Nach dem hellenischen Referendum: 

isch over


Montag, 6. Juli 2015. Im Grunde war das, was ich heute vor einer Woche geschrieben hatte, gar nicht verkehrt. Das Meiste, was in dem Artikel „Blöde Sache für Angela Merkel“ steht, hat sich sogar als treffend herausgestellt. Doch jetzt, eine Woche später, die Volksabstimmung in Griechenland ist gerade über die Bühne, muss weitergedacht werden. Die Dinge in dem Aufsatz sind schlicht nicht zu Ende gedacht, und so kann es nicht überraschen, dass sich ganz unscheinbar ein kleiner Fehler in meine Überlegungen eingeschlichen hatte – unglücklicherweise ein ungemein folgenschwerer.


Doch ich bitte um Verständnis, dass ich zunächst einmal auf das verweisen möchte, was sich als richtig erwiesen hat. Aus Sicht der Kanzlerin stand sie nach Tsipras´ Ankündigung des Referendums vor dieser Situation: „Jetzt heißt es: Ruhe bewahren. Es ist Zeit satt. In dieser Woche soll sowieso nichts passieren, logisch: die Volksabstimmung in Griechenland ist nicht zu verhindern. Also wird denen der Geldhahn zugedreht.“ Ob auch Frau Merkel gehofft hatte, auf diese Art und Weise den Urnengang gewinnen zu können und damit die Syriza-Leute los zu sein? - Schwer vorstellbar, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.


Aber egal. „Eine große Show in wahlkampffreier Zeit“, schrieb ich, „insofern durchaus nicht ganz unwichtig. Aber eben auch nicht wirklich wichtig. Wirklich wichtig wird die Woche danach.“ So ist es, wobei ich eingestehen muss, dass es keinerlei prophetischer Gaben bedurfte, um zu dieser ungeheuren Einsicht zu gelangen. Immerhin: In einem Land, in dem sich nicht nur die Nummer Eins, sondern die gesamte Gefolgschaft aus Politik und Medien an die Hoffnung geklammert hatte, den griechischen Spuk mit einem Wahlsieg durch Not und Hunger beenden zu können, war das schon mal mehr als nichts.


Bekanntlich ist Frau Merkel intelligent, so dass nicht davon auszugehen ist, dass sie die Möglichkeit, die Griechen würden für die abermalige Kürzung ihrer Renten und für die abermalige Erhöhung ihrer Steuern stimmen - mit der Perspektive, dass dies bei der nächsten großzügigen Kreditgewährung abermals so weitergeht, niemals ernsthaft in Betracht gezogen hat. Dass sie niemals ernsthaft in Betracht gezogen hat, das gefährliche Problem Griechenland gestern Abend eben nicht ein für alle Male vom Hals zu haben. Folglich ist der Kanzlerin schon seit einer Woche klar, dass sie eine Idee braucht. Eine verdammt gute Idee.


Nur: welche Idee? Blöde Sache für Angela Merkel.“ Denn die Lage ist dermaßen suboptimal, dass es diese verdammt gute Idee gar nicht gibt, gar nicht geben kann. Na sicher, jede Entscheidung ist eine Entscheidung zwischen zwei nicht ganz optimalen Varianten, sonst wäre es keine. Keine Entscheidung. Aber jetzt ist die Sache wirklich blöd, verdammt blöd. Denn das ganze System Merkel ist an sein Ende geraten. Um ihren Finanzminister zu zitieren: isch over. Der erste Reflex, ganz amüsant: der Versuch, Deutschland und damit seine Richtlinienkompetente aus der Schusslinie zu nehmen.


Es ginge ja gar nicht, ist jetzt allerorten zu hören oder zu lesen, „nur“ um Deutschland, sondern um 18 weitere „betroffene“ Länder der Eurogruppe, die ebenfalls etwaigen weiteren Hilfen zustimmen müssten. „Nur“ um Deutschland – drollig, wenn man sich erinnert, welch nationalistischer Stuss aus denselben Schädeln im Regelfall abgesondert wird. Dann dieses widerwärtige Implikat: Ja! Wenn es nur um „uns“ ginge. Wir hätten es ja. Aber die Anderen sind doch leider selbst genauso arm wie, wenn nicht ärmer als die Griechen. Verständlich: wenn der Karren in den Sand gefahren ist, will man es nicht gewesen sein.


Jeder, wirklich jeder weiß um die führende Rolle Deutschlands innerhalb der Eurozone. Jeder weiß, dass ohne Merkel nichts, aber auch gar nichts geht. Das Prinzip Einstimmigkeit. So gefragt: Könnte der Chef oder die Chefin Estlands Hilfen für Griechenland verhindern, wenn die EU ansonsten dafür wäre? Oder könnte der Chef oder die Chefin Slowakiens sich gegen den Grexit sperren, wenn alle Anderen die Griechen rausschmeißen wollten? Andere Frage: Wissen Sie eigentlich, ob die Slowakei und Slowenien eine gemeinsame Grenze haben oder nicht? Schluss mit dem Quatsch!


In der EU sagt Frau Merkel an. Und „selbstverständlich“, hatte ich gedacht, „kann und wird sie diesen Grexit nicht zulassen“. Dies war stets ihre Devise, und ich bin einfach davon ausgegangen, dass sie nach wie vor Bestand habe. Dabei hatte ich jedoch nicht in Rechnung gestellt, dass auch ihr selbst klar sein muss, dass ihr ganzes System, nämlich das System Merkel, an sein Ende geraten ist. Insofern befürchte ich stark, dass ich mich in diesem Punkt geirrt haben könnte. Schlimmer noch: ich bin beinah sicher, dass ich mich geirrt habe. Das ist nicht schön. Für mich nicht, für sie nicht, und, das Schlimmste: auch sonst nicht.


Die Indizien mehren sich, dass Merkel die ganz harte Linie fahren wird und den Grexit einleiten lässt. Sie hat das nicht gewollt, sie will das nicht, und das wird ihr auch - politisch-metaphorisch gesprochen - das Genick brechen. Tsipras war dann doch eine Nummer zu groß für sie. Tragischer als für die Protagonisten des Dramas ist dieser Super-GAU freilich für die Menschen in Griechenland, klar. Noch tragischer: er markiert die Einleitung einer weiteren Wende in der Weltgeschichte – nach zuletzt 1989/90.


Die Wendejahre 2015/16 werden in Erinnerung bleiben als der Abschied Europas vom Zentrum der Geschichte. Der gute "alte Kontinent" wird zu einer der diversen Peripherie-Regionen. Es bleiben das ostasiatische Zentrum China / Japan / Tigerstaaten und natürlich Nordamerika. Schade um die deutsche Automobilindustrie und den Maschinenbau. Wobei: auch ohne diesen Euro-GAU hätte dieses deutsche Modell mittelfristig gegen die ostasiatische Konkurrenz keine Chance. In der IuK-Technologie sind die US-Konzerne ohnehin uneinholbar vorn. Um Herrn Schäuble zu zitieren: isch over.


Werner Jurga, 06.07.2015




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