29. Oktober 2015. Bei dem folgenden Artikel handelt es sich um einen – redaktionell geringfügig überarbeiteten - Diskussionsbeitrag Patrick Gelhausens im Rahmen einer Facebook-Diskussion über die russische Intervention in Syrien. Er wendet sich gegen einen geradezu romantisierenden Blick auf die Motive der russischen Führung. Bemerkenswert ist die ebenso knappe wie nüchterne Analyse der Bürgerkriegssituation und die daraus resultierende Perspektive für das Gebiet, das heute noch Syrien heißt. Dr. Patrick Gelhausen ist Sozialdemokrat und lebt in Siegen.

Werner Jurga, 29.10.2015



Bildquelle: Wikipedia



Patrick Gelhausen über die russische Intervention in Syrien:


Militärschläge für die „Aufteilungslösung“



28. Oktober 2015. Im Internet werden russische Artikel gepostet, die von großartigen Siegen der Regierungstruppen berichten, dass der IS in Scharen desertieren würde etc. etc.. Realistischer ist die Einschätzung, dass die Russen - wie so viele vor ihnen - einen Guerillakrieg in unbekanntem Gelände und gegen den Rückhalt der Bevölkerung nicht mit einem Militärschlag auf einen Streich für sich entscheiden werden. Syrien brennt lichterloh, und das alles ist weit, weit von einem Ende entfernt. Russland hat dort mehr bekommen, als es bestellt hat.


Auch die Behauptung, Russland habe wohl am ehesten ein Interesse daran, dass der Syrien-Konflikt gelöst werde, trifft nur mit einer ganz wesentlichen Einschränkung zu. Russland hat ein Interesse daran, dass der Konflikt in seinem Sinne gelöst wird. Eine Lösung, die den Fall des Assad-Regimes bedeuten würde, wäre für Russland natürlich eine geopolitische und geostrategische Katastrophe. Und zwar in weit größerem Ausmaß für als die Amerikaner, wenn diese sich (weiterhin) mit Assad arrangieren müssten. Darum setzt Russland jetzt auch alles auf eine Karte, um Assad zu halten. Es ist kein Zufall, dass die Russen in dem Moment eingegriffen haben, als Assad kurz vor dem Zusammenbruch stand. 


Die Annahme, dass von Assads bzw. von russischer Seite eine Verhandlungslösung anvisiert werde, wird von mir geteilt. Jeder weiß - auch Assad und die Russen -, dass das "alte Syrien" gone forever ist. Assad wird nicht vergessen, dass ihn die halbe Armee verraten hat. Die Syrer in den Oppositionsgebieten werden nicht vergessen, dass Assad mit Artillerie, Fassbomben, Chemiewaffen und den "üblichen" Gräueln wie Folter und Hinrichtungen gegen sie vorgegangen ist. Ein "Reicht euch die Hände und macht weiter wie vorher" gibt es in Syrien nicht mehr.


Hinzu kommt, dass die Kurden auch ihr Kurdistan in Nordsyrien nicht mehr ohne weiteres irgendeiner syrischen Zentralregierung unterstellen werden, und dass es mittelfristig erst einmal unmöglich sein wird, den IS vollständig aus den (ehemaligen) syrischen Gebieten zu drängen. Assads Truppen sind zu schwach, um Syrien zu halten. Realistischerweise können sie ohne die Russen, die irgendwann auch wieder abziehen müssen, allenfalls einige Kernpunkte halten - etwa so wie die irakische Armee einen Ring um Bagdad halten kann. Der Rest wird von der jeweils lokal präsenten Gruppe dominiert.


Es wird also auf eine Lösung mit einem prorussischen "Rumpfsyrien" hinauslaufen, entweder unter Assad selbst oder einer ähnlichen prorussischen Regierung, die von eben den Russen und den schiitischen Kräften in der Region (z.B. Iran) gestützt wird. Der Rest wird an Kurden und an die syrische Opposition gehen - gestützt vom Westen und sunnitischen Mächten wie Saudi Arabien und der Türkei. De facto wird man auch eine Weile mit dem IS rechnen müssen. Beim Eingreifen Russlands handelt es sich um den Versuch, die Kosten für Assads Sturz möglichst hoch zu treiben, mit dem Ziel, dass die Kräfte, die hinter der Opposition stehen, sich mit dieser Aufteilungslösung arrangieren.


Das wäre dann das, was man noch am ehesten einen Verhandlungsfrieden nennen könnte. Freilich mit einem völlig zerrissenen und auch in Zukunft konfliktgeplagten Syrien. Die Alternative wäre das Experiment einer Einheitsregierung: Assad ginge ins Exil, die Internationalen Partner (Russland, NATO etc.) arbeiteten zusammen, um Syrien (ohne IS-Gebiete) zu stabilisieren und freie Wahlen zu ermöglichen. Dieses "neue Syrien" versuchte, die verschiedenen Interessen und Parteien so gut es geht unter einen Hut zu bringen (etwa nach dem Vorbild Tunesiens), und dann begännen der lange Prozess des "Nation-Buildings" und der zähe Kampf gegen den IS. Auf diese Variante wird sich Russland freilich niemals einlassen.


Patrick Gelhausen, 28.10.2015






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