
Bewegte Zeiten
Freitag, 21. Oktober. Bewegte Zeiten. Gestern Abend nach der Tagesschau der ARD-Brennpunkt, zuvor nach der heute-Sendung ein ZDF-Spezial. In beiden Fällen das Thema – na, was wohl?
Vielleicht Griechenland, weil sich in Athen, wie der ZDF-Korrespondent schilderte, am Donnerstag kein Mensch mehr auf die Straße gewagt hatte? Jedenfalls keiner, der nicht bereit war, sich an den Straßenkämpfen zu beteiligen. Jeder habe gegen jeden gekämpft, hieß es im ZDF. In der ARD wurde es etwas präziser: Anarchisten hätten versucht, eine Kette von Kommunisten zu sprengen. Während letztere das griechische Parlament abgeriegelt hatten, versuchten erstere, es zu stürmen. Mittendrin noch die staatlichen Sicherheitskräfte, viel Feuer, nur – muss man sagen – ein Toter.
Falls auch Sie der Auffassung sein sollten, die vermeintlich faulen Griechen sollten besser mal arbeiten statt zu streiken, zu demonstrieren und zu randalieren, schlage ich vor, Sie versuchen nur einmal, sich ein Bild zu machen vom Umfang der Entlassungen, der Lohnkürzungen und der Rentensenkungen, die gegenwärtig über die Hellenen hinwegrollen. Wenn Sie sich dann auch noch vorstellen, was hierzulande im Vergleichsfall los wäre – jawohl: hierzulande, bei diesen angeblich so obrigkeitsergebenen Deutschen, …
Die seit mindestens einem Jahr nicht mehr in Ruhe schlafen können, weil für diese ach so faulen Griechen im schlimmsten Fall ein Betrag fällig werden könnte, der insgesamt etwa in der Größenordnung von einem Fünftel bis zu einem Viertel dessen liegt, was die Wessis jedes Jahr an die Ossis überweisen. Ob es – so gesehen - an der Geringfügigkeit gelegen haben könnte, dass die Unruhen in Griechenland keine Sondersendung wert waren? Zumal dieses „griechische Problem“ ja auch keineswegs neu ist? Schwer zu sagen. Unruhen in Athen sind auch nichts Neues, der Tote war ebenfalls nicht der erste. Wer weiß?
Die Eurokrise ist mittlerweile soweit eskaliert, dass schon jetzt klar ist, dass der für Sonntag einberufene Gipfel ein Flop wird. Denn Frankreich und Deutschland sind sich über den nächsten Schritt im Gewürge namens Eurorettung nicht einig. Die Zeit ist knapp. Ziehen Paris und Berlin nicht an einem Strang, fliegt die Währungsunion sowieso auseinander. Hintergrund ist, genauer: ein Hintergrund ist, dass der Deutsche Bundestag sich querstellt. Dass die Opposition Mitsprache verlangt, vermag nicht zu überraschen. Aber Merkel und Schäuble verfügen doch über eine parlamentarische Mehrheit.
Wie kann das nur? Regierung international nicht handlungsfähig, Euro vor dem Scheitern. Na, wenn das kein Thema für eine Sondersendung wäre! War es aber nicht. Dass auch die „Troika“ in der Beurteilung der griechischen Haushaltslage sich nicht einig geworden ist, egal. Dass Schäuble und Rösler unterdessen Steuersenkungen für 2013 angekündigt haben, total egal. Dass die CSU von der Absprache zwischen Finanz- und Wirtschaftsminister nichts wusste und deshalb die großspurige Ankündigung (erst einmal) zurückgepfiffen hatte, so etwas von egal. Wahrlich kein Anlass für eine Sondersendung.
Ja aber … - was dann? Etwa der in der Tat bedauerliche Umstand, dass die Überschwemmungskatastrophe in Südostasien die schlimmsten Befürchtungen übertrifft? Dass Bangkok schon jetzt im Norden überflutet ist und dass zu befürchten steht, dass nach Erreichen des Scheitelpunktes der Flutwelle heute Nachmittag die Metropole mit mehr als zehn Millionen Einwohnern komplett abgesoffen sein wird? Ja, schlimm, keine Frage. Aber wo käme man da hin, wenn man für jede Naturkatastrophe eine Sondersendung anberaumen würde? Man würde doch sozusagen in der Informationsflut versinken.
Das kann freilich nicht der Sinn der Sache sein. Und außerdem: immer diese schlechten Nachrichten. Das stumpft doch ab. Gute Neuigkeiten, die bringen es! Also hatten die erwähnten Sondersendungen das Ableben Colonel Gaddafis zum Thema. Schließlich ist das ja wirklich einmal etwas Neues. Bis heute früh hatte er noch gelebt, dann war er tot. Tot oder lebendig, dazwischen gibt es nichts. Deutlicher kann man die Tatsache, dass es hier um eine echte Neuigkeit gegangen ist, gar nicht zum Ausdruck bringen. Gut, der Ex-Diktator hatte schon seit zwei Monaten nichts mehr zu sagen; aber seit gestern kann er auch nichts mehr sagen.
Eine echte Neuigkeit mit Nachrichtenwert. Und: jetzt hat Libyen die Chance auf Freiheit und Demokratie. Zugegeben: nicht ganz so neu, diese Einschätzung. Und auch noch grundfalsch. Aber egal …
Werner Jurga, 21.10.2011