Helmut Schmidt am 4. Dezember 2011 auf dem SPD-Parteitag
(Redetext: Bild anklicken)


Helmut Schmidt

23. Dezember 1918     † 10. November 2015


10. November 2015. Nicht mit ihm! Nicht mit Helmut Schmidt! Dieser Kelch ist an ihm vorübergezogen. Oder hat er ihn vorüberziehen lassen? Schon ab Mai 2016 ist der Verkauf von Mentholzigaretten in Deutschland komplett verboten. Dabei sieht die entsprechende EU-Richtlinie eine Übergangsfrist bis 2020 vor. Aber diese Bürschchen, die sich heutzutage Politiker nennen! Er konnte sich über diese Versager oder – noch schlimmer – Gesundheitsapostel nicht aufregen. So sehr man - bzw. Frau (Maischberger) – ihn damit auch provozieren wollte: „Was machen Sie denn dann, Herr Schmidt, wenn...“ „Abwarten“, hatte er dann geantwortet – mit einer abfälligen Handbewegung, die so abfällig war, wie eine Handbewegung nur sein kann. Nein, nicht mit ihm! Helmut Schmidt ist heute im Alter von 96 Jahren gestorben.


In diesem Alter hat man nun einmal die Zeit nicht auf seiner Seite. Helmut Schmidt hat zwar das heutzutage fast allerorten bestehende Rauchverbot für eine „vorübergehende gesellschaftliche Erscheinung" gehalten. Ein Trend aus Amerika sei auf die in Deutschland ohnehin schon bestehende „übermäßige Regulierungswut“ getroffen. Bei den gegenwärtig aktiven Politikern habe zudem die deutsche „Paragraphengläubigkeit“ Züge einer „psychischen Epidemie“ angenommen. Kein Wunder; schließlich sei das, was sich in Deutschland „Debattenkultur“ nennt, von vorn bis hinten „hysterisch überhitzt“. Nicht mal ganz locker „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“, wie seine Kolumne bei der von ihm mit herausgegebenen Wochenzeitung Die Zeit hieß. Sondern immer große Visionen im Kampf gegen den Weltuntergang. Wer Visionen hat, beschied Helmut Schmidt kurz und bündig, solle zum Arzt gehen.


Helmut Schmidt war Bundeskanzler von 1974 bis 1982, den Jahren meiner politischen Sozialisation. Ich war 1974, im Alter von 16 Jahren, in die SPD eingetreten – allerdings keineswegs seinetwegen. Nach fünf Jahren, also etwa im Zenit seiner Kanzlerschaft, bin ich – nicht zuletzt auch seinetwegen – wieder ausgetreten. Was konnte ich mich über diesen Typen aufregen! 1. Mai 1980, Hamborner Altmarkt, DGB-Kundgebung, es spricht der Bundeskanzler: „Wenn wir nicht nachrüsten, wird es uns nicht anders ergehen als Afghanistan!“ Selbstverständlich wusste Schmidt nur zu genau, dass das, um es mit einem seiner Lieblingsbegriffe zu sagen, Blödsinn war, was er da ins Mikrofon brüllte. Aber im Frühjahr 1980 war die im Dezember 1979 auf seine Anregung hin von der NATO beschlossene „Nachrüstung“ noch nicht das Thema der Massen, und im Herbst standen Wahlen an. Warum also nicht?!


Nein, ich war kein, wie ich damals leicht abschätzig zu sagen pflegte, Helmut-Schmidt-Fan. Ich hatte gegen ihn und seine Politik demonstriert... - und mir dabei zugleich kräftig etwas vorgemacht. Wie ich soeben im Fernsehen gehört habe, ist es Thomas Oppermann ganz ähnlich gegangen. Wir hatten als Jusos gegen Helmut Schmidt demonstriert und ihn dabei gleichzeitig bewundert. Wir waren gewiss nicht die einzigen, und es werden nicht nur junge Sozialisten gewesen sein, denen es so ergangen ist. In einem Land, in dem schon zu seiner Amtszeit sich – zumindest – die Erwachsenen darüber einig waren, dass es ihnen niemals besser ergangen sei als „unter Schmidt“. Den sie dafür liebten, dass er 1962 bei der Sturmflut in Hamburg Hunderte Menschenleben dadurch gerettet hatte, dass er sich über die deutsche „übermäßige Regulierungswut“ und „Paragraphengläubigkeit“ einfach mal so hinwegsetzt hatte.


Na sicher, das war gut. Der einsame Held, der Paragraphen Paragraphen sein lässt, und damit sozusagen auf eigene Kappe Hunderte Leute rettet. Wer wollte das denn nicht?! Nur die Deutschen mit ihrer Sehnsucht nach dem starken Mann... - die war einem dann doch suspekt. Und so bewunderten wir – also Oppermann und ich und gewiss noch viele andere – Helmut Schmidt klammheimlich. Wir rauchten natürlich keine Mentholzigaretten, sondern richtige Zigaretten. So Individualistenmarken wie Marlboro oder Camel, oder noch besser: Kippen ohne Filter oder gleich selbstgedrehte. Ich hatte mein Idol sogar kopiert. Es war einfach zu köstlich, wie er in der TV-Diskussionsrunde drei Tage vor der Bundestagswahl 1976 einen längeren Text zum „Modell Deutschland“ vorgelesen und vorgeschlagen hatte, diesen zur Grundlage der Debatte zu nehmen. Und der andere Helmut, also der Kohl, sich, wie beabsichtigt, gnadenlos aufregte.


Bis Helmut Schmidt dann die Quelle seines Textes preisgab: ein Buch, als dessen Autor Helmut Kohl angegeben wird. Das fand ich dermaßen klasse, das musste ich unbedingt nachmachen, und so mussten ein paar Jährchen später meine studentenpolitischen Mitbewerber als Opfer für meine Helmut-Schmidt-Bewunderung herhalten. Na klar, die Nummer brachte jede Menge Beifall, aber keine neuen Freunde. Ich hatte das Gefühl, diese Art von Umgang mit anderen Menschen sei irgendwie als arrogant und überheblich, als schroff und verletzend empfunden worden. Es ist besser, wenn man sich aus dem politischen Tageshickhack heraushalten kann und stattdessen hin und wieder seine freie unabhängige Meinung zu den wirklich wichtigen Dingen äußern darf. Auch dies meine ich, mir von Helmut Schmidt abgeguckt zu haben. Es ist ungleich wichtiger, als mit Helmut Kohl Männekes zu machen.


Helmut Schmidt wurde von der SPD am 4. Dezember 2011 ein letztes Mal zu ihrem Parteitag in Berlin eingeladen und gebeten, dort eine längere, wenn man so will, Grundsatzrede zu halten. Schmidts Thema war - wie hätte es anders sein können?! - Europa. Dabei gab er uns – uns Deutschen, nicht nur den Sozialdemokraten – dies mit auf dem Weg: „Wenn wir Deutschen uns verführen ließen, gestützt auf unsere ökonomische Stärke, eine politische Führungsrolle in Europa zu beanspruchen oder doch wenigstens den Primus inter pares zu spielen, so würde eine zunehmende Mehrheit unserer Nachbarn sich wirksam dagegen wehren. Die Besorgnis der Peripherie vor einem allzu starken Zentrum Europas würde ganz schnell zurückkehren. Die wahrscheinlichen Konsequenzen solcher Entwicklung wären für die EU verkrüppelnd. Und Deutschland würde in Isolierung fallen.“


Richtig wir uns danach! Immer.


Werner Jurga, 10.11.2015





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