Merkel, Tsipras und der Grexit

Teilweise kommunistisch

Blöde Sache für Angela Merkel


Montag, 29. Juni 2015. Tja. Das ist jetzt blöd. Das mit dem Grexit. Blöd für Angela Merkel. Natürlich nicht nur für Frau Merkel. Das liegt in der Natur der Sache angesichts dieser doch ein wenig komplexen und komplizierten Materie. Grexit – ich denke, Sie wissen Bescheid: diese modische Wortneuschöpfung aus Greece und Exit steht für ein Ausscheiden Griechenlands aus der Europäischen Währungsunion. Grexit – das klingt flott, das klingt frisch. Ein Wort wie von einer Werbeagentur in die Welt gesetzt. Immerhin sind zwei Drittel der Deutschen, wenn man den Meinungsumfragen glauben darf, dafür. Mindestens zwei Drittel. Dafür, dass uns die Pleite-Griechen (Bildzeitung) mit ihrer Schuldenkrise (seriöse Medien) nicht in ihren ganzen Schlamassel mit hinein ziehen. Und überhaupt: das war doch nicht mehr zu ertragen. Ständig dieses Griechen-Gedöns. Seit fünf Jahren geht das jetzt schon so. Und seit fünf Monaten, also seitdem diese teilweise kommunistische Regierung (Sigmar Gabriel) dort am Ruder ist, scheint es überhaupt nichts anderes mehr zu geben.


Da muss man diesem Alexis Tsipras fast schon dankbar sein, dass er am Samstagnachmittag diesem ganzen Zirkus (Horst Seehofer) ein Ende bereitet hat. Sie haben das ja gelesen: der griechische Regierungschef will am nächsten Sonntag sein Volk darüber abstimmen lassen, ob es die Kreditauflagen der Gläubiger (former known as Troika) akzeptiert oder eben nicht. Das hat der Sigmar Gabriel ganz spontan ziemlich sinnstiftend gefunden, „weil man keinem Volk verbieten kann oder keiner Politik verbieten kann, die Bürgerinnen und Bürger zu fragen“. Gut, das kann man tatsächlich nicht, genauso wenig, wie man keiner Partei und keinem Vorsitzenden verbieten kann, schon vor dem Nachdenken dem Deutschlandfunk ein Interview zu geben. Aber kein Problem für Siggi-Pop. Was stört ihn schon sein Geschwätz von gestern?! Am Sonntag erzählt er im ZDF, dass er sich ins Zeug legen werde, dass die Griechen erfahren, worüber sie nächsten Sonntag zu befinden haben, und dann werde das schon... - auch kein Problem: daran erinnert sich am nächsten Sonntag ohnehin kein Mensch mehr.  


Denn am nächsten Sonntagabend, wenn die ersten Hochrechnungen verkünden, dass das griechische Volk in der ihm eigenen Sturheit Sigmar Gabriels Aufklärungsarbeit ignoriert hat und stattdessen so dreist ist, einer Mehrwertsteuererhöhung, weiteren Rentenkürzungen und der fortgesetzten Erdrosselung seiner Wirtschaft die demokratische Legitimation zu verweigern, denkt kein Mensch mehr an den inzwischen eine Woche alten Eiertanz des Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie. Nicht einmal in Deutschland. Und das ist ganz schön blöd. Blöd für Angela Merkel. Weil in Sachen Euro ohnehin die Leute ständig an Merkel denken, und zwar überall. Also auch in Griechenland. Aber erst recht auch hier. Und jetzt das! Damit hatte sie nicht gerechnet; das hatte sie ihm nicht zugetraut. Dabei hatte sie stunden-lang mit ihm gesprochen, die Frau Merkel mit dem Herrn Tsipras. Der Spiegel weiß zu berichten, dass die Chemie zwischen den beiden gestimmt habe. Griechische Medien hatten schon über Tsipras gespottet, weil dieser nun angeblich eine neue gute Freundin gefunden habe.  


Angela Merkel ist ein Profi. Ja sicher. Sie hat freilich diesem teilweise kommunistischen Neuling unter den Regierungschefs nie so richtig über den Weg getraut. Schließlich traut sie niemandem über den Weg. Und teilweise kommunistischen Leuten sowieso schon mal überhaupt nicht. Merkel hätte es ja auch nicht gern mit Merkel zu tun. Allein schon diese teilweise kommunistische Art! Geduldig alles ertragen, sich nichts anmerken lassen, aber wenn die Gelegenheit da ist: genau in der richtigen Sekunde erbarmungs-los zuschlagen. Zum Beispiel die AKW-Laufzeiten: immer schön ganz unauffällig für deren Verlängerung gewesen. Doch als dann diese Sache in Fukushima war: Schluss, Aus, Ende. Blitzschnell der Atom-ausstieg, verkündet par ordre du mufti. Acht Reaktoren werden sofort abgeschaltet, die restlichen Meiler bis dann und dann. Ruhe im Karton, es geht weiter mit vermeintlicher Entscheidungsschwäche, angeb-lichem Zögern und Zaudern. Heute wird Frau Merkel liebevoll „Mutti“ genannt. Das ist für sie besser, als wenn sie wegen diesem Kernkraft-Thema abgewählt worden wäre.  


Wenn´s drauf ankommt, dann muss man die Anderen einfach mal überrumpeln. So wie jetzt der Alexis die Angela. Ja, europäische Regierungschefs duzen sich. Alle. Das ist die Regel. Gott sei Dank, sonst würden noch... - egal: die Angela findet den Alexis wirklich ganz gut. Und das heißt eben auch: sie hält ihn für brandgefährlich. Deshalb ist Merkel auch – clever wie sie ist – am Donnerstag hingegangen und hat verkündet, dass sie mit diesem ganzen griechischen Malheur nichts mehr zu schaffen habe. „Ich bin draußen.“ Jetzt konnte Tsipras mal sehen, dachte sich Merkel, wie er mit diesen ätzenden Beamten-schädeln in Brüssel, Frankfurt und sonst wo zurechtkommt. Dass ihr neuer Freund Alexis derartig beinhart einsteigen wird, mit solch hohem Risiko, so rücksichtslos gegen sich selbst und Andere... - das hatte die gute Mutti Angela schlicht nicht auf dem Schirm. Sie hatte das Duell an einen Punkt getrieben, an dem der Unterschied der beiden teilweise kommunistischen Wesen offen zutage treten musste. Ob sie wirklich geglaubt hatte, dass ein Typ wie Tsipras den Fall der Mauer in der Sauna hockend verpennt hätte?! 


Punkt für Tsipras. Jetzt heißt es: Ruhe bewahren. Es ist Zeit satt. In dieser Woche soll sowieso nichts passieren, logisch: die Volksabstimmung in Griechenland ist nicht zu verhindern. Also wird denen der Geldhahn zugedreht. Mal sehen, ob die so ein Referendum innerhalb von nur einer Woche störungsfrei hinkriegen. Merkel weiß freilich, dass Tsipras den europäischen Eliten keine Zeit einräumen durfte, für ihre griechischen Klassenkameraden Wahlkampf zu machen. Deshalb weiß sie auch, im Gegensatz zu ihrem drolligen sozialdemokratischen Vize, wie die Abstimmung am Sonntag ausgehen wird. Man wird die Zustimmung der bockigen Griechen nicht unter die Zweidrittelmarke drücken können. Vielleicht wird Merkel den deutschen Partei- und Fraktionsspitzen das Gegenteil erzählen. Vielleicht macht man diese Woche noch einen EU-Gipfel, vielleicht auch nicht. Alles nicht wirklich wichtig. Diese Woche wird hysterisch, Merkel wird ihre Sprachregelungen den Gysis und Gabriels, den Oppermännern und Hofreitern heute darlegen. Die Koalitionäre und Oppositionellen werden ihren Brei daraus formen.  


Eine große Show in wahlkampffreier Zeit, insofern durchaus nicht ganz unwichtig. Aber eben auch nicht wirklich wichtig. Wirklich wichtig wird die Woche danach. Das unsägliche Elend der Menschen in Griechenland wird dann schon tagelang auf den Flimmerkisten dieser Welt zu bestaunen gewesen sein. Dadurch wird der Druck auf Merkel, das Problem zu lösen, nicht kleiner. Selbstverständlich kann und wird sie diesen Grexit nicht zulassen. Tsipras weiß das. Das Blöde an der Sache: sie kann ihm den Gewinn des ganzen Satzes nicht gönnen. Wie stünde sie dann da vor ihren – sagen wir mal: Kollegen? Vor den Staats- und Regierungschefs in Europa und der Welt? Mehr noch: wie stünde sie da vor den, wenn man den Meinungsumfragen glauben darf, zwei Dritteln der Deutschen, die dafür sind, dass die „Pleite-Griechen“ rausgeschmissen werden?! Abwarten. Vielleicht macht sich bei den Deutschen angesichts der Bilder aus Griechenland so etwas wie Mitleid breit. Unwahrscheinlich. Darauf kann Merkel ihr politisches Überleben nicht setzen. Aber eine Idee muss her! Für eine große Schuldenkonferenz, Griechenkonferenz oder so etwas. Mit Top-Besetzung, klar. Nur: welche Idee? Blöde Sache für Angela Merkel. 


Werner Jurga, 29.06.2015




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