Es geht ums Prinzip


"Studien über die Deutschen“



Mittwoch, 8. Juli 2015. „Ein jeder soll die Konsequenzen seines Handelns tragen“ (William Shakespeare, 1564-1616, englischer Dichter, Dramatiker). Ein Zitat, und zwar nicht irgendein Zitat, sondern das Zitat des Tages. Gestern in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Es gibt deutschere Tages-zeitungen als die WAZ; aber die WAZ ist schon ziemlich deutsch. Wobei, um es nochmal zu sagen, Shakespeare gar kein Deutscher war. Und dass ein jeder die Konsequenzen seines Handelns zu tragen hat, dürfte 400 Jahre nach Shakespeare unter erwachsenen Menschen unstreitig sein. Das ist das, was ich an der WAZ so schätze: selbst die abstoßendste deutsche Blödheit und Kleinkariertheit wird der tendenziell schrumpfenden Lesergemeinde – Geiz ist nun einmal geil – als hoch-kulturell serviert. Hochkultur, so nennen die Deutschen das, was in zivilisierten Ländern Civilisation oder so ähnlich heißt.


Die WAZ-Titelseite am 7. Juli, eigentlich wie immer: unten rechts das Zitat des Tages, oben links das Wetter: „Heute“, also gestern, noch eine Idee Sonne, aber auch schon Regen. „Morgen“, also heute, nichts als Regen. Kommentar der WAZ: „Tja, so ist das, wenn man Nein zur Hitze sagt: Dann hat man eben gar keinen Sommer mehr.“ Im Wetterbericht wandelt sich das Shakespearesche Verantwortungs-gebot in die Bestrafungslust des deutschen Spießers. Mit einer Prise augenzwinkernden Humors; denn dass es sich beim Wetter nicht zwingend um eine Strafe Gottes handeln muss, ahnt auch der wild gewordene deutsche Spießer. Und findet es äußerst ungerecht. Gerechtigkeit liegt ihm nämlich sehr am Herzen. Gerechtigkeit klingt auch einfach deutlich besser als Rache. Hans-Peter Friedrich, vermeintlich unglücklich gestolperter Ex-Innenminister, sagt: „Die Griechen haben das Recht, Nein zu sagen. Und jetzt haben wir das Recht, ebenfalls Nein zu sagen."


Wolfgang Münchau, international renommierter Wirtschaftsjournalist, der seit Monaten, wenn nicht Jahren sein deutsches Publikum vor den Folgen eines Scheiterns des Euro warnt, schreibt: „Für mich als Deutschen, der jetzt seit vielen Jahren im Ausland lebt, ist es immer erstaunlich zu sehen, wie ein Land mit starken Wurzeln im Humanismus und Rationalismus, mit seinen großen Wissenschaftlern und Ingenieuren, sich in Debatten immer wieder emotional verrennt. So wie sich unsere Großväter sich im Jahre 1914 auf einen kurzen Krieg freuten, so verlangen deutsche Konservative heute den Grexit. Einige von ihnen wissen sehr wohl, dass ein Grexit den Euro langfristig destabilisieren wird.“ Doch darum geht es nicht. Dem Deutschen geht es ums Prinzip. Und das heißt: „Strafe muss sein.“ Wenn sich das jeder erlauben würde... - Wirklich keine Übertreibung meinerseits: führende deutsche „Verantwortungsträger“ argumentieren allen Ernstes genau so.


Für Münchau „ist es immer erstaunlich zu sehen“, wie Deutschland sich „immer wieder emotional verrennt“. Wolfgang Münchau ist Wirtschaftsjournalist, will sagen: das Beantworten von Fragen nach dem Nationalcharakter einzelner Völker fällt auch nicht in sein Aufgabengebiet. Dagegen sind für jemanden, der sich mit den Besonderheiten deutscher Entwicklungen befasst hat, die neurotischen Verhaltens-muster, die im Umgang der Deutschen mit der Griechenlandkrise offenkundig werden, alles andere als überraschend. Auch Münchau hat immerhin den Verdacht („immer wieder“), dass wir es hier nicht mit einer Zufälligkeit zu tun haben. Die grundlegende und m.E. bedeutendste Arbeit zum „deutschen Wesen“ hat Norbert Elias geliefert. Seine „Studien über die Deutschen“ widmen sich der „Frage nach den spezifisch deutschen Traditionen, die den Ausbruch der Barbarei in der Nation von Goethe, Schiller und Kant möglich gemacht haben (und wieder möglich machen könnten)“.


Der Blick für die Besonderheiten deutscher Entwicklungen wird geschärft durch Vergleiche mit Entwicklungen in anderen Ländern“, schreibt der Herausgeber. Im folgenden Zitat – es ist die einzige Passage, die ich zitieren werde, da es verständlicherweise ganz unmöglich ist, in diesem Rahmen Elias´ Werk auch nur annähernd zu rezipieren – vergleicht Elias Deutschland mit Großbritannien, wo er lange Zeit gelebt hatte: „In Deutschland dagegen war man geneigt, die Unvereinbarkeit der beiden Kanons (also das Kriegerethos des Entweder-Oder und den Kompromiss- und Moralkanon bürgerlich-egalitären Denkens, Zus.d.Verf.) herauszustreichen. Es gab in Bezug auf sie nur ein Entweder-Oder. Kompromisse zwischen ihnen waren, entsprechend dem ganzen Tenor des deutschen Denkens, unsauber; sie galten als ein Produkt verworrenen Denkens, wenn nicht als schlankweg unehrlich.“ (Norbert Elias: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. von Michael Schröter. Frankfurt am Main 1992, S. 210f.)


Einige ältere Leser mögen nachempfinden können, was Elias als deutsche Wahrnehmung „des“ Engländers beschreibt: nicht gradlinig, letztlich verlogen, aber verweichlicht, also nicht einmal hart gegen sich selbst. „Der Deutsche braucht keinen Schirm. Der Engländer trägt Schirm.“ Weiter im Text von Norbert Elias: „Deutsche, die der Meinung waren, dass die widersprüchlichen Aspekte eines moralischen und eines nationalistischen Normenkanons keiner Kompromisslösung zugänglich seien, unterstellten implizit, dass Engländer die amoralischen Züge einer nationalistischen Machtpolitik ebenso wie sie selbst erkannten, sie aber bewusst unter einem Deckmantel der Moral verbargen. Von ihrer eigenen Denkweise her konnten sie das englische Streben nach Kompromisslösungen nicht anders begreifen denn als ein Stück gezielter Täuschung - als Heuchelei.“ (ebd.)


Diese Denkweise, die „deutsche Weltanschauung“, ist geworden. Sie hat sich herausgebildet „im Kontext sowohl langfristiger Prozesse als auch der Machtverhältnisse verschiedener Gruppen innerhalb der Gesellschaft“, in der Verflochtenheit innerstaatlicher mit zwischenstaatlichen Ereignissen“ (Michael Schröter im Vorwort des Herausgebers). Es handelt sich hier um eine soziologische Analyse und eben nicht um die heutzutage mancherorts chice „antideutsche“ Neigung, biologistische Versatzstücke aus der Rassenideologie der Nazis mit umgekehrten Vorzeichen aufzubereiten, indem an der Aufteilung der Menschheit in Deutsche und Nichtdeutsche festgehalten wird. Allerdings sind, und darauf möchte ich mit diesem Beitrag hinweisen, Spezifika in den jeweiligen nationalen Entwicklungen, wie so vieles auf dieser Welt, erklärbar. Also auch verstehbar und deshalb in die Beurteilung von Chancen und Risiken miteinzubeziehen.


Niemand ist verantwortlich für das, was ihm als Gepäck mit auf den Weg gegeben wurde. Aber „ein jeder soll die Konsequenzen seines Handelns tragen.“ Dies geben Deutsche jetzt den Griechen mit auf den Weg. Wohl wissend, dass es sich um den Weg ins Verderben handelt. Man kann sein Handeln mit einer möglicherweise schweren Kindheit erklären, aber man kann es nur zum Teil damit entschuldigen. „Mildernde Umstände“ pflegen die Strafrichter den Übeltätern in diesen Fällen zuzubilligen. Ein in sich schon etwas undeutsches Verfahren, weshalb die Deutschen jetzt, wo es hart auf hart steht, auch nicht darauf zurückgreifen mögen. Das Streben nach Kompromisslösungen ist ihnen nun einmal als ein Produkt verworrenen Denkens als geheuchelt zutiefst zuwider. Sie wissen, dass sie die Griechen in die Hölle stoßen. Sie ahnen, dass es sie selbst mit hinunter reißen könnte. Warum sonst diese Aufregung hierzulande? Die Deutschen ahnen es; aber es darf einfach keine Rolle spielen! Es geht ums Prinzip.


Werner Jurga, 08.07.2015





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