Es spiegelt volle Kanne

Born Again


Dienstag, 5. November 2013. Ich kann es kaum erwarten, dass der Briefträger kommt“, hatte ich Ihnen gestern mitgeteilt. Sie wissen schon: Ich wartete auf die neue Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins Der Spiegel, das sich mit der fett auf der Titelseite präsentierten Forderung „Asyl für Snowden“ an die Spitze der Befreiungsbewegung gesetzt hat. Unter der dicken Parole deutlich dezenter das Zitat: „Wer die Wahrheit ausspricht, begeht kein Verbrechen“. Darunter, ganz feierlich, die Quellenangabe: „Edward Snowden, Moskau, 1. November 2013“. Alles auf der Titelseite. Alles – wahrscheinlich überflüssig zu erwähnen – nicht gedacht als hintergründige Ironie oder gar als bräsige Comedy, sondern der ganz normale deutsche Wahnsinn in bierernster Pose. Dennoch – oder deshalb, man kann immer nur vor den Kopf gucken: den Hintergrund zum seitenfüllenden Snowden-Porträt bilden die Stars and Stripes, garniert mit zwei Demo-Schildern. Den Kopf des schwarzen US-Präsidenten umrahmt der originelle Spruch: „Big Brother is watching you“ - sozusagen die Diagnose des Problems. Das andere Schild bietet die entsprechende Therapie: „Whistleblower gesetzlich schützen!“ Nochmal: das alles ist kein Witz! Das heißt: ja schon. Unfreiwilliger Witz, so nennt man das für gewöhnlich. So etwas passiert. Man wird dann in aller Regel ausgelacht.  


In Deutschland lacht niemand. Ich würde auch tunlichst davon abraten. Denn wenn es um wirklich wichtige Sachen geht, neigt der an und für sich ganz ulkige Teutone urplötzlich zu einer rigorosen Humorlosigkeit. Und bei der Asyl-Forderung für Snowden geht es um eine wirklich wichtige Sache. Um die Grundlagen von Demokratie und Menschenrechten, zumindest schon einmal. Man kann es aber auch noch anders, pathetischer, feierlicher usw. usf. ausdrücken. Glauben Sie nicht, dass es im Spiegel mit den ersten sechs bis acht Artikeln auf den anfänglichen zwanzig Seiten getan wäre. Sehen Sie sich das Inhaltsverzeichnis genau an! Viele weitere Artikel verteilt über das ganze Heft; die Sache ist wirklich wichtig. Und dennoch – kein Grund die Demokratie über Bord zu werfen und den Meinungspluralismus aufzugeben: wer genau hinschaut und liest, zwischen den Zeilen liest (!), kann feststellen, dass es sogar in dieser eminent wichtigen Frage hier und dort Nuancen gibt. Ganz feine Nuancen, aber immerhin. Okay, nun nicht gerade auf den Seiten 143, 144 und 145 dieses Heftes. Das dürfen Sie auch nicht erwarten; denn hier werden Kurzstatements zur Angelegenheit dokumentiert. Klar, das macht ganz differenzierte Betrachtungen natürlich unmöglich. Da müssen Sie Verständnis für haben!  


51 Prominente aus Kultur, Politik und Gesellschaft unterstützen den Whistleblower“, schöne Sache. Das Thema bildet die Unterüberschrift, darüber ganz dick die Schlagzeile: „Unbedingt Asyl für Edward Snowden!“ Gut, wenn es so um das ganz Grundsätzliche geht, kann und darf es freilich keine zwei Meinungen geben. Trotzdem wäre es eine lohnenswerte Aufgabe, sich die Zitate der versammelten deutschen Prominenz im einzelnen vorzuknöpfen. Schriftsteller, Intellektuelle, Politiker, Kabarettisten – Geistesblitze noch und nöcher. Ein regelrechtes Gewitter. Geistesblitzgewitter. Ich könnte etliche Artikel dazu schreiben. Okay, nicht gerade 51; manchmal ist nur zu vernehmen: „Snowden ist ein Held“. Dieser Gedanke ist etwas redundant, da müsste ich Abstriche machen. Aber so auf 30 bis 40 Reflexionen über den tiefen Gehalt der zur Asylforderung drängenden Forderung brächte ich es schon. Das jedoch wäre für Sie ein Ideechen zu viel, und schlimmer noch: für mich. Es wäre auf die Dauer nicht auszuhalten. Wenn Sie sich im Selbstversuch vom Gegenteil überzeugen möchten, bitte sehr: kaufen Sie sich das Heft! Ich muss Sie aber warnen: was erwachsene Menschen, denen gemeinhin der Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte attestiert wird, denen teilweise gar Denkerstatus zuerkannt wird, so alles von sich geben... - passen Sie bitte auf sich auf!  


Das Beste wäre aber ohnehin, Sie verzichteten auf den Kauf dieser nationalen Propagandabroschüre. Es ist wirklich alles ziemlich niveauloser Brei, der bis zum Erbrechen breit gerührt wird. Ich will mir hinterher nicht auch noch von Ihnen vorwerfen lassen, für dieses Jubelblättchen der deutschen Heimatfront geworben zu haben. Klipp und klar: ich werbe nicht, ich warne. Andererseits will ich Ihnen, liebe aufgeklärten Leserinnen und Leser, keine Vorschriften machen, was Sie zu lesen und was Sie zu meiden haben. Machen Sie doch, was Sie wollen? Ja, und ich?! Was mache ich jetzt? Nun, ich könnte mich jetzt ja mal mit etwas Anderem beschäftigen. Zumal ich Ihnen just am Wochenende einen Neustart in den Neuanfang  versprochen hatte. Ich versprach, dass „wir uns im schönen November auch wieder den schönen Dingen widmen“ - Duisburg, Koalitionsverhandlungen und so Sachen. Bei mir breitete sich die Einsicht aus: „Es gibt nämlich wahrlich noch etwas Anderes als dieses blöde Deutschland-Bashing.“ Einsicht oder Selbsttäuschung? Hoffnung? Geben die jetzt Ruhe, nur weil Mutti klargestellt hat, dass sie nicht mitziehen wird, wenn die Lemminge die Gorch Fock klar machen wollen, um die Freiheitsstatue zu beballern. Ja, es gibt noch etwas Anderes als dieses blöde Deutschland-Bashing, allerdings nichts Wichtigeres.


Cover "Born Again" - Black Sabbath 1983

Meine nächsten Beiträge werden sich mit der Frage befassen, warum sie glauben, tun zu müssen, was sie tun. Sie, das sind der Herr Snowden – den kennen Sie ja bestens – und der Herr Brinkbäumer. Ein Spiegel-Redakteur, den ich Ihnen neulich vorgestellt hatte, weil der so couragiert den Herrn Assad interviewt hatte. Der erklärt nämlich auf zwei gut gefüllten Seiten (28 / 29), welche politischen Absichten der Spiegel mit diesem Kampagnenjournalismus verfolgt. Zwei Seiten, die sich wirklich gelohnt haben. Ein ziemlich aufschlussreicher Essay. Titel: „Die bösen Absichten“. Na, von wem wohl? Gewiss wird der Spiegel dieses Pamphlet bald online stellen; aber wer weiß schon wann?! Und was den Herrn Snowden betrifft: haben Sie sich schon einmal seinen Wikipedia-Eintrag angesehen? Können Sie ja mal tun! Ich werde zusehen, dass ich diese beiden Texte zügig fertig habe. Ich muss aber um Verständnis dafür bitten, dass ich jetzt zunächst einmal etwas abschalten muss. Ich werde mir das 1983 erschienene Born-Again-Album von Black Sabbath anhören. Und ansehen; dazu gibt es nämlich einige Videos. Ich meine jetzt allerdings nur das Video des Stücks Nummer 7 des Born-Again-Albums. Es heißt “Zero the hero”. Okay, das ist freilich Hard-Rock, also nicht jedermanns Sache. Verstehe ich. Wenn Sie Lust haben, können Sie sich aber den Text ansehen. Oder den neuen Spiegel lesen...  


Werner Jurga, 05.11.2013




Fortsetzung: Zero the hero (07.11.2013)




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