25 Jahre Deutsche Einheit

Der Sommer ist vorbei



Samstag, 3. Oktober 2015. Es ist, wie jedes Jahr am 3. Oktober, Nationalfeiertag. Der Tag der Deutschen Einheit. Und es ist, ebenfalls wie jedes Jahr, am 3. Oktober, längst kein Sommer mehr. Wobei, das Wetter dieses Mal: herrlich! Altweibersommer. Irgendwie ist der Sommer noch zu spüren. Aber das deutsche Sommermärchen, das ist definitiv vorbei. Klare Kiste, wir kennen das schon von 2006: deutsche Sommermärchen dauern vier Wochen, maximal. 2006 unbefangener Nationalismus, Fußballparty, die Welt zu Gast bei Freunden. Das Gute an Gästen: sie gehen wieder. Sogar freiwillig. Und noch besser: seither, also nach der WM in Deutschland, durften endlich auch wir wieder, was alle Anderen sowieso schon immer durften. Flagge Zeigen, Hymne Singen – auf Dauer siegt die Gerechtigkeit. Eigentlich immer... 


Das wissen aber noch nicht alle. Und nicht alle haben so eine große Geduld wie wir. Zum Beispiel die deutsche Teilung. Was war das doch für eine Ungerechtigkeit! Nur weil wir den Krieg verloren hatten... - übrigens: bei der „deutschen Teilung“ wird „deutsch“ klein geschrieben, bei der „Deutschen Einheit“ groß, selbstverständlich. Aber das nur nebenbei. Entscheidend war: wir hatten die Geduld. 40 Jahre, 45 Jahre, manche von uns hatten selbst nicht mehr dran geglaubt, dass dieses Unrecht doch mal überwunden wird. Doch auf Dauer siegt die Gerechtigkeit. Vor 25 Jahren war es aber dann so weit. Zack: Wieder-vereinigung. Sozusagen ein Geschenk, das uns in den Schoß gefallen ist. Man muss nur ein wenig Geduld haben. Hat aber nicht jeder. Leider. Zum Beispiel all diese Flüchtlinge, diese Millionen und Abermillionen...


Ich will gar nicht bestreiten, dass bei dieser Flüchtlingswelle zumindest auch teilweise die Ungerechtigkeit eine gewisse Rolle spielt. Wissen wir doch aus eigener dunkler Erfahrung: nicht jeder Krieg ist gerecht. Und dann diese verfluchte Armut. Auch die ist nicht immer gerecht. Sicher: viele lungern den ganzen Tag nur rum. Aber wir wollen ehrlich sein: manche sind auch richtig am Hungern, obwohl sie sich nichts Schöneres vorstellen könnten, als in einer ganz normalen Firma (zum Beispiel einer deutschen) mal so richtig reinzuklotzen. Das ist natürlich ungerecht... also: dass selbst Arbeitswillige hungern müssen. Nur: wirtschaftliche Not ist, so leid es mir tut, kein Asylgrund. Wissen viele von denen aber gar nicht. Und was die erst recht nicht wissen: Geduld ist angesagt. Auf die Dauer siegt die Gerechtigkeit.


Daran denken wir heute am Tag der Deutschen Einheit. Und das können wir all den Ungeduldigen mit auf den Weg geben. Denen, die ihren Weg in unserem Deutschland machen dürfen. Und erst recht auch denenjenigen, die wir, weil Armut kein Grund ist, wieder nach Hause schicken müssen. Geduld Leute, wer Arbeiten will, findet auch Arbeit. Geduld Leute, kein Krieg dauert ewig. Auch der Syrienkrieg ist mal zu Ende. Da steht doch jetzt schon kein Stein mehr auf dem anderen, und das nach gerade einmal drei oder vier Jahren. Der Zweite Weltkrieg hat immerhin sechs Jahre gedauert. Da wurden wir ausgebombt. Da ist auch die Zivilbevölkerung bombardiert worden; trotzdem ist da niemand abgehauen. Flüchtlinge und dingsbums... äh: Vertriebene. Ja, das gab es hier auch alles. Aber doch erst nach dem Krieg...


Na ja, Geduld – so etwas kennen die gar nicht. Die kennen nur wir. Diese Südländer haben ja auch eine ganz andere Mentalität. Wahrscheinlich ist deswegen auch in der heutigen Zeit da unten noch überall Krieg. Wer weiß?! Muss uns aber auch nicht unbedingt interessieren. Heute schon gar nicht; denn heute wird gefeiert. 25 Jahre Deutsche Einheit. Ein Geschenk, das wir uns reichlich verdient hatten. Jahrzehntelang hatten wir gezeigt, dass wir auch Demokratie können. Also wir im Westen. Demokratisch bis zum Gehtnichtmehr. CDU und SPD immer schön abwechselnd – je nachdem, wer gerade von der FDP den Zuschlag erhielt. Verfassungsfeinde hatten nicht die Spur einer Chance. Kommunisten durften nicht einmal Briefträger werden, geschweige denn Lokführer. Wir hatten unsere demokratische Reife zur Genüge bewiesen.


Dennoch – auch dies soll hier und heute nicht verschwiegen werden – hatte uns das Ausland das Geschenk der Deutschen Einheit vergönnt. Doch wir – anstatt dann sofort auf Großmacht zu machen – hatten uns uns auch weiterhin ganz schön zurückgehalten. Wenn es nach der Wiedervereinigung irgendwo mal Trouble gegeben hatte, reichte ein kleiner Hinweis auf diese blöde Nazigeschichte, um deutsches Blut zu schonen. Logisch, dass das nicht ewig gutgehen konnte. Zumal: wer stets nur meint, der Klügere gäbe nach, ist am Ende der Dümmere. Sind wir aber nicht! Es war das Ausland, das mit der Mäkelei angefangen hatte, wir Deutsche müssten langsam mal mehr Verantwortung übernehmen. Unter uns: das läuft doch alles astrein. Bei der Wiedervereinigung hatte der Franzose noch zur Bedingung gemacht, dass wir fest in Europa eingebunden sein müssten.


Und heute, 25 Jahre später?! Wahnsinn! Genau wie damals: Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn! Die Flücht-lingswelle überschwappt ganz Europa. Ein Geschenk des Himmels. Die Süd- und Südosteuropäer haben freilich – ganz satzungsgerecht ihrer Arschkarte verpflichtet – versucht, die Dämme höherzuziehen und die Welle abzuwehren. Das war aber angesichts der Masse der Ungeduldigen zwecklos. Mit den Dämmen ist die europäische Satzung zusammengebrochen. Mutter Angela hat gesagt „Kommt alle!“, worauf nicht nur die Ungeduldigen mit Liebeserklärungen antworten. „Wenn sie nur Französin wäre“, schwärmt das führende Blatt des westlichen Nachbarn, und auch die anglo-amerikanischen Medien sind außer sich vor Rührung ob unserer überschäumenden Willkommenskultur.


Wahnsinn! Gut, dass das Ausland sich nicht darin verbissen hat, dass nach wie vor im Schnitt einmal täglich eine Flüchtlingsunterkunft in Brand gesetzt wird. Gut, dass niemandem auffällt, dass nicht einmal Syrer mit einem echten, ungefälschten Pass, die auch nach offizieller Lesart bleiben dürfen, das preis-wertere und ein wenig sicherere Flugzeug der Balkanroute vorziehen. Vor allem gut, dass auch so ein Altweibersommer nicht ewig währt. Denn natürlich werden so langsam diese Massen aus dem Nahen Osten auch uns so lästig, dass wir ihnen nicht mehr mit einem freundlichen Gesicht begegnen mögen. „Dann ist das nicht mehr mein Land“, spricht Mutter Angela. Ja, das glaube ich auch. „Wir schaffen das.“ Ja, da bin ich ganz sicher. Nur, ob sie selbst es noch einmal schaffen wird?! Ist aber auch egal...


Wie auch immer, sie hat ihre Schuldigkeit getan. Sie hat – vielleicht zum Abschied – der Welt unser freundliches Gesicht gezeigt. Und, noch viel wichtiger: sie hat – im Namen der Menschlichkeit – die EU-Regeln gebrochen, ganz Europa ins Chaos gestürzt und damit dafür gesorgt, dass überall wieder die Schlagbäume heruntergegangen sind. Irgendwie auch unsere, und wir können sagen: „weil die Anderen nicht solidarisch sind“. Wahnsinn! Endlich Schluss mit diesem ganzen EU-Quatsch. Selbstredend wird kein Europäischer Rat tagen, auf dem die Staats- und Regierungschefs feierlich beschließen, den ganzen Verein aufzulösen. Das ist auch nicht nötig, das wäre sogar eher schlecht. Die Hauptsache ist, dass wir endlich wieder machen können, was wir wollen. Übrigens auch mit den Flüchtlingen. Denn der Sommer ist vorbei.


Werner Jurga, 03.10.2015




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