E-Mail von Bernhard Becker*:

Brief an einen arabischen Freund



Mittwoch, 21. Oktober 2015. Ich hatte durch meine Mitarbeit in der SPD einen jungen Mann kennengelernt, der aus Nordafrika stammt und heute woanders studiert, so dass wir uns leider nur sporadisch sehen. Bei unserem letzten Treffen gingen wir jedoch etwas im Streit auseinander, weil er – obwohl arabischer Linker, der Žižek und Badiou zitiert – der Auffassung war, die Juden in Israel seien ein „europäisches Problem“ und hätten den Nahen Osten wieder zu verlassen. Weil ich seitdem nichts mehr von ihm gehört habe, schrieb ich ihm diesen Brief.

Bernhard Becker


Lieber xxx,


nachdem unser letztes Gespräch etwas abrupt geendet ist, wollte ich mich mal wieder melden. Denn ich kann verstehen, dass das Palästina-Problem für Dich eine schmerzliche Angelegenheit ist – gerade heute dachte ich wieder daran, als ich in der Zeitung las, dass im Mittelmeer ein leckes Boot mit syrischen Flüchtlingen von Seglern aus Israel gerettet wurde. Als sie erfuhren, wer ihre Retter waren, fiel man ein­ander um den Hals – so weit, so gut. Denn das eigentliche Problem ist in meinen Augen ja nun nicht, dass die einen Araber, also Muslime oder Christen sind und die anderen wohl Juden, sondern dass die einen mit einem miesen Kahn unterwegs waren, um ihr nacktes Leben zu retten, die anderen aber vermutlich auf einer fröhlichen Freizeittour unterwegs.

So erklärt sich auch, warum in Deutschland die Flüchtlinge zumeist herzlich aufgenommen werden, in Ungarn aber wie Staatsfeinde behandelt. Wir sind nämlich weißgott keine „besseren“ Menschen als die Osteuropäer, haben aber unsere Lektionen gelernt: zum einen, dass das Wachstum und der Wohlstand unseres Landes von Zuwanderung (und nicht von Abschottung) abhängt. Dennoch fehlt es hier mittlerweile nicht an „linken“ Verschwörungstheorien, dass Frau Merkel die ganze Sache nur durch-gezogen habe, um der Industrie die dringend benötigten Nachwuchskräfte zu verschaffen oder den ihr von der SPD aufgenötigten Mindestlohn wieder zu kippen. In Duisburg kommen jedenfalls jeden Tag 30 neue Asylsuchende an und mit Ausnahme einiger Spinner – die es nun überall gibt – läuft die Sache ja auch überraschend gut ab: selbst wenn alle hierblieben, käme ein Zuwanderer auf ca. 80 Eingesessene.


Zum anderen – das ist die zweite Lehre – könnte man sich einmal versuchsweise vorstellen, wir Deutschen würden uns in dieser Sache so verhalten wie einige im Osten oder die arabische Welt nach 1945. Denn die Zahl der Juden, die seinerzeit nach Palästina wollten, war geringer als die der heute allein in Deutschland lebenden Muslime. Und die zweite Auswanderungswelle aus dem arabischen Raum war ja nicht die Folge von „Zionismus“, sondern einer seit der Gründung des Staates Israel massiv einsetzenden (und vorher dort unbekannten) Judenfeindschaft.

Doch selbst, wenn sämtliche Juden aus aller Welt (allein in New York leben mehr als in ganz Israel) plötzlich „heimkehren“ wollten, läge das Verhältnis der ethnischen Gruppen im Nahen Osten wohl noch unter dem, was für das heutige Deutschland mittlerweile als „normal“ gilt.Überlegt man nun, warum das, was bei uns möglich ist, für die damalige (und wohl auch heutige) arabische Welt völlig undenkbar wäre, käme man auf die eigentlichen Ursachen: Europa hat (mit ein paar verspäteten Ausnahmen) den Faschismus hinter sich. Und das ist bekanntlich die gewaltsame Antwort der obsolet werdenden reaktionären alten Eliten auf die spezifischen Folgen der Funktionsdifferenzierung (vulgo Kapitalismus genannt):

  • kein reservierter besserer Platz mehr für den eigenen Nachwuchs und ein dank
  • Technologie massenhaft anwachsender „Ausschuss“ Unqualifizierter, die nicht einmal
  • mehr zur Ausbeutung gebraucht werden, sondern heute höchstens noch als verführbare Konsumenten (oder Wähler) Verwendung finden.


In solcher Lage – die sich in Teilen der Welt bereits seit dem Mittelalter abzeichnete – wird für diese Menschen uninteressant, welche Weltanschauung (gegen wen oder was auch immer!) „siegreich“ gewesen sei, sondern wichtiger, wer den Abgehängten und Ausgegrenzten überhaupt Möglichkeiten zur Inklusion bietet. Soweit es das Christentum betrifft, bedurfte es dazu jedenfalls nicht erst eines Papstes Franziskus – obwohl Einsichten sich von „unten“ nach „oben“ immer nur langsam, dafür allerdings gründlicher durchsetzen.

Die islamisch geprägte Welt hatte 1945 diese Phase noch vor sich, und dass man es endlich hinter sich hätte, ließe sich bis heute vielleicht gerade einmal für die Türkei sagen – wenn es gut geht, in ein paar Jahren auch für Tunesien. Wäre man ein Zyniker, kamen die Juden den arabischen Politikern als „Zionisten“ also gerade recht, um innere Schwächen mit äußeren Gegnern zu entschuldigen: denn ohne einen „Feind“ geht es nicht: im Iran ist es daher der „Große Satan“ USA, und die Araber machen – als hätten Syrien und Ägypten mit ihrer missglückten Vereinigung nicht längst eigene Inkompetenz gezeigt, eine moderne Politik zu gestalten – nach wie vor die Kolonialmächte oder den „Verrat“ der Briten nach dem ersten Weltkrieg verantwortlich. Alle aber, wie Tom Lehrers Lied zur „National Brotherhood Week“ zeigt, brauchen sie offenbar „die Juden“:

Oh, the Protestants hate the Catholics

And the Catholics hate the Protestants,

And the Hindus hate the Moslems,

And everybody hates the Jews.


But during National Brotherhood Week…

It's National Everyone-Smile-At-One-Another-Hood Week.

Be nice to people who

Are inferior to you.

It's only for a week, so have no fear;

Be grateful that it doesn't last all year!


Was im Westen aber nur als harmlose Heuchelei erscheint (laut René Girard eine der unvermeidlichen Nebenwirkungen des Christentums: alle wollen jetzt plötzlich Opfer sein, oder zumindest festan ihrer Seite stehen – jedenfalls, solange die Kamera läuft), ist von Marokko bis Pakistan beinahe noch echte Massenaktion: Analphabeten werden von ihren studierten Ausbeutern über die Existenz dänischer Provinzblätter aufgeklärt, in denen der Prophet beleidigt wurde, Geschichten über GIs, die den Koran angeblich als Zigarettenpapier (oder Schlimmeres) benutzt hätten, machen bis zum Hindukusch ihre Runde; Fernsehprediger verkünden die amtlich gesicherte Auffassung Mohameds zu nabelfreien T-Shirts oder wie man das Internet halal nutzt etc. Das alles zeigt jedoch vor allem eins: hier bricht unaufhaltsam eine ganze Welt zusammen – und würde es auch dann, wenn Hitler sämtliche Juden erwischt hätte, Salman Rushdie Salafist geworden wäre oder die Wallstreet sich seit Jahrhunderten an Koran & Scharia orientierte.

Denn wie „der Antisemi­tis­mus der Sozialismus der dummen Kerls“ ist, so unsere leidvolle deutsche Erfahrung, ist der arabische Anti­zionismus auch nur ein hilfloser Reflex auf das unabwendbare Faktum einer weltweiten Globalisierung. Meinst Du denn, wir würden in Europa nicht auch gerne so wie „früher“ leben: ohne schwarze Drogendealer im Stadtpark, amerikanische und russische Atombomben, Selbstmordattentäter aus aller Welt oder einer Arbeitsplatzgefährdung durch Billiganbieter aus Fernost? Was Deutsche nach Auschwitz unter Schmerzen gelernt haben, ist jedoch nicht nur platter Philosemitismus oder simulierter Unterwerfungsreflex gegenüber Israel, sondern vor allem, dass jeder, der uns hier „Erlösung“ verspricht, entweder ein Narr oder Lügner ist.


Sicher ist das nur eine Seite dieser Tragödie, und ich habe auch etwas weggelassen: das Leid der zu Unrecht vertriebenen Palästinenser. Doch zum einen – ich wiederhole es, weil es nämlich eine bittere Lektion enthalten könnte – gab es damals etwa ebenso viele geflüchtete und vertriebene Deutsche, die wir aber nicht, „um die Frage politisch offen zu halten“ (so Dein trauriger Erklärungsversuch!) längs der polnisch-tschechischen Grenze in Lager sperrten und mit Waffen und Hasspredigern versorgten, sondern in dem ausgebombten Land mit uns wohnen und arbeiten ließen. Glaubst Du etwa, man hätte Dich, als Du zu uns kamst, (oder Flüchtlinge heute aus Eritrea, Nigeria oder sonst woher) willkommen geheißen, wenn wir so gehandelt hätten wie die „arabische Welt“? Als neulich Tausende von Muslimen nicht Richtung Mekka, sondern lieber zu „Mutti“ Merkel pilgerten, fragten sich – so eine geniale arabische Karikatur – zwei Saudis vor ihrem Fernseher: „Was haben wir nicht, was die dort haben?“ und die Antwort darauf lautete: „Flüchtlinge aus Syrien“.

Eine weitere Seite – die Dich allerdings zu Recht nur wenig tangieren dürfte – ist die fatale Regression der jüdischen Kultur seit der Gründung des Staates Israel. Hier sind die Linken und Aufgeklärten, die einst eine bessere Welt schaffen wollten, längst in der Minderheit gegenüber einem jüdisch/christlich/islamischen Rigorismus, den das „Heilige Land“ offenbar so magisch anlockt wie ein Kadaver die Fliegen. Fundamentalis­mus ist nämlich eine Krankheit, so Luhmann, die gerade jene zu befallen droht, die sie zu bekämpfen vorgeben – und der „Jude“, den Hitler und andere in ihren Träumen zusammenphantasierten, läuft im Westjordanland ja nun tatsächlich Amok: als Moses-, Elias- & „Elvis-Imitator auf dem Weg zu sich selbst“ (Dank für die Formulierung Dank an Max Goldt). Denn so wie alle anderen haben sie ihre Deppen und Fanatiker. Doch ist das nach so viel Nahostkriegen und Intifadas nicht alles immer nur noch schlimmer geworden?


Von daher erscheint aus meiner philosophischen Sicht der Imperativ Jesu, seinen Feinden zu verzeihen und wenn dich einer ohrfeigt, notfalls auch „die andere Wange hinzuhalten“, keine sentimentale Nostalgie aus der Zeit, „als das Wünschen noch geholfen hat“, sondern todernste Realpolitik. Für die alten Kreuzritter war die Eroberung des Tempelbergs nämlich auch deshalb unverzichtbar, weil das „jüngste Gericht“ – und der damitzugleich eingeleitete Weltuntergang – angeblich nur in einem von „Ungläubigen“ befreiten Jerusalem stattfinden könne. Bereits damals fanden viele diese Welt also offenbar so unerträglich, dass sie ihr Ende einfach nicht abwarten mochten, sondern bewusst herbeiführen wollten. Und daran hat sich, fürchte ich, gerade in der heutigen Welt unter den Alleingelassenen aller Glaubensrichtungen nicht viel geändert.


In diesen Sinne: ¡No pasarán!

Gruß BB



* Bernhard Becker lebt in Duisburg-Neudorf. Diverse Arbeiten zur politischen Philosophie. Herausragend ist seine religionsphilosophische Studie „Über die Grenzen von Glauben und Wissen: Warum ich an Gott glaube“.
Landtverlag in der Mauskriptum Verlagsbuchhandlung




Seitenanfang