Schlange vor einem Geldautomaten in Athen (ZDF-Screenshot)



Das große Grexit-Sommertheater im


Sommerloch


Dienstag, 30. Juni 2015. Natürlich. Sonnenklar, das ist es. Dass ich da aber nicht gleich drauf gekommen bin! Liegt es am fortschreitenden Alter oder an der plötzlichen Hitze im Lande? Vermutlich an beidem. Ärgerlich. Aber noch ärgerlicher als ihre Ursache ist diese Begriffsstutzigkeit selbst. Natürlich. Sonnenklar. Das Sommerloch ist es. Am Wochenende haben die Sommerferien begonnen. Glück für mich: damit habe ich nämlich neuerdings nichts mehr zu schaffen. Insofern habe ich nun doch eine halbwegs tragfähige Ausrede dafür, dass mir nicht sogleich klar war, warum jetzt überall so ein Terz wegen dieser Griechen veranstaltet wird. Die Sommerferien sind zwar ein Segen für die Schüler, für die Politiker ist das Sommerloch jedoch ein Fluch. Auch für die Medien: einigermaßen suboptimal.


Denn die Zeitungen müssen irgendetwas schreiben. Auch dann, wenn im Grunde nichts passiert ist. Die Fernsehnachrichten müssen irgendetwas bringen. Auch wenn eigentlich nichts zu berichten ist, was irgendwie wichtig wäre. Und die Politiker müssen selbstverständlich zusehen, dass sie die nötige Medienpräsenz vorweisen können. Andernfalls würde das Feld von Hinterbänklern besetzt oder, schlimmer noch: von der Konkurrenz. Auch die politisch interessierte Fraktion der Netzgemeinde hat keinerlei Interesse daran, wochenlang nichts Gescheites zu haben, worüber es sich trefflich empören, erregen und echauffieren lässt. Kurzum: von so einem gelungenen Agenda-Setting haben eigentlich alle etwas. So gesehen ist die Thematik Griechenpleite und / oder Grexit geradezu optimal gewählt.


Das lässt sich ja überhaupt nicht abstreiten. Schauen Sie sich Ihre Zeitung an! Oder wenn Sie nicht mehr Zeitung lesen, sehen Sie sich das auf den entsprechenden Seiten im Internet an! Oder auf Google News. Oder wenn Sie auch nicht so ein Internet-Typ sind, schalten Sie einfach die Glotze an. Die Nachrichten, die Talkshows, die allabendlichen Sondersendungen. Ein Spektakel, eine Hysterie... - dabei: eigentlich Quatsch. Aber trotzdem: die Politiker ganz genauso. Ungeheuerlich, diese Griechen. Wenn dieser Tsipras nicht, dann... Und überhaupt: Nötigung, Erpressung... - also: die nötigen und erpressen uns. Nicht etwa umgekehrt. Aber wem erzähle ich das?! Sie haben das alles, ob Sie wollten oder nicht, gelesen, gehört, gesehen oder so.


Sie wissen ja Bescheid. Das trifft sich gut; denn da können Sie mir bestimmt auch sagen, womit uns die Griechen eigentlich erpressen. Das habe ich nämlich – wegen des Alters oder wegen dieser Hitze – immer noch nicht so richtig verstanden. Ich meine, es ist doch so: wenn die Griechen pleite machen, und wenn es gar zum Grexit kommt, also wenn die jetzt endlich aus dem Euro rausfliegen, dann ist das zwar bitter für die vielen armen Menschen in Griechenland, für uns aber doch eher gut, zumindest aber völlig ungefährlich. Nur: womit erpressen die uns denn dann? „Wenn Du mit mir Schluss machst, dann bringe ich mich um!“ Ist es das? Nun, ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Hochfinanz und Spitzenpolitik auf dem Niveau pubertärer Teenies zankt. Doch selbst wenn, irgendwie hinkt der Vergleich.


Es ist nämlich nicht ganz klar, wer in dem aktuellen Showdown der Schlussmacher wäre und wer der Erpresser. Da wir allerdings wissen, dass die Griechen die Erpresser sind, wären es folglich wir, die Schluss machen wollen. Okay, das sagen wir zwar nicht offiziell. Das sagen unsere Offiziellen nicht. Aber klar: wir wären froh, wenn wir diese Griechen los wären. Das wollten gestern beim Telefon-Voting 95 % der Anrufer bei n-tv. Keine repräsentative Umfrage, aber wir können davon ausgehen, dass der Anteil der Deutschen, die für den Grexit sind, zur Zeit steigt. Mehr als zwei Drittel waren es ohnehin schon. Und das ist ja auch logisch: wenn die Griechen erst einmal draußen sind, dann geht es mit dem Euro so richtig aufwärts. Es müssen sich halt alle an die Regeln halten, sonst kann das gar nicht funktionieren.


Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Das ist ja klar. Wobei: dieser Schrecken käme nur über die Griechen. Die armen Menschen, die Kinder – das ist natürlich furchtbar. Der Tsipras und seine ganzen linken Brüder wären das dann schuld. Verstehe ich das richtig, dass Unsere jetzt wegen der unschuldigen griechischen Kinder den Grexit verhindern wollen? Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich alters- wie wetterbedingt ständig bestusster werde. Will sagen: Verarschen kann ich mich auch allein. Schließlich weiß ich doch: die Griechen haben eine Demokratie. Wir aber auch! Und unsere Politiker sind für uns da. Okay, vor allem für „die Steuerzahler“, aber eben für unsere Steuerzahler. Das muss sich dieser Tsipras mal hinter die Ohren schreiben! Unsere Politiker werden von uns gewählt.


Und uns kann nichts passieren. Die ganze Sache mit dem Grexit ist mittlerweile – vor fünf Jahren war das anders – absolut risikolos. Wir, also alle anderen Europäer, sind vorbereitet. Die Schutzmauern sind hoch gezogen, eine Ansteckungsgefahr besteht nicht. Jedenfalls nicht mehr. Sollten dennoch diese ekelhaften Spekulanten etwas versuchen wollen, nietet sie der Draghi von der EZB mit seiner großen Bazooka einfach um. Der kann mit unendlich viel Geld so viel kaufen, wie er will. Gegen ihn kommt keiner an. Gegen uns kommt keiner an. Schmeißt sie raus, die ätzenden Griechen! Es kann alles nur besser werden. Ich verstehe überhaupt nicht, was diese ganzen Sondersitzungen, Sondersendungen und überhaupt dieses ganze Theater jetzt noch sollen. Überflüssig. Ach so. Mensch, ich bin aber auch dösig: alles Sommertheater im Sommerloch.


Werner Jurga, 30.06.2015





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