende Rolle.


Werner Jurga, 20.11.2015





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